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Bett & Bühne

von
George Tabori

„Ich hatte ein wunderbares Leben, gesegnet von schierem Glück und mehreren gezielten Anschlägen. (An einem sonnigen Morgen, als ich die Earl’s Court Road entlang zum Bäcker ging, blieb ich kurz stehen, um meine losen Schnürsenkel zu binden und wurde vor einer V 2 bewahrt, die an mir vorbei in die Bäckerei einschlug. Kein Croissant blieb übrig.) Ich habe nie geplant, nur gehofft.“

Diese Zeilen eines über Neunzigjährigen sind typisch für ihren Autor: George Tabori?. Geboren am 24. Mai 1914 in Budapest, verschlugen ihn die Zeitläufe nach Berlin, London, Sofia, Istanbul, Jerusalem, Kairo, Hollywood, New York, Bremen, Wien und wieder Berlin. Dort ist er am 23. Juli 2007 im biblischen Alter von dreiundneunzig Jahren friedlich im Bett gestorben, umgeben von seinen Freunden. Bis zum Ende sah er sich als ein „Spielmacher“, nicht als Regisseur?, als der er doch viele Jahrzehnte gearbeitet hat. Doch er war auch vieles andere in seinem Leben: Journalist?, Geheimdienstmitarbeiter, Roman- und Drehbuchautor, Stückeschreiber, Theatergründer.

Taboris Vater in Auschwitz ermordet

Tabori war Jude, sein Vater wurde in Auschwitz ermordet. Was im „Lager“ geschehen konnte, davon handelt sein Stück „Kannibalen“. Von dem, der das Unheil angerichtet hat, das Stück „Mein Kampf“. Und davon, wie er die nie verheilte Wunde des Genozids tamponierte, der grausame Satz: „Der kürzeste Witz? Auschwitz“. Seine Mutter wurde auf wundersame Weise verschont. In „Mutters Courage“ hat er davon erzählt. Er war ein Witzemacher. „Ein Witz? ist eine perfekte Illustration von Dialektik. Jeder gute Witz hat als Inhalt eine Katastrophe. Und die Pointe? ist immer eine Überraschung. Ich nehme Witze sehr ernst. Zu Hause oder in Gesellschaft erzähle ich keine Witze.“ Das tat Tabori nur in seinen Büchern, seinen Stücken. Und dort brennen sie, sind der bare Schrecken und gerade dadurch „eine Lebenshaltung, ein Rettungsweg, der zu tun hat mit dem Prinzip Hoffnung, dass Weiterleben möglich ist.“

Seine Freunde haben Essays, Artikel?, Programmheftbeiträge? aus den letzten beiden Lebensjahrzehnten gesammelt und zu einem Buch gemacht: „Bett & Bühne – Über das Theater und das Leben“. Es handelt genau von dem, was der Titel sagt: Von der Liebe und vom Theaterspielen – also von den barbarischen Zeiten, die ihn, den Liberalen, „zum Juden gemacht haben“.

Es war kein Zufall, dass er als eines der letzten Stücke, die er inszeniert hat, das als unspielbar geltende Frühwerk Lessings „Die Juden“ wählte, eine Räuberpistole, die von Judenhass handelt und von einem Juden, der sich als guter Mensch und barmherziger Samariter erweist. Tabori saß bei jeder Vorstellung zu Seiten der Spielfläche auf der Probebühne des Berliner Ensembles und sah den Schauspielern zu, die diese Parabel so einfach und voll zarten Humors? aufführten, dass die komische Choreographie? des Stücks keine „Übersetzung“ in die Gegenwart brauchte – sie wirkte auch so.

