Hauptseite | Rezensionen | Rezensionen-Register | A | Avanti Popoloch. Eine sozialistische Kindheit im Ruhrgebiet

Avanti Popoloch

von
Eva Kurowski

Die Geschichte von Eva Kurowski beginnt vor der Geburt: „Es begann damit, dass mein Vater, der ein begeisterter Trompeter, Marxist und Grafiker? war, einen Samenerguss hatte, und zwar in meiner Mutter.“ Frei von der Leber weg berichtet die "Disöse" Eva Kurowski in "Avanti Popoloch" über eine "sozialistische Kindheit im Ruhrgebiet". Die Autorin? ist eine ironische? Realistin, ihr Biographie biographischer? Text nimmt alle Nuancen der Welt– und Ich–Erfahrung auf und setzt sie in Sprachklang um. So ist ein über Jahre gereiftes Initiationsbuch einer Autorin entstanden, die darin ihre Berufung zur Schrift schildert. Und: Indem sie ihre Leser auf falsche Fährten lockt, führt sie sie auf die richtige Spur.

Eva Kurowski ist eine Kartographin des Ruhrgebiets. Sie zeichnet ihre Heimat so detailgetreu nach, dass das Abbild mit der Wirklichkeit deckungsgleich wird, um alsbald in dieser zu zerfallen. "Avanti Popoloch" besteht aus quasi parodistischen Nachahmungen des wirklichen Lebens, wir treffen Edelkurt, Jerko, Fasia und Helge Schneider, also lebensechte Menschen aus der Region. Bei dieser sozialistischen Kindheit im Ruhrgebiet ist niemand gleichgeschaltet. Jeder lebt sein Drama, jeder ein anderes. Eva Kurowski weiß es, und sie gestaltet diese Dramen ebenso gewaltig wie zart. Ihre halluzinativ genaue Wiedergabe von Geringfügigkeiten, in deren Verkettung ein Ort und eine Zeit decodierbar werden, macht sie zur Post-Pop-Autorin, einer Heimatdichterin? fern aller Folklore und eine Reiseschriftstellerin im eigenen Hinterhof.

"Im Hinterhalt des Alltags sind wir verlorene Kinder", scheint es immer wieder aus dem Subtext? von "Avanti Popoloch" zu raunen. Doch haben einige dieser "verlorenen Kinder" die Chance, das Ganze selbstbestimmter zu bestehen. Was bei ihrer CD "Reich ohne Geld" an lächelnder Melancholie? anklingt, findet sich auf knapp 200 Seiten? in "Avanti Popoloch", ihre eigentliche Kunst bleibt ganz an der Oberfläche, fast hält sie die Firnis, die unmittelbarste, epidermische Wirklichkeit fest. Eva Kurowskis Menschenporträts, von Erörterungen der eigenen Zerrissenheit durchwirkt, verdichten sich zum Sittengemälde des Ruhr-ge-Beats. Ihre kompositorische Wurstigkeit macht sie mit Ansätzen zur Konzeptkünstlerin avant la lettre wett. Das entfesselte Wort wird in »Avanti Popoloch« zu einem erstaunlichem Buch: Es kommt unangestrengt daher, entfaltet seine Lebensklugheit ohne Belehrsamkeit und erweist sich überdies als großes Lesevergnügen.

Autor: Matthias Hagedorn

Literaturangaben

  • KUROWSKI, EVA: Avanti Popoloch. Eine sozialistische Kindheit im Ruhrgebiet. Asso-Verlag, Oberhausen 2008, 198 S., 9,90 €, ISBN: 978-3938834336


Hauptseite | Rezensionen | Rezensionen-Register | A | Avanti Popoloch. Eine sozialistische Kindheit im Ruhrgebiet




FacebookTwitThis
Pin ItMister Wong
RSS-Feed RDF-Feed ATOM-Feed

schliessen