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Altweibersommer. Theodor Fontanes erster Fall

von
Frank Goyke

Theodor Fontane hat in seiner staunenswerten Altersleistung – zwischen seinem 60. und 80. Lebensjahr hat er allein 16 Romane veröffentlicht – nicht nur ein Jahrhundert Geschichte Preußen-Deutschlands eingefangen, sondern auch selbst balladesk-kriminalistische Erzählungen („Ellernklipp“, „Grete Minde“, „Unterm Birnbaum“) geschrieben. Und diese mögen auch ein gewisses Vorbild für den Verfasser von historischen und Kriminalromanen Frank Goyke? gewesen sein. Aber ebenso hat der wohl aus Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ gelernt, in denen sich die Besinnung auf Romantisch-Historisches und Realistisch-Gegenwärtiges schon weitgehend vollzogen hatte.

In welchem Maße ist im Kriminalroman „Altweibersommer“ Zitatmaterial von der bloßen Anspielung bis zur Spiegelung ganzer Gestalten, Szenen oder Werke anwesend? Wir schreiben das Jahr 1873, die Geschichte beginnt an einem wunderbaren Tag im Altweibersommer am Ruppiner See. Fontane ist mit seiner Frau Emilie auf dem Weg zum Gut Wustrau, dem Landsitz des Grafen von Zieten-Schwerin, da hört er einen Schuss - und später wird er den Toten selbst zu Gesicht bekommen, den in den Gründerjahren zu Reichtum gelangten Bau-Entrepreneur Schwartz aus Berlin, den ungeliebten Schwiegersohn des Herrn von Gnewikow, Major von Blohm.

Fontane ermittelt in alle Richtungen

Hat Schwartz sich wirklich selbst das Leben genommen, wie der märkische Amtsgerichtsrat Frölich schnell diagnostiziert, um den Fall ad acta zu legen, oder war es doch Mord? Denn der Spekulant Schwartz war – wie sich bald herausstellt – in allerlei dunkle Geschäfte verstrickt und der Bankrott stand ihm bevor. So beginnt nun Fontane selbst zu ermitteln, lässt die Neubearbeitung von „Die Grafschaft Ruppin“ liegen und findet bald in dem Berliner Kriminalkommissar Aschinger einen Verbündeten, der sich von Fontanes Mordtheorie anstecken lässt.

Dieser Aschinger erhält ein fast noch prächtigeres zeitgenössisches Konterfei als der brave Fontane selbst, der doch in seinen kriminalistischen Mutmaßungen immer einen Schritt hinter der Voraussicht des Lesers zurückbleibt. Vom nicht gerade geschickten Privatdetektiv wird Fontane zum Zeugen und einem Polizeiverhör unterzogen. Der Autor Frank Goyke legt Fußangeln aus, streut Vermutungen in alle Richtungen, fast jeder der 16 Personen des Romans, ob vom Stande, ob Dienstbote oder von der Straße beziehungsweise gerade aus dem Gefängnis entlassen, wird verdächtigt und wieder aus dem Verdacht entlassen.

Die geschichtliche Situation der nach der Reichsgründung einsetzenden Gründerjahre gibt im Roman aber kaum mehr als die äußere Handlung her. Die geographische Fixierung auf Berlin und die Mark hat da vergleichsweise noch mehr Gewicht. Wie „Fälle“ im Berliner Polizeipräsidium bearbeitet wurden, kann man hier ebenso erfahren wie etwas darüber, wie es auf den Gütern des märkischen Adels zuging. Vom „Typus eines Märkischen von Adel“ sind einige originelle Exemplare ins Buch eingegangen. Sie gleichen denen, die Fontane auf seinen „Wanderungen“ angetroffen hat. Wir erleben die häusliche Sphäre der Familie Fontane wie die ausgedehnten Recherchen Fontanes, allein, mit seiner Frau oder mit Aschinger und dessen Faktotum Kriminalschutzmann Wittlich, wir werden mal auf die richtige, dann wieder auf die falsche Spur gelenkt, und selbst die Aufklärung des Falls hält dann noch eine erneute Überraschung für den Leser bereit.

