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Autobiographie

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Eine Autobiographie ist die Darstellung des eigenen Lebens oder einzelner Abschnitte daraus. Als unübertroffener Gipfelpunkt in der Entwicklung der Autobiographie gilt Goethes „Dichtung und Wahrheit“. Die Autobiographie ist nicht mit der Biographie zu verwechseln - der Darstellung eines Lebens, die nicht von dem Betreffenden selbst verfasst wird, sondern von einem anderen.

Foto: Maret Hosemann/Pixelio.de

Definition

Als Autobiographie (gr. autós = selbst, bíos = Leben, graphein = schreiben) bezeichnet man die literarische Darstellung des eigenen Lebens oder einzelner Abschnitte daraus. Man spricht auch von Lebensbeschreibung oder Lebenserinnerungen. Im Unterschied zu den Memoiren?, in denen meist äußere Geschehnisse im Vordergrund stehen, ist die Autobiographie auf die Schilderung der geistigen und seelischen Entwicklungslinien ausgerichtet.

Um sein Leben aus der Rückschau zu gestalten, nimmt der Verfasser meist einen abgeklärten, distanzierten Standpunkt ein. Die Qualität einer Autobiographie ist abhängig von der literarischen Ausdruckskraft des Autors, aber auch Aufrichtigkeit, Glaubwürdigkeit und die Fähigkeit zur Selbstkritik spielen eine bedeutsame Rolle. Als verwandte Genres gelten neben den Memoiren? auch das literarische Tagebuch, der autobiographische Roman und die Apologie?. Die Grenzen zwischen den Genres sind fließend.

Entstehung

Die Entstehungsgeschichte der Autobiographie beginnt in der Antike, wo das autobiographische Schreiben jedoch nur in Ansätzen vorhanden war. Meist stand die Darstellung von äußeren Geschehnissen, oft vom philosophischen oder religiösen Standpunkt aus gesehen, im Mittelpunkt. Charakteristische Beispiele frühen autobiographischen Schreibens stammen vom römischen Kaiser Mark Aurel? („Selbstbetrachtungen“, um 170), der als Philosoph in die Literaturgeschichte einging, und vom mittelalterlichen? Mystiker Heinrich Seuse? („Vita“, um 1330).

Als erste Autobiographie im heutigen Verständnis gelten die „Confessiones“ (397/398) von Aurelius Augustinus?, in denen er seinen wunderbaren Wandel vom sündhaften zum gläubigen, gottgefälligen Leben schildert. Aus dem hohen Mittelalter? sind hauptsächlich die „Historia calamitatum mearum“ (1133-1136) des Philosophen Petrus Abaelardus? zu nennen, die von der Liebe des Meisters zu seiner jungen und schönen Schülerin Heloïse erzählen. Petrus Abaelardus’? Lebensgeschichte wurde in Kunst und Literatur seit dem 13. Jahrhundert immer wieder dargestellt.

Entwicklung

Die Zeit der Renaissance? war für die Entwicklung der Autobiographie von besonderer Bedeutung. Das erwachende Ichbewusstsein und Selbstgefühl der Menschen führte im 16. Jahrhundert zu einer ersten Blüte des autobiographischen Schreibens. Von herausragender Qualität sind die Lebensbeschreibungen des italienischen Bildhauers Benvenuto Cellini? („Vita“, 1558-1566) und der spanischen Mystikerin Teresa von Ávila? („Libro de su vida“, 1562-1565). Das Bedeutende beider Autobiographien liegt in der außergewöhnlichen Sensitivität, mit der nicht nur die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit nachgezeichnet wird, sondern auch die Widersprüche in der eigenen Psyche benannt und analysiert werden.

Erotische Affären und andere Wechselspiele

Die Popularität der Autobiographie nahm in den folgenden Jahrzehnten weiter zu. Aus Deutschland, Frankreich und Italien kamen im 18. und 19. Jahrhundert neue fruchtbare Impulse. Den Anfang machte das mehrteilige autobiographische Werk? von Johann Heinrich Jung-Stilling?, dessen erster Band? 1777 von Goethe herausgegeben wurde. Es folgte der venezianische Abenteurer Giacomo Girolamo Casanova? („Histoire de ma vie“, 1790), dessen Lebenserinnerungen von nicht zu unterschätzender literarischer, kultur- und sittengeschichtlicher Bedeutung sind. Casanovas? turbulentes Leben, die zahlreichen Affären und galanten Abenteuer liefern bis heute Stoff für künstlerische Adaptionen.

Der französische Schriftsteller und Philosoph Jean-Jacques Rousseau? war einer der ersten, der den Begriff der Individualität auf ein modernes Niveau hob. In seinen geistesgeschichtlich ungemein wirkungsvollen „Confessions“ (1782-1789) betont er die grundlegende seelische und psychische Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen. Als unübertroffener Gipfelpunkt in der Entwicklung der Autobiographie gilt Goethes „Dichtung und Wahrheit“ (1811-1833). Goethe schildert hier die Entwicklung der eigenen Person in einem Wechselspiel mit den historischen, geschichtlichen und wissenschaftlichen Geschehnissen seiner Zeit.

Die Autobiographie am Ende?

Im 20. Jahrhundert wurde der tradierte positive Individualitätsbegriff, wie er von Rousseau? und Goethe formuliert worden war, zunehmend fragwürdig. Um diese Problematik und die Skepsis gegenüber dem überlieferten Individualitätsbild literarisch anspruchsvoll darzustellen, griffen zahlreiche Autoren zu neuen, das Fiktive mit dem Tatsächlichen mischenden Erzählformen. Zu nennen sind unter vielen anderen Rainer Maria Rilke („Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, 1910), Edlef Köppen? („Heeresbericht“, 1930), Walter Benjamin? („Berliner Kindheit um 1900“, 1930) und Imre Kertész? („Roman eines Schicksallosen“, 1975).

In Form und Inhalt sind die genannten Werke? äußerst verschieden und können deshalb auch nur generalisierend unter den Sammelbegriffen Autobiographie bzw. autobiographischer Roman verortet werden. Daneben haben in letzter Zeit noch unzählige Politiker, Schauspieler, Sportler, Köche, Musiker usw. ihre Lebenserinnerungen verfasst, die jedoch nur in den seltensten Fällen literarische Bedeutung beanspruchen können.

Literatur

  • Autobiografien bei Jokers
  • Casanova, Giacomo: Aus meinem Leben. Reclam Verlag, Ditzingen 2010, ISBN: 978-3150201985
  • Goethe, Johann Wolfgang von: Dichtung und Wahrheit. Eine Auswahl. Reclam Verlag, Ditzingen 1993, ISBN: 978-3150089064
  • Kertész, Imre: Roman eines Schicksallosen. Rowohlt Verlag, Reinbek 2009, ISBN: 978-3499253690

Sekundärliteratur

  • Fetz, Bernhard: Die Biographie. Zur Grundlegung ihrer Theorie. De Gruyter, Berlin 2009, ISBN: 978-3110202267
  • Lehmann, Jürgen: Bekennen - Erzählen - Berichten. Studien zu Theorie und Geschichte der Autobiographie. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1988, ISBN: 978-3484180987
  • Wagner-Egelhaaf, Martina: Autobiographie. Metzler Verlag, Stuttgart 2005, ISBN: 978-3476123237


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