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Auktoriale Erzählperspektive

Der auktoriale Erzähler leitet den Leser wie ein Fremdenführer durch die Geschichte. Er kennt die Handlung, lenkt die Figuren und ihre Gefühle, bestimmt die Orte? und legt die Zeitabläufe? fest. Gerne wendet er sich auch mit direkter Anrede an den Leser, um z.B. auf ein wichtiges moralisches Problem aufmerksam zu machen.

Definition

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Die moderne Literaturwissenschaft kennt insgesamt vier verschiedene Erzählperspektiven. Die auktoriale Erzählperspektive ist eine davon und steht bei vielen Schriftstellern hoch im Kurs. Im Unterschied zur personalen, neutralen und Ich-Perspektive gibt es hier einen allwissenden Erzähler, der jedoch (ganz wichtig!!) nicht mit dem Buchautor verwechselt werden darf. Dieser allwissende Erzähler, der aufgrund seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten oft auch als allmächtiger Erzähler bezeichnet wird, hält alle Fäden der Geschichte in seinen Händen. Das bedeutet, der auktoriale Erzähler kennt die Handlung, lenkt die Figuren und ihre Gefühle, bestimmt die Orte? und legt die Zeitabläufe? fest. Er weiß, wie seine Figuren von außen und innen aussehen, kennt ihre Macken, Wünsche und Absichten. Der auktoriale Erzähler jongliert sozusagen mit den Bewohnern seiner fiktionalen Welt – lässt er eine Figur fallen, steht es allein in seiner Macht, sie wieder aufzuheben und zum gegebenen Zeitpunkt in die Geschichte „zurückzurufen“. Manche Figuren lässt er auch einfach liegen, soll doch der Leser mit ihnen glücklich werden …

Der auktoriale Erzähler hat seinen Platz außerhalb der fiktionalen Welt. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer flexiblen Distanz zum Erzählten. Das heißt, der auktoriale Erzähler ist mal mehr und mal weniger stark von den Ereignissen berührt, die er vor den Augen des Lesers ausbreitet. Es steht dem auktorialen Erzähler frei, sich in das Geschehen einzumischen und Zukünftiges anzudeuten oder Vergangenes und Gegenwärtiges zu kommentieren. Gerne wendet er sich auch mit direkter Anrede an den Leser, um z.B. auf ein wichtiges moralisches Problem aufmerksam zu machen oder den Leser zu einer Stellungnahme herauszufordern. Manchmal kommt es sogar vor, dass dieser Erzählerkommentar die eigentliche Handlung der Geschichte bis zur Unkenntlichkeit überwuchert – für Exzesse dieser Art wird der Dichter Jean Paul? ebenso gefürchtet wie bewundert. Aber auch einige Texte von Heinrich Böll? oder Heinrich von Kleist sind lehrreiche Beispiele für auktoriales Erzählen.

Foto: Werner Wind/pixelio.de

Checkliste

Wer nun in Schule, Studium oder Beruf vor der spannenden Aufgabe steht, z.B. die Erzählperspektive in Joseph Roths Roman „Das falsche Gewicht“ zu bestimmen, der kann sich dabei an der folgenden Checkliste orientieren. Einen auktorialen Erzähler erkennt man unter anderem an den folgenden charakteristischen Merkmalen:

  • Der Erzähler hat seinen Platz außerhalb der fiktionalen Welt.
  • Es existiert ein „allwissender, allmächtiger“ Erzähler, der die Handlung lenkt und alle Bausteine der Geschichte kennt. Der Erzähler leitet den Leser durch die Geschichte.
  • Der Erzähler weiß, wie die Figuren von innen und außen aussehen. Er kennt ihre Macken, Wünsche und Absichten.
  • Der Erzähler redet den Leser an, weist z.B. auf Probleme hin oder fordert zum Nachdenken auf.
  • Der Erzähler greift mit Vorausdeutungen, Rückblicken oder Kommentaren in die Geschichte ein.

P.S. 1

  • Und immer dran denken: Der Autor ist nicht mit dem Erzähler identisch!

P.S. 2

  • Und nicht vergessen: Die Erzählperspektive kann jederzeit wechseln! Weil ein Buch in der auktorialen Erzählperspektive beginnt, bedeutet das noch lange nicht, dass es auch bis zur letzten Seite? aus dieser Perspektive geschrieben ist.

Literatur

  • Böll, Heinrich: Die verlorene Ehre der Katharina Blum. München, dtv 2002, ISBN: 978-3423011501
  • Kleist, Heinrich von: Michael Kohlhaas. Ditzingen, Reclam Verlag 2003, ISBN: 978-3150002186
  • Roth, Joseph: Das falsche Gewicht. Köln, Kiepenheuer und Witsch 2005, ISBN: 978-3462036336

Sekundärliteratur

  • Martinez, Matias / Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. München, C.H. Beck 2007, ISBN: 978-3406471308
  • Nünning, Vera / Nünning, Ansgar: Neue Ansätze in der Erzähltheorie. Trier, WVT Wissenschaftlicher Verlag 2002, ISBN: 978-3884765463
  • Stanzel, Franz K.: Theorie des Erzählens. Stuttgart, UTB 2002, ISBN: 978-3825209049

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