Schuld und Sühne

In einer Fülle von kleinen Kapiteln – eigentlich Szenen - erhält jede Figur in sozusagen additivem Verfahren ihr eigenes Charakterkapitel?, so dass sich das epische Handlungsmotiv gleichsam als Summe aus mehr oder weniger isolierten Charakterbildern ergibt. Höhepunkte sind hier die Episoden? mit weiteren authentischen? Personen, so der „kleinen Eminenz“, des Malers Adolph Menzel, der Porträts von den beiden verdächtigen „Prolétaires“ anfertigt, oder des berühmten Chirurgen Rudolf Virchow, der eine Autopsie des Leichnams von Schwartz durchführt. Wie im Fontane’schen Werk? geht diese Charakterisierung durch alle Schichten, sozusagen mit einem Rest der alten Ständeklausel.

In der Mordgeschichte mit den ihr eigenen Gesetzen gehören Schuld und Sühne (oder Aufklärung) nicht mehr so ohne weiteres zusammen. Was im herkömmlichen Roman Handlung ist, ist hier in Gesprächsverläufe? eingegangen. Gespräche ersetzen eine lang zu entwickelnde Handlung, sie machen einen personalisierten Erzähler überflüssig und befreien von stofflichem Ballast: Beschreibung? und Verknüpfungen können so entfallen. Besser als andere erzählerische Mittel haben gelesene Gespräche die Qualität der Wiedererkennung, das wusste schon Fontane. So ist es Goykes erzählerische Absicht, dass der Leser mit der Fontane-Gestalt die Rolle des Detektivs übernehmen, dass er kombinieren und assoziieren, aus versteckten Hinweisen seine Schlüsse ziehen, dass er den „Casus Schwartz“ als zeitsymptomatisch erkennen soll.

Einerseits gehört zum Erzählen des Autors viel Nicht-Erzähltes, bewusst Ausgespartes, andererseits präsentiert die Erzählung über die vernetzte Fabel hinaus noch andere Geschichten parallel dazu. Zum Nicht-Erzählten gehört die ganze unglückliche Ehegeschichte zwischen Schwartz und seiner Frau Antonia, geborene von Blohm, denn keine Leidenschaft trieb diese aus- oder zueinander. Ausführlich erzählt werden dagegen die von allen Beteiligten kaschierte Vorgeschichte und die fatale Konsequenz dieser Nicht-Beziehung, die eine ganze Zeit in ihrer unheilbaren Brüchigkeit und angreifenden Unmenschlichkeit bloßstellen soll.

Komische Rückkopplung

Am Ende gibt Antonia, die trauernde Witwe, Fontane gegenüber unumwunden zu, dass sie ihren Mann erschossen habe. Aber sie hat dieses Geständnis nicht vor Zeugen abgelegt. Der Mord in der Wildschweinsuhle wird deshalb ungesühnt bleiben. Und in komischer Rückkopplung auf den Anfang: Am Ende ertönt wieder ein Schuss und Fontane springt auf. Aber diesmal ist es nur der Jagdpächter Krage, der gerade das Abendessen für den Grafen von Zieten-Schwerin erlegt hat.

Diesen Kriminalroman liest man mit viel Vergnügen und Spannung, auch wenn die behagliche Gegenständlichkeit des Erzählens vielleicht den an „scharfe“ Kost gewöhnten Krimi-Leser nicht gerade zufrieden stellen wird.

Literaturangaben

  • Goyke, Frank: Altweibersommer. Theodor Fontanes erster Fall. berlin.krimi.verlag im be.bra verlag, Berlin 2008. 288 S., 9,90 €, ISBN: 978-3898095112


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