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Boccaccio, Giovanni

Giovanni Boccaccio (geb. 1313 in Certaldo oder Florenz; gest. 21. Dezember 1375 in Florenz) war ein italienischer Dichter zur Zeit des Humanismus?. Sein Hauptwerk, die Novellensammlung „Das Dekameron“ (um 1350), begründete dieses Genre für die abendländische Literatur.

Leben und Schreiben

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Giovanni Boccaccio wurde 1313 in Florenz oder im nahe gelegenen Dorf Certaldo als nichtehelicher Sohn eines florentinischen Kaufmanns geboren. Sein Vater arbeitete für das Bankhaus Compagnia dei Bardi. Dass seine Mutter, die kurz nach seiner Geburt starb, eine jung verwitwete französische Adlige gewesen und er in Paris geboren worden sei, ist eine Legende, die er selbst zwar gefördert hat, um den Makel der nichtehelichen Geburt zu verwischen. Sie kann aber bis heute nicht bewiesen werden.

Foto: Web Gallery of Art

"Fiammetta"

Boccaccio wuchs im Haus seines Vaters in Florenz auf. Mit 14 Jahren kam er nach Neapel, wo er in einer Niederlassung des Bankhauses den Beruf des Kaufmanns erlernte und ab 1332 mit wenig Begeisterung das kanonische Recht studierte. Mehr als diese Materie fesselte ihn die Literatur. Wegen seines guten Namens verkehrte er am Hof Roberts von Anjou, des Königs von Neapel, der ein Förderer des Humanismus? war. Dort erwarb er vornehme Umgangsformen, eignete sich autodidaktisch eine umfassende Bildung an – und wurde schließlich zum Dichter. Dabei beflügelte ihn die Liebe zu Donna Maria, der Ehefrau eines Edelmannes: Als "Fiammetta" hat Boccaccio sie in seinen Texten zur idealen Geliebten stilisiert.

„Das Dekameron“ (1349-1353)

Nach dem Bankrott des Bankhauses kehrte Boccaccio 1340 nach Florenz zurück und trat in den Staatsdienst ein. Um die Mitte der 1340er-Jahre war er florentinischer Gesandter in Ravenna und Forlì. Nachdem er zuvor vom Leben am Königshof geprägt worden war, erlebte er nun die bürgerlich-städtische Kultur. Diese Eindrücke schlugen sich in seinem Hauptwerk? „Das Dekameron“ nieder, das er nach einer Pestepidemie 1348 verfasste. Nachdem seine frühen Dichtungen in Latein geschrieben waren, wählte er für „Das Dekameron“ das toskanische Italienisch.

„Das Dekameron“ ist eine Sammlung von hundert Novellen – in Anlehnung an „Novellino“, eine Novellensammlung aus dem 12. Jahrhundert, sowie an die hundert Gesänge in Dantes? „Göttlicher Komödie“. Die Novellen werden von einer Rahmenhandlung? zusammengefasst: Während der Pestepidemie 1348 ziehen sich sieben junge Frauen und drei junge Männer für zwei Wochen auf einen Landsitz bei Florenz zurück. Sie vertreiben sich die Zeit mit Musik, Spiel, Tanz und mit dem Erzählen von Geschichten – außer an den Freitagen und Samstagen, die der religiösen Einkehr gewidmet sind. Es bleiben also zehn Tage, und daher auch der Titel „Il Decamerone“, von deka – griech. „zehn“, und heméra – griech. „Tage“.

Jeder der zehn Tage steht unter einem anderen Motto, das ein jeweils für diesen Tag gewählter König bzw. eine Königin bestimmt. Und zu jedem Motto muss jeder eine Geschichte erzählen. So werden in zehn Tagen hundert Geschichten zum Besten gegeben – heitere und ernste, frivole und erbauliche. Die Rahmenhandlung ist sehr anschaulich und realitätstreu. Sie dient als historische Quelle über die Pestepidemie in Florenz und besitzt mit ihren Landschafts- und Gesellschaftsschilderungen einen eigenen Wert, der weit über den Zweck hinausgeht, dass sie eine Klammer für die hundert Geschichten bilden soll.