Selbstaussagen von schmerzender Deutlichkeit

Es gibt in diesem Sammelband? Selbstaussagen von schmerzender Deutlichkeit und Passagen von geradezu halsbrecherischer Dialektik, wie eine „Erklärung“ für den Antisemitismus, deren Einfachheit schlagend ist (im buchstäblichen Sinn). Die meisten von der Herausgeberin? Maria Sommer ausgewählten Passagen sind kurz, treffend und häufig ambivalent, sie verlangen vom Leser, dass er bereit ist, auch um die Ecke denken. Er schreibt über den Beruf des Schauspielers so, dass man begreift, wie sehr er diesen Beruf und die, die ihn ausüben, liebt, und wie dringlich es für ihn ist, sie von Abwegen fernzuhalten.

Das längste Stück des Bandes?, ein umfangreicher Essay über Shakespeares „Hamlet“ stammt schon aus den 1970er Jahren, er hat ihn 1990 noch einmal zur eigenen Inszenierung? des Stücks in Wien im Programmheft drucken lassen. In einer Art gesteuerter Ideenflucht umkreist er die Figur des Prinzen, der in Wittenberg studierte, schweift immer wieder ab und bleibt doch beim Thema. Vermutlich zählt dieser Aufsatz? zum Wichtigsten – sicher zum Klügsten – was je über das Stück geschrieben wurde.

Beckett als Fixstern seines Denkens

Auch der, sehr viel kürzere, Beitrag über Shakespeares „Lear“ steckt voller überraschender Einsichten, in beiden Beiträgen werden Freuds (und Alexander Mitscherlichs?) Einsichten ebenso verarbeitet, wie die Erfahrungen aus seinem Leben und also auch die eines „Spielmachers“ mit dem Kosmos des Elisabethaners.

Er war alle Zeit für ihn ein unausschöpflicher Quell der Weisheit. Jener Weisheit, die sich nicht auf abstrakte Begriffe zurückgezogen hat, sondern die denkt, wie die alten jüdischen Rabbiner gedacht haben, wenn sie etwas „klärten“, was bedeutete, über einen Satz in der Thora? nachzudenken. Tabori hat über Shakespeare und seine Helden nachgedacht, die Dramen Satz? für Satz abgeklopft.

Der andere Fixstern seines Denkens war Beckett?, dessen Stücke er oft inszeniert hat. Für ihn stand fest, dass alle Werke? des großen Iren einen gut verborgenen und dennoch erschließbaren autobiographischen Kern hatten – so hat er „Warten auf Godot“ und das „Endspiel“ begriffen.

Auch Taboris Texte sind autobiographisch, gehen stets aus von dem, was ihm widerfahren ist und was er getan hat: „Was, wie ich annahm, meine Seele rettete, waren rein animalische Neugier, auf auch Verrücktes, und eine nebulöse moralische Haltung, niemals, was auch immer geschehen möge, niemals so zu werden wie die.“

Weiser weltlicher Rabbi und tiefer Melancholiker

Nebulös war diese Haltung nie, vielmehr entschieden, er mochte tun und denken was er wollte: Er blieb der „Fremdling“, der das genau wusste. Darum hat er, der neben seiner Muttersprache Ungarisch viele andere (natürlich auch Deutsch) fließend sprach, seine eigenen Texte in der Regel auf Englisch geschrieben, in der Sprache, die er als Journalist? zu beherrschen gelernt hatte und die ihm mit ihrem Realismus (und auch ihrer Phantastik) gemäß geworden war.

Wie belesen und gebildet er war, das hat er meist nur eben anklingen lassen, er war höflich und wollte niemand erschrecken. Er war ein weiser weltlicher Rabbi und zuweilen ein lachender Clown – vor allem aber ein tiefer Melancholiker, der sich in den Humor? und in die jähen Brüche in seiner Prosa rettete. „Bett & Bühne“ ist so etwas wie ein Testament, es ist gut, dass seine Freunde es aus all dem, was es an verstreuten Texten gibt, so schön und intelligent zusammengestellt haben. Es ist das Testament eines Großen – des Theaters und des gelungenen Lebens.

Literaturangaben

  • Tabori, George: Bett & Bühne – Über das Theater und das Leben. Essays, Artikel, Polemiken. Herausgegeben von Maria Sommer. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2007. 192 S., 22,90 €, ISBN: 978-3803136237


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