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Böse Schafe

von
Katja Lange-Müller

siehe auch die Rezension der Hörbuchausgabe

„Na, Mausepuppe, wohin geht’s?“ – Mit diesem Anmachspruch würde heute wohl keiner mehr landen können, auch nicht unbedingt in Berlin, woher der Satz aber unverkennbar aus dem rauen Moabiter Alltag zur Vorwendezeit stammt. Doch bei Soja klappt die Anmache von Harry. Und nachdem sie zusammen einen Kakao trinken gegangen sind und sich kurze Zeit später bei einem Essen wiedertreffen, sind sie ein Paar. Kein gewöhnliches jedoch, das wird schnell klar.

Soja ist ein Zonenflüchtling mit einer Mutter, die als hohes Tier bei der SED Karriere gemacht hat. Mit „Stütze“ und Gelegenheitsjob hält sie sich im Westteil Berlins über Wasser, immer mit der Nase im Wind, auf der Suche nach einem besseren Leben. Als sie Harry trifft, stellt sie diese eigenen Bedürfnisse sofort zurück. Denn Harry ist, wie sich bald herausstellt, ein Ex-Knacki und Ex-Junkie und, das wird noch mal später nicht ganz freiwillig offenbar, einer der ersten HIV-positiven Berliner.

Wo die Liebe hinfällt...

„Wo die Liebe hinfällt...“ heißt ein anderer schnoddriger Allgemeinplatz-Spruch. Doch auf Soja trifft er voll und ganz zu und kann bis in alle Ewigkeit ergänzt werden. Denn Harry knallt in ihr Leben, und sie tut alles, um ihn wieder auf die richtige Bahn zu lenken – und an sich zu binden. Fast bedingungslos. Leiht ihm Geld, beschafft ihm „Gläubige“, die sich über den Zeitraum seiner Therapie mit ihm zum Zwecke der Integration beschäftigen, verdient Geld, besorgt ihm eine Wohnung, kocht, schrubbt und macht mit ihm nach gescheiterter Resozialisierungsmaßnahme einen kalten Entzug mit. Natürlich besorgt sie ihm auch ein Telefon – um ihn zu kontrollieren.

Doch nie macht Soja ihm Vorwürfe: dass er nicht da ist. Dass er ist, wie er ist. Dass sie nicht richtig mit ihm schlafen kann wegen der Infektion. Dass er launisch und unzuverlässig ist, aufgrund