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Adriana lässt grüßen

von
Michael G. Fritz

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Erzählt wird die Geschichte von Boris Helmer, Mitte fünfzig, verwitwet, freiberuflicher Software-Programmierer, kein Kostverächter, was Frauen angeht. Sobald jedoch eine versucht, ihn enger an sich zu binden, geht er auf Distanz.

Als er in Köln seinen Koffer aus der Gepäckaufbewahrung holen will, bekommt er einen abgeschabten Lederkoffer, der ihm nicht gehört. Er hätte ihn gleich zurückgeben können, aber das tut er erst viel später. Der Koffer ist voller Fotos, sie zeigen immer dieselbe Frau, mal als niedliches Kleinkind, mal als rock´n-rollenden Teenager, dann wieder als reife Frau mit kurzem blondem Haar, grünen Augen und einem ansteckenden Lachen. Boris ist so fasziniert, dass er sich auf eine mehr als abenteuerliche Suche begibt. Wonach? Nach Adriana, den Namen hat er auf der Rückseite eines der Fotos entdeckt.

"Adriana läßt grüßen" stand dort. Oder ist das nur ein anderer Name für Glück? Auf jeden Fall nimmt ihn die Suche nach dieser Frau so sehr in Anspruch, dass er alles andere vernachlässigt: seinen Beruf, sein Aussehen, nicht einmal andere Frauen scheinen ihn mehr zu interessieren. Dabei begegnet er in Köln ebenso wie in seiner Heimatstadt Berlin so skurrilen Typen wie Mark, der mit seinen Krawatten angibt, auf denen Frauen mit gespreizten Beinen abgebildet sind; dem Redakteur der Obdachlosenzeitschrift Schotter, den Straßenkünstlern, die Spinnenrennen auf dem Ku'damm veranstalten (und ihn später aus seiner Wohnung verdrängen) oder dem buckligen, hinkenden alterslosen Mann mit dem bemoosten Handrücken.

Dieser war übrigens auch schon in den Erzählungen seines Großvaters und seines Vaters immer wieder aufgetaucht. Und so wird schließlich ein Netz geknüpft, das örtlich bis nach Königsberg im damaligen Ostpreußen und zeitlich bis zum Ersten Weltkrieg zurückreicht. Ein Panorama der prall gefüllten Leben seiner und befreundeter Familien entsteht. Es ist faszinierend, wie Michael G. Fritz es versteht, jene Schicksale aus mindestens hundert Jahren lebendig werden zu lassen, ohne die Gegenwartsebene (die Suche nach Adriana) je aus den Augen zu verlieren. Immer wieder wird der Leser in die Gegenwartsebene zurückgeführt, ohne, dass die Spannung dadurch beeinträchtigt würde.

Als Boris Helmer (sein Vorname stammt vom russischen Großvater) einen Artikel? für die Obdachlosenzeitschrift schreiben soll, rät ihm der Redakteur, sich bei den Comics etwas abzuschauen: Klare kurze Dialoge?, Reduzierung, Reduzierung und nochmals Reduzierung! Boris will es versuchen, setzt sich sogar über die geltende Rechtschreibung? hinweg, indem er einfach alles klein schreibt.

Michael G. Fritz hingegen ist weit entfernt von Reduzierung. Er schwelgt in Worten, in fulminanten Sprachbildern, die zu lesen sinnliches Vergnügen bereitet. Doch die neue Rechtschreibung erscheint wohl auch ihm aberwitzig, deshalb erscheint der Roman nach den Regeln der alten Rechtschreibung?. Dem Lesevergnügen tut das keinen Abbruch.

Autorin: Monika Kunze

Literaturangaben

  • Fritz, Michael G.: Adriana läßt grüßen. Roman. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2012, 288 Seiten, gebunden, Preis: 16,95 €, ISBN: 978-3898129329

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