Die Geschichten wiederum hat Boccaccio nicht selbst erfunden, sondern antiken und orientalischen sowie mittelalterlichen französischen und italienischen Quellen? entnommen, dabei aber umgestaltet. Viele der Novellen sind Märchen oder Legenden. Die Sprache ist teils einfach und teils sehr komplex, je nachdem, ob der Inhalt der Geschichte eher schwankhaft derb oder eher höfisch fein ist und ob die Handlung zum Beispiel in der Welt der Adligen oder aber der Bauern spielt. Das ganze Werk? strahlt Sinnenfreude aus und zeugt von einem neuen, emanzipierten Geist: Die Kirche kommt in Gestalt der dargestellten Mönche und Kleriker weniger gut weg.

"Das Dekameron" wird erstmals 1370 veröffentlicht. Mit der Novellensammlung hat Boccaccio diese Gattung innerhalb der abendländischen Literatur begründet. Viele Schriftsteller griffen die Form auf, bis hin zu Lessing und Goethe und den Romantikern.

Freundschaft mit Petrarca

Im Jahr 1350 begegnete Boccaccio zum ersten Mal dem Humanisten? Francesco Petrarca?, als er den neun Jahre Älteren in städtischem Auftrag zur Übernahme einer Professur in Florenz einlud. Zwischen beiden entwickelte sich eine Freundschaft. Beflügelt vom – auch brieflichen? – Austausch mit Petrarca verstärkte Boccaccio nun seine Lektüre antiker Dichter. Um Boccaccio und Petrarca herum bildete sich ein Kreis Intellektueller, die maßgeblich zur Wiederentdeckung antiker Autoren beitrugen. Wichtiger Fundort war die Bibliothek von Montecassino, dem Stammkloster der Benediktiner, zu der Boccaccio Zutritt erhielt.

1360 trat Boccaccio in den niedrigen geistlichen Stand ein, wenn auch vermutlich eher aus finanziellen Motiven heraus. Zwei Jahre später hatte er unter dem Einfluss eines Kartäusermönches ein Bekehrungserlebnis. Nun erschienen ihm einige seiner erzählerischen Werke als sündhaft – nur Petrarca konnte ihn davon abhalten, sie zu vernichten.

Ebenfalls 1360 hatte er begonnen, Griechisch zu studieren. Er erreichte, dass diese antike Sprache nun auch an der Universität von Florenz gelehrt wurde, und veranlasste die erste vollständige Übersetzung der Werke? Homers in die lateinische Sprache. In seinem eigenen Schaffen wechselte er – vielleicht auch aus religiösen Motiven heraus – von Lyrik und Epik zur Wissenschaft: Er verfasste ein enzyklopädische? Verzeichnis aller Gestalten der griechisch-römischen Mythologie und Biographien berühmter Männer und Frauen.

Dante-Auslegung und letzte Jahre

Seine Biographie über Dante Alighieri? fand solchen Anklang in Florenz, dass er 1373 den Auftrag erhielt, in mehreren Lehrvorträgen dessen „Göttliche Komödie“ öffentlich zu lesen und auszulegen – eine späte Anerkennung Boccaccios als Autor. Doch 1374 verschlechterte sich sein Gesundheitszustand dramatisch. Er musste seine Vorlesungsreihe über Dante abbrechen und zog sich nach Certaldo zurück, wo er bis zu seinem Tod 1375 weiter an seinen eigenen Werken schrieb.

Zeitlebens hatte Boccaccio, neben dem Makel der nichtehelichen Geburt, mit Geldproblemen zu kämpfen gehabt. Und anders als Petrarca war er auch als Dichter keineswegs berühmt. So hat er sich selbst einmal in einem Brief als „Stiefkind des Glücks“ bezeichnet.

Werke

  • Bücher von Giovanni Boccaccio bei Jokers
  • Il Filostrato (Troilus und Cressida, Epos in Stanzen, 1335-38)
  • Il Filolocò (Roman, 1336-39)
  • Teseida delle nozze d’Emilia (Epos in Stanzen, 1340/41)
  • Elegia di Madonna Fiammetta (Roman, 1343/44)
  • Il Decamerone (Novellensammlung, 1348-1353). Dt. Ausgabe: Das Dekameron. Übers. v. Karl Witte. Fischer Taschenbuch Verlag, München, 3. Aufl. 2012
  • De casibus virorum illustrium (Über berühmte Männer, 1356-73)
  • Trattatello in laude die Dante (Kleine Abhandlung zum Lobpreis Dantes, 1360)
  • De claris mulieribus (Über berühmte Frauen, 1361-62)

Sekundärliteratur (Auswahl)

  • Neuschäfer, Hans-Jörg: Boccaccio und der Beginn der Novelle. Strukturen der Kurzerzählung auf der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit, München, EA 1969

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