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Aku-Aku

von
Thor Heyerdahl

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Etwa mit 13 Jahren muss ich Thor Heyerdahls? archäologische Reisebeschreibung der Osterinsel zum ersten Mal gelesen haben. Damals war mir gerade klar geworden, dass Karl May „gelogen“ hatte, und ich war sehr darauf bedacht, Erfundenes und Wahres klar unterscheiden zu können. „Aku-aku“ aber ähnelte jener Welt, wo sich beide Ebenen offenbar noch einmal versöhnten und die mir als Leser auch schon ein wenig vertraut war.

Es gab keine wirklichen Widersprüche Melvilles? "Typee", Jack Londons? und R. L. Stevensons? Berichten und Geschichten aus der Südsee oder Nordhoff/Halls "Meuterei auf der Bounty". Routen und Rituale kehrten wieder und beglaubigten einander. Immer war in diesem subtropischen Archipel einsamer Inseln, unheimlicher nächtlicher Geister, endloser Hula-Tänze und im Erdofen gebackener Wildschweine das große Lied der Südsee zu hören. Nun also ging es auf eine neue unerhörte Reise dorthin, diesmal zu einem Eiland mit dem seltsamen Namen „Osterinsel“.

Heyerdahls Unternehmen hat 1955/56 stattgefunden. Ein Jahr danach erschien seine Beschreibung der Reise bereits im Deutschen, bald darauf muss ich sie gelesen haben. Damals gestand man der Osterinsel allenfalls in großen Lexika? einen kleinen Eintrag zu. Heute gibt es Romane, die dort spielen, Filme, Comics, ja sogar – und das will mir wie eine Entweihung des mittlerweile schon halbmythischen Leseerlebnisses meiner Jugend erscheinen – Reiseführer, einen Flugplatz und Internet-Anschluss. Ich könnte also mit einem Nachkommen jener „Langohren“ chatten, die in Hunderten von rätselhaften Kolossalstatuen verherrlicht worden sind.

Aber in Wirklichkeit werde ich keinen weiteren Gedanken an solchen Unsinn verschwenden. Wozu liegt diese Insel schließlich 2.300 Meilen von der Küste Perus und Nordchiles entfernt? Wozu 1.200 Meilen von der nächsten vorgeschoben Insel Ostpolynesiens, die Pitcairn heißt? Hier hatten sich die Bounty-Meuterer versteckt und Fletcher Christian dafür gesorgt, dass sie das berüchtigte Schiff hinter sich verbrannten. Noch heute liegt es vor der Einfahrt, und Heyerdahls Taucher haben es dann wiederentdeckt. Aber das ist eine andere Geschichte. Die Osterinsel wird das „einsamste Eiland der Welt“ genannt. Also steht es eigentlich nur echten Abenteurern und Forschern zu, sie zu betreten. Und schreiben darf über sie nur, wer ihr Geheimnis erforscht hat, ohne ihm das Geheimnisvolle zu nehmen.

Thor Heyerdahl? ist das in seinem Buch auf eine ganz eigene, auch von ihm selbst nicht mehr übertroffene Weise gelungen. Er hat die Forschung mit den modernsten Methoden jener Jahre weitergeführt, sich aber gleichzeitig derartig in die Geisterwelt der Aku-akus eingelebt, dass er sich zum Schluss des Buches sogar mit seinem persönlichen Geist unterhalten konnte, ohne dass es im Geringsten befremdlich wirkte.

Natürlich sind ihm auch Fehler unterlaufen, kein Forscher ist davor sicher. Die Fachwelt hat sie dem von seiner Idee Beseelten später mit Hohngelächter vorgeworfen. Dabei hätte es diesen Spezialisten nicht minder freigestanden, ein Schiff auszurüsten, hinzureisen und besser zu machen, was seit der Entdeckung der Insel am 6. April 1722, einem Ostermontag, bis in unsere Tage so gut wie gänzlich versäumt worden war. Bis dann eben Heyerdahl kam.

