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Anekdote

Die Anekdote ist eine bis heute lebendige epische Kleinform. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes weicht allerdings stark von der heutigen Bedeutung des Wortes ab. Die Anekdote ist mit anderen epischen Kleinformen wie Aphorismus, Epigramm?, Kalendergeschichte und Schwank? genregeschichtlich verwandt.

Definition

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Die Anekdote (griech. anekdoton = das Nichtherausgegebene, das Unveröffentlichte) ist eine lebendige epische Kleinform. Sie enthält kurze, unbeglaubigte, aber charakteristische Begebenheiten, die zumeist eine bekannte Persönlichkeit oder ein historisches Ereignis betreffen. Knappheit der Darstellung, dramatischer Aufbau der Pointe?, die blitzartig alle Zusammenhänge erhellt, gelten als die wichtigsten Charakteristika der Anekdote. Diese neuzeitliche Definition weicht stark vom Wortsinn des griechischen Entstehungsterminus ab, weshalb es bis heute nicht gelungen ist, eine überzeugende Gattungsgeschichte der Anekdote vorzulegen.

Foto: Paul Kirchhoff / www.pixelio.de.

Entstehung

Ursprünglich ist „Anekdota“ der Titel einer gegen Kaiser Justinian und Theodora gerichteten Schrift, die der Feder des spätantiken Historikers Prokopios von Cäsarea? (lebte im 6. Jahrhundert) entstammt. Diese Schrift enthält eine Reihe brisanter Geschichten über den byzantinischen Kaiser, dessen Privatleben und die prominenten Repräsentanten der Hofgesellschaft, die Prokopios von Cäsarea? in seiner offiziellen Geschichte über Justinian nicht veröffentlicht hatte. In diesem Sinne bezeichnet der Begriff Anekdote zunächst Schriften, die aus Gründen der Diskretion oder aus Furcht vor Repressalien noch nicht veröffentlicht wurden.

Entwicklung

Bis ins späte 17. Jahrhundert wird der Begriff Anekdote nahezu ausschließlich als editionstechnischer Terminus verwendet. Er bezeichnet die Veröffentlichung von Manuskripten, die aus verschiedenen Gründen zuvor noch nicht herausgegeben worden waren.

Erst unter dem Einfluss der in Frankreich aufkommenden Memoirenliteratur? des 17. Jahrhunderts wandelt sich der Begriff zur heutigen Bedeutung. In diesem neuzeitlichen Sinne meint Anekdote kurze und prägnante „Geschichtchen“, in deren Mittelpunkt eine bekannte Persönlichkeit oder ein historisches Ereignis steht. Dabei ist es nicht ausschlaggebend, ob die in mündlicher oder schriftlicher Form mitgeteilte Geschichte historisch verbürgt ist. Entscheidend ist, ob sie sich so zugetragen haben könnte (innere Wahrheit), ob sie pointiert ist, einen deutlichen Zeit- und Publikumszug hat und den Blick auf den charakteristischen Kern eines Menschen oder das typische Merkmal einer Epoche freigibt.

Auch vor Entstehung der neuzeitlichen Definition gab es bereits anekdotenartige Geschichten, die seit frühester Zeit in mündlicher oder schriftlicher Form überliefert wurden (ohne jedoch als Anekdoten bezeichnet zu werden). Frühe Verwendung findet die Anekdote vor allem in Predigt, Chronik?, Traktat?, Vita? und Flugblättern? – also überall dort, wo sie den Menschen vorrangig zur Belehrung, nachrangig aber auch zur Unterhaltung und zum Zeitvertreib dient.

Die Entwicklung zur eigenständigen literarischen Kunstform beginnt in der italienischen Renaissance? und ist nachhaltig inspiriert von der humanistisch-lateinischen Fazetie? des G.F.P. Bracciolini? („Liber facetiarum“, postum 1470). Prägenden Einfluss auf die weitere Entwicklung der Anekdote hat G. Boccaccio mit seinem umfangreichen Novellenwerk. Im deutschen Sprachraum taucht die Anekdote vermehrt ab Mitte des 16. Jahrhunderts in Schwanksammlungen? und den volkstümlichen Kalendergeschichten von H.J.C. Grimmelshausen? („Ewig-währender Kalender, 167o“) auf. Später kommen eigenständige Publikationsmedien? wie Zeitschriften?, Sammlungen und Almanache? („Wandsbecker Bote“, „Hinkender Bote“) hinzu.

J.P. Hebel? („Der Rheinländische Hausfreund“ 1803-1811) und H. von Kleist („Berliner Abendblätter“ 1810/11) gelten als die Meister der dichterischen Anekdote. Im 19. Jahrhundert entwickelt sich die Anekdote unter ihrem Einfluss zu einem anerkannten literarischen Genre. An Hebel? und Kleist knüpfen spätere Autoren wie J. Gotthelf, T. Fontane („Vor dem Sturm“, 1878), F.C. Weiskopf?, B. Brecht („Der Kaukasische Kreidekreis“, 1948), W. Borchert? („Die Hundeblume“, 1947) und Peter Handke an und integrieren die Anekdote – zum Teil kritisch-parodistisch – in ihr literarisches Werk?. In diesem parodistischen Sinne spielt die Anekdote auch in der deutschen Gegenwartsliteratur eine Rolle. Unübersehbar ist die Zahl der biographischen Anekdoten, die durch die Print-, TV- und Online-Medien in Umlauf gebracht werden.

Sekundärliteratur

  • Grothe, Heinz: Anekdote. Stuttgart, Metzler Verlag 1984, ISBN: 978-3476121011
  • Heinrich, Hans: Schwank, Satire, Parabel, Anekdote. Donauwörth, Auer Verlag 2005, ISBN: 978-3403042716
  • Jolles, Andre: Einfache Formen. Tübingen, Niemeyer Verlag 1982, ISBN: 978-3484221154


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