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Art 2.0

Die Kommunikationsbranche gründet auf dem Bild der reinen Gegenwart und kümmert sich weder um die Zukunft noch um das Erbe der Vergangenheit. Sie malt in Schwarzweiss, erfindet künstliche Gegensätze, die sie für ihre Slogans braucht. Sie verachtet die Komplexität der Realität, intellektuelle Gedankengebäude, die Erfindung alternativer Welten. Das hat Auswirkungen auf das Buch.

Der Lektor neuen Typs umwirbt einen Autor nicht mehr wegen seines Talents, sondern wegen der Bekanntheit, die er bereits in den Medien? erlangt hat. Er wird ihn um ein Werk? bitten, dessen verkürzte These in den Diskussionssendungen Aufsehen erregt, die wiederum vorbereitet werden durch ein paar schöne Seiten, die man einer großen Zeitschrift? verkauft. Die hebt die Geschichte auf ihr Titelblatt?, deren Urheber?, wie der Autor, auch an der Sendung teilnimmt, damit der Zuschauer das Gefühl bekommt, dass es sich nicht nur um ein Thema handelt, mit dem Papier verkauft wird, sondern dass es wirklich existiert, da es ja in der Zeitung? steht, im Buch erklärt und im Fernsehen diskutiert wird.

Es gibt ein ganzes Sortiment? von Büchern neuen Typs, das den Werten der gegenwärtigen Kommunikationsbranche mehr folgt als den traditionellen Werten der Welt der Schrift: In den Geisteswissenschaften sind es die kleinen Bücher von etwa 100 Seiten, die sich als Wissensbücher ausgeben, obwohl es sich nur um kenntnisreiche Bücher handelt, in denen eine Meinung als Frucht einer gelehrten Analyse verkauft wird; es sind die Romane, die man "Berühmtheitsromane" nennt, weil ihre Autoren Medienleute oder Politiker sind. Ein Roman, ein geistes- oder sozialwissenschaftlicher Klassiker ist eine Begegnung: die Begegnung eines Textes und seiner Behauptungen mit einem Leser, den diese aus seinem Normalzustand herausgerissen haben, um ihn in eine Welt zu katapultieren, auf die die Lektüre die Perspektive eröffnet hat. Im Schatten einiger weniger Bücher verschwinden unendlich viele gehaltvolle Titel, Popularität siegt immer über Avantgarde, Resonanzerzeugung und Bestsellerstatus. Die einen drücken andere stärker denn je unter die Wahrnehmungsschwelle der literarischen Öffentlichkeit. Solchen Gefahren mochte sich die traditionell auf ästhetische Reinheit bedachte Lyrik bislang nicht aussetzen. Doch das sollte sich nach Abwägung der Risiken unbedingt ändern. Denn publikumswirksame, debatten- und verkaufsfördernde Preise täten hierzulande dem verblassten Status der Dichtung als literarischer Königsdisziplin gut, auch wenn es am stets gefährdeten Nischendasein des zarten Pflänzchens Lyrik natürlich nichts ändern würde.

Es mag paradox klingen und mancher dürfte seine elitäre Nase rümpfen, dennoch: Das Land Goethes, Georges? und Bachmanns braucht im Frühjahr und Herbst Buchpreise? für Poesie, denn die deutsche Poesie ist schon seit längerem weitaus aufregender als die junge Prosa. Klappern in eigener Sache ist durchaus gerechtfertigt, obwohl es mehr lyrische Bewegung gibt als vor zwanzig Jahren: Es fehlt der Dichtung an "enthusiastischen Fürsprechern. Sie begnügt sich mit einer stabilen Leserschaft von ein paar hundert Verschworenen, mit ein paar klandestinen Zeitschriften? und Lesungen an verschwiegenen Orten. Aber irgendwie glaubt sie fest an ihren Nachruhm." Und für ein bisschen Ruhm bereits zu Lebzeiten sollten künftig Buchpreise? für Poesie in Leipzig und Frankfurt sorgen. Ein großes Buch ist ein Angebot, das seine Nachfrage nach sich zieht, indem es die Leser zu einer Öffentlichkeit versammelt. Leser, die durch eine aktive Komplizenschaft verbunden sind, durch die Mühe ihrer Lektüre, ihr ganz unterschiedliches Verständnis des Buches, ihre persönliche Aneignung des Textes. Ein großer Text wird also zu vielen Kommentaren Anlass geben. Ein großer vermarkteter Bestseller begründet dagegen keine Öffentlichkeit: Er wird für eine bereits existierende Öffentlichkeit hergestellt, die Fernseh-Öffentlichkeit. Der mögliche Leser wird bei sich zu Hause erreicht, in seinem Sessel, inmitten des Getöses der Welt; durch das im Fernsehen propagierte Buch wird er sich in seinem täglichen Leben bestätigt sehen, denn das Werk? muss die größtmögliche Anzahl mit dem kleinstmöglichen gemeinsamen Nenner erreichen. Als Walter Benjamin? im Jahr 1936 seinen Essay über "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" an Theodor W. Adorno schickte, war von der Explosion der Verfügbarkeit von Musik im Alltagsleben noch wenig zu spüren; der Siegeszug des Grammophons stand gerade erst bevor. In diesem Schlüsseltext des 20. Jahrhunderts redet Benjamin über die bildende Kunst und das Theater, er beschäftigt sich damit, was Fotografie? und Film? daraus machen würden. Über Musik verliert er kein Wort, aber was er heute über die Wirkung von iPod und Internet? auf das Musikhören sagen würde, lässt sich leicht ableiten.

Im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks konstatiert Benjamin den Verlust einer Qualität, die er mit dem berühmt gewordenen Begriff der Aura bezeichnet. Aura ist der Hauch des Unerreichbaren, das Berührtwerden durch das Höchste oder, in den Worten Benjamins, "die Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag". In seinem Aufsatz? forderte Walter Benjamin?, "die Schranke zwischen Schrift und Bild niederzulegen". Für den Schriftsteller sei der technische Fortschritt die Grundlage seines politischen Fortschritts. Allerdings lag in der "immer nuancierteren, immer moderneren" Fotografie? auch eine außerordentliche Gefahr: Kein Müllhaufen, keine Mietskaserne sei mehr zu fotografieren, ohne sie zu verklären. Benjamin sieht eine Form der Kunstwahrnehmung bedroht, in der das Kunstwerk als etwas Heiliges und Einzigartiges im Mittelpunkt steht. Damit stimmt er in den Chor der Pessimisten ein: Technische Reproduzierbarkeit tötet die Kunst; mühelose Verfügbarkeit zerstört das Erlebnis; Perfektionierung der Mittel macht den Zweck zunichte, für den die Mittel da sind. Es sind Essays, ein Genre, das sich am meisten verändert hat. Historisch, seit Montaigne, Hume und Diderot, ist der Essay eine persönliche, undogmatische Reflexion, in der die Qualität des Stils im Dienst der ebenfalls eher persönlichen als allgemeinen Hypothesen steht. Im 21. Jahrhundert gleicht der Essay eher einem Schlag ins Gesicht: Er ist dogmatisch, denn er verficht eine harsche These, und er ist entschieden in seinen Schlussfolgerungen. Müsste Literatur die Menschen in unserer Multioptionsgesellschaft nicht eher wieder an die grundlegenden Dinge heranführen und eine Ordnung des Geistigen entwerfen, wie sie uns in unserer Hyperinformiertheit abhandenzukommen droht?

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