In einem weltentrückten Badeteich auf Taipi (dem Melville’schen Typee) setzt er sich mit seinem Aku-aku über die verschiedenen Vorgehensweisen des Erforschens auseinander. „Die Spezialisten engen sich immer mehr ein“, meint sein unsichtbares Helferlein, „buddeln sich tiefer und tiefer, bis sie einander – jeder in seinem Loch sitzend – nicht mehr sehen können. Aber die Resultate bringen sie wenigstens säuberlich zutage. Da müsste dann ein dritter Spezialist kommen, und der geht uns bisher ab. Er darf sich nicht mit hinein in die Löcher locken lassen, sondern muss oben auf dem Erdboden bleiben und all die verschiedenen Resultate zusammensetzen.“ – „Eine Aufgabe für einen Aku-aku!“, sagte ich. – „Nein, eine Aufgabe für einen Gelehrten“, protestierte mein Aku-aku. „Aber als Aku-aku könnte man ihm ja ab und zu einen Tipp geben.“

Die Spezialisten sind nur sehr zögerlich aus ihren Löchern gekrochen. Viele wollen bis heute nicht wahr haben, dass Heyerdahl seinem erfolgreichen Reisebericht jahrelang präzisierende und berichtigende Vertiefungen folgen ließ, die sich weniger an Leser von Reisebeschreibungen wenden, sondern an Ethnologen, Geographen und Anthopologen. Die Summe seiner archäologischen Erkenntnisse aber findet sich in dem wunderbaren Bildwerk „Die Kunst der Osterinsel“ (1975).

Eins hat er Gott sei Dank nicht gemacht: an dem literarischen Wurf seiner großen Reiseerzählung im Sinne eines irgendwann endgültigen und für immer unangreifbaren Forschungsergebnisses herumzubessern. Er, seine Familie und seine Crew sind ja nicht nur Sachverhalten nachgegangen, sondern haben ein unvergessliches Jahr ihres Lebens auf der Osterinsel verbracht. Haben Freundschaften geschlossen, die weit über völkerkundliche Interviews oder ein bloßes Arbeitsverhältnis hinausgingen. Sie waren bei fröhlichen Festen und bei Trauerfeiern dabei, sind merkwürdigen Originalen begegnet und haben an unheimlichen Orten genächtigt.

Immer wieder ist Heyerdahl mit einigen seiner Kollegen in diese beklemmend engen, oft nur unter Lebensgefahr zu erreichenden Familienhöhlen geklettert. Vor allem die Schilderung dieser unterirdischen Touren haben auch beim jüngsten Wiederlesen nichts von ihrem beklemmenden thrill verloren. In diesem Buch finden sich Lehre und Leben, Entdeckung und Abenteuer auf glücklichste Weise vereint. Heyerdahls Forschungen werden heute von anderen weitergeführt. Aber seine Erlebnisse und Erfahrungen sind einmalige, lebendige Geschichten, die nicht veralten.

Natürlich merkt man dem Buch nach fast einem halben Jahrhundert seine Entstehungszeit an. Zum Beispiel war die political correctness noch nicht erfunden, und der kluge weiße Mann zeigt mitunter – nach heutigem Empfinden! – dass er vor den Einheimischen mit ihrer Mischung aus altem und neuem Glauben doch einen Wissensvorsprung voraus hat. Nützt ihn mitunter für seine Zwecke und blinzelt uns dabei ironisch zu. Das kann aber nicht den Kern seines Wesens ausgemacht haben. Hätte er sich gegenüber den Menschen von Rapa Nui (wie sie selber ihre Insel nennen) wirklich besserwisserisch verhalten, es wäre ihm nicht gelungen, die große Zuneigung und Achtung zu erringen, die ihm tatsächlich entgegengebracht worden ist.

Er hat sich ganz offenbar als ein freundschaftsbegabter Mann gezeigt, der gut zuhören und jeden auf seine Weise ernst nehmen konnte, couragiert, auf der Höhe seiner Sportlichkeit, und der Ruf des Meerbezwingers war „Señor Kon Tiki“ bis auf diese Insel vorausgeeilt. Das machte wett, was ihm anfangs fehlte: „Ich hatte keinen Aku-aku. Ich wußte nicht einmal, was ein „Aku-aku“ eigentlich war; daher wäre mir auch nicht geholfen gewesen, wenn ich einen gehabt hätte. Auf der Osterinsel aber besitzt jeder vernünftige Mensch einen „Aku-aku“, und dort hat man mir schließlich auch einen verliehen.“ – So fängt kein trockener Bericht an, so beginnt die unverwüstliche Geschichte eines der letzten Abenteurer des nun vergangenen Jahrhunderts.

Autor: Klaus Seehafer

Literaturangaben

  • Heyerdahl, Thor: Aku-Aku. Das Geheimnis der Osterinsel. Aus dem Norwegischen. Ullstein Verlag, Berlin 1957, 372 S.
  • Thor Heyerdahl Bücher bei Jokers

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