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Berlin

Die Stadt Berlin ist ein beliebtes Thema der deutschsprachigen Literatur. Autoren wie Theodor Fontane und Alfred Döblin haben es in ihrem Werk? beispielhaft gestaltet. In anderen europäischen Metropolen hat das Stadt-Thema? jedoch eine weitaus längere Tradition.

Definition

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Die Stadt Berlin und ihre Umgebung ist ein beliebtes Thema der deutschsprachigen Literatur. Zu großer Bekanntheit gelangten hauptsächlich die Romane von Wilhelm Raabe („Die Chronik der Sperlingsgasse“, 1857), Theodor Fontane („Irrungen, Wirrungen“, 1887) und Alfred Döblin („Berlin Alexanderplatz“, 1929), die das Berlin-Thema auf ganz unterschiedliche Weise gestalteten. Sie gelten heute als Klassiker der Berlin-Literatur.

Daneben gibt es zahllose Berlin-Gedichte (z. B. von Arno Holz?, Alfred Lichtenstein, Georg Heym?, Erich Kästner, Kurt Tucholsky), die seit dem späten 19. Jahrhundert die verschiedenen Aspekte des großstädtischen Lebens spiegeln. Im Drama hingegen spielt das Berlin-Thema nur eine untergeordnete Rolle, zu nennen sind vor allem die sozialen Stücke von Gerhart Hauptmann („Der Biberpelz“, 1893; „Die Ratten“, 1911) oder aus jüngerer Zeit Rainer Werner Fassbinders? „Der Müll, die Stadt und der Tod“ (1987).

Foto: Georg Marinschek/pixelio.de

Die „klassischen“ Jahre

Neben den erwähnten namhaften Autoren griffen auch zahlreiche literarische Außenseiter das Thema auf. Das Spektrum reicht von flanierenden Schöngeistern wie Franz Hessel? („Heimliches Berlin“, 1927) über trübselige Spätexpressionisten wie Paul Gurk? („Berlin“, 1934) bis hin zu dubiosen politischen Abenteurern wie Ernst von Salomon („Die Stadt“, 1933) und Walter Schönstedt? („Auf der Flucht erschossen“, 1934).

Der Zeitraum von 1890 bis 1930 gilt als Höhepunkt der Berlin-Literatur. Da in der Malerei ein ähnlicher Themen-Schwerpunkt zu erkennen ist, wird in der Forschung häufig die These formuliert, dass Literatur und Kunst im frühen 20. Jahrhundert in einem außergewöhnlich engen und fruchtbaren Verhältnis standen. Stofflich und sprachlich steht die Berlin-Literatur bis heute unter dem prägenden Eindruck der „klassischen Jahre“.

Entstehung

Seit der Antike waren große Städte faszinierende Phänomene, die die Phantasie der Menschen beschäftigten. Als Ur-Städte und zeitlose Sinnbilder gelten das dekadente, zügellose Babylon und das himmlische, goldene Jerusalem. Dieser Gegensatz von Himmel und Hölle, von Leben und Tod, von Reinheit und Schmutz findet sich in den meisten Großstadt-Darstellungen der Weltliteratur?. Zu nennen sind vor allem „Ulysses“ (1922) von James Joyce, „Manhattan Transfer“ (1925) von John Dos Passos, „Petersburg“ (1912) von Andrej Belyj? und „Berlin Alexanderplatz“ (1929) von Alfred Döblin.

Berlin – Nachzügler hinter London und Paris

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Im Vergleich mit Städten wie London und Paris tauchte Berlin erst relativ spät als eigenständiges Thema in der Literatur auf. Als erster moderner Großstadtroman gilt übrigens Victor Hugos? „Der Glöckner von Notre-Dame“ (1831), der die Stadt häufig aus der Vogelschau – von den Türmen von Notre-Dame – zeigt. In Berlin, wie überhaupt in Deutschland, war man zu dieser Zeit aus politischen, sozialen und kulturellen Gründen noch lange nicht so weit.

