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Bildvorrat der ausgehenden Moderne

Wir leben in einer Ära, in der sich künstlerisches Schaffen vor allem an der Nachfrage und an konkreten Aufträgen orientiert. Langfristige, geduldige Investitionen, Aufbauarbeit für Museen, Festivals, Institutionen aller Art sind in der Medienlandschaft kaum zu verkaufen. Gefragt sind Kulturprojekte, die eine möglichst schnelle und publikumswirksame Umsetzung gestatten, Unikate, nicht jährlich wiederkehrende institutionelle Projekte. Kulturförderung reagiert mit einem neuen Förderleitbild auf Zwänge eines Medienbetriebs, in dem jeder Inhalt auf seine Quotentauglichkeit hin überprüft wird. Es wird Kunst für die Inneneinrichtung einer Bank in Auftrag gegeben oder für die Verschönerung eines Parks. Es gibt zu wenig Künstler, die von einer Idee getrieben werden, die eine Berufung haben. Ich vermisse jedenfalls oft den geistigen Gehalt. Gehalt gibt es in der Kunst aber nur dann, wenn Künstler etwas Grosses erreichen und etwas Neues sagen wollen - es genügt nicht, dass sie irgendetwas Lustiges basteln.

Das Echte und Authentische, so scheint es, ist für die meisten so erledigt und abgehakt wie eine Truppenparade auf dem Roten Platz oder das Grab Jim Morrisons auf dem Friedhof Père Lachaise. Jean Améry? behauptet in seinem grossen, dunklen Essay „Über das Altern“, mit fünfundvierzig fange alles schon an: das Alter, der Abstieg, der Selbstverlust. Mal sehen, wir lange sich dieser Verfall noch hinauszögern lässt.

Der reine Künstler wie auch der reine Wissenschaftler sind Produkte der aus dem Buchdruck? entstandenen Industriegesellschaft, wie Vilém Flusser sagt. Derartiges Spezialistentum hat etwas abgründig Hässliches, genau wie die Industrieschlote aus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Worte wie Selbsterfahrung, Ganzheitlichkeit und Utopie sind als magische Vokabeln? verschlissen. Die überindividuellen Ekstasen der tragischen Feste der Antike, stellte Roland Barthes? 1953 fest, seien heute in den Sport ausgewandert. Nur die großen Sportereignisse könnten die Leidenschaften so bündeln wie einst Tragödie und Satyrspiel?. Zieht man dies in Betracht, klingt der Slogan? der Fußball-EM "Let's go narrisch" nicht mehr ganz so hirnverbrannt. Zumindest im barocken Österreich scheint der Sinn für die entgrenzenden Kräfte sommerlicher Spiele noch nicht vollends abgestorben zu sein, man fischt die Botschaften aus dem Wörtersee. Das romantische Genie, der Künstlerheld, hat längst abgedankt.

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