E.T.A. Hoffmann? gewann der sich eben erst entfaltenden Großstadt Berlin neue Facetten für die Literatur ab. In „Das öde Haus“ (1817) und „Des Vetters Eckfenster“ (1822) spürte er dem veränderten Leben in der wachsenden Stadt nach, schilderte Eindrücke, Gerüche, Farben und ungewohnte Dinge im Alltag der Menschen. Mit seinem Gespür für Neuartiges im Berliner Stadtbild war Hoffmann? jedoch eine Ausnahme unter den deutschen Schriftstellern der Zeit.

Foto: Thomas Giesau/pixelio.de

Pendeln zwischen Stadt und Land

Auch die folgenden Jahrzehnte brachten für Berlin und Deutschland nicht den Durchbruch zur modernen literarischen Großstadt-Darstellung, wie man sie aus London und Paris kannte. Wilhelm Raabes „Chronik der Sperlingsgasse“ (1857) fängt zwar das melancholisch-anheimelnde Lebensgefühl in einer Altberliner Gasse auf faszinierende Weise ein, im Ton ist der kleine Roman jedoch noch biedermeierlich und provinziell.

Die deutschen Realisten des 19. Jahrhunderts siedelten ihre Romane und Erzählungen hauptsächlich in Provinzstädten an. Allein Theodor Fontane setzte die wachsende Großstadt Berlin und ihren sozialen Aufbau in Szene („Schach von Wuthenow“, 1882; „Irrungen, Wirrungen“, 1887; „Frau Jenny Treibel“, 1892). Als Bindeglied zwischen Stadt und Land verwendete Fontane die Landpartie, wodurch der Gegensatz zwischen der aufkommenden Großstadt und ihrem beschaulichen Umland umso stärker betont wurde.

Durchbruch zur Moderne

Mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 war Berlin zu dem geworden, was andere Hauptstädte wie Paris und London schon lange waren: Berlin entwickelte sich zu einem Anziehungspunkt für junge Dichter und Künstler. Zudem erlebte die Stadt einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. In dieser Atmosphäre des Aufbruchs und des rasanten Wandels, aber auch der damit einhergehende sozialen Unsicherheit und Verelendung rückte Berlin immer mehr ins Blickfeld der modernen Literatur.

Einen ersten Höhepunkt erlebte das Berlin-Thema auf dem Gebiet der Lyrik. Naturalistische Dichter wie Julius Hart?, Arno Holz?, Richard Dehmel? und Bruno Wille? widmeten sich der Großstadt und ihren Bewohnern. Wobei der Fokus häufig auf den beklagenswerten Lebensbedingungen von Arbeitern, Tagelöhnern, Arbeitslosen, Außenseitern und Gestrandeten ruhte. Das Vokabular kreiste meist um: Dunst, Dirnen, Schnaps, Fabrik, Mietskaserne, Ruß, Schlote. Die Anthologien? „Großstadtlyrik“ (1903) und „Im steinernen Meer“ (1910) gelten als Vermächtnis dieser Epoche, die das Berlin-Thema erstmals mit modernen literarischen Mitteln in Szene setzte.

Berlin – Stadt einer namenlosen Bedrohung

Für einen zweiten Höhepunkt sorgte die nachfolgende Lyriker-Generation. Die expressionistischen Dichter stellten jedoch nicht das soziale Mitgefühl ins Zentrum ihrer Kunst, sondern das eigene Ich, das an der Großstadt – an Berlin – leidet. Auch wenn Berlin nicht immer ausdrücklich erwähnt wird, ist die Stadt, die den Lebensmittelpunkt der meisten expressionistischen Dichter bildete, doch stets gegenwärtig.

Ähnlich wie in den Bildern der expressionistischen Maler herrschte in vielen Gedichten das Gefühl einer namenlosen Bedrohung, Menschheitsangst, Abscheu vor der Zivilisation, Groteskes und Schockierendes. Die wichtigsten Vertreter sind Alfred Lichtenstein („Die Dämmerung“, 1913), Georg Heym? („Der ewige Tag“, 1911), Johannes R. Becher? („Verfall und Triumph“, 1914) und Ernst Stadler? („Der Aufbruch“, 1914). In der Anthologie? „Menschheitsdämmerung“ nimmt diese Lyriker-Generation eine beherrschende Stellung ein.

Hat das Einzelschicksal keinen Wert?

Zum erweiterten Kreis der Berliner Expressionisten gehörte auch Alfred Döblin, der mit seinem RomanBerlin Alexanderplatz“ (1929) das Berlin-Thema zu einem Gipfelpunkt führte. Der Roman gilt als eine Art Zusammenfassung der seit 1890 in der deutschen Literatur erarbeiteten Großstadt- und Berlin-Thematik. Im Mittelpunkt des Romans steht der entlassene Strafgefangene Franz Biberkopf, der beschließt, ein anständiger Mensch zu werden, doch dann die Erfahrung macht, dass sein Schicksal – ein Einzelschicksal! – in der Großstadt nicht viel zählt.

Nach 1945, unter gänzlich veränderten politischen Bedingungen, entwickelte sich das Berlin-Thema in verschiedene Richtungen. Es gab Autoren, die den beim Wiederaufbau eingetretenen Verfall kultureller und städtebaulicher Identität beklagten (Rainer Werner Fassbinder? „Der Müll, die Stadt und der Tod“, 1987) oder das politische Schicksal der geteilten Stadt in Szene setzten (Peter O. Chotjewitz? „Die Insel“, 1968).

Berlin nach dem Fall der Mauer

Nach dem Fall der Mauer 1989 wurde Berlin erneut zu einem Brennpunkt der deutschsprachigen Gegenwarts-Literatur. Autoren unterschiedlichster Prägung folgten dem Ruf der ehemaligen Weltstadt, die vor allem Nervenkitzel, ständigen Wandel sowie Freiraum für literarische und persönliche Abenteuer zu bieten hatte. Das Berlin-Thema wurde nun häufig vor dem Hintergrund der hitzigen Wendezeit und der frostigen Jahre zuvor gestaltet, z. B. von Sven Regener? („Herr Lehmann“, 2001), Andreas Platthaus? („Freispiel“, 2009) und Tanja Dückers? („Hausers Zimmer“, 2010). Viele dieser Romane sind stark autobiographisch? gefärbt und erzählen ihre unterhaltsamen Geschichten mit versöhnlichem Humor?.

Weitaus weniger humorvoll geht es in den unaufgeregten und tiefgründigen Kurzgeschichten von Judith Hermann zu. Das Berlin-Thema ist vor allem in ihrem erfolgreichen Debütband? „Sommerhaus, später“ (1998) stets gegenwärtig. Ihre Geschichten erzählen vom Alltag der 1990er Jahre, es geht um Liebe und Angst sowie um die verstörende Bewegungslosigkeit angesichts übermächtiger Gefühle. Zu nennen sind außerdem Ulrich Peltzer („Teil der Lösung“, 2007), Lutz Seiler („Die Zeitwaage“, 2009) und Ralf Rothmann? („Feuer brennt nicht“, 2009), die das Berlin-Thema ebenfalls mit großem literarischem Ernst und Einfühlungsvermögen in die historisch gewachsenen Stadtlandschaften ausführen.

Literatur

  • Die Stadt Berlin in der Literatur
  • Bode, Dietrich (Hrsg.): Gedichte des Expressionismus. Reclam, Ditzingen 1998, ISBN: 978-3150087268
  • Döblin, Alfred: Berlin Alexanderplatz. Dtv, München 1994, ISBN: 978-3423002950
  • Regener, Sven: Herr Lehmann. Goldmann, München 2003, ISBN: 978-3442453306

Sekundärliteratur

  • Corbineau-Hoffmann, Angelika: Kleine Literaturgeschiche der Großstadt. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003, ISBN: 978-3534157136
  • Holtz-Baumert Gerhard: Nichts ist hier heilig. Literaten in Berlin. Berlin in der Literatur. Das Neue Berlin, Berlin 2004, ISBN: 978-3360012500
  • Klotz, Volker: Die erzählte Stadt. Ein Sujet als Herausforderung des Romans von Lesage bis Döblin. Carl Hanser Verlag, München 1969, ISBN: 978-3446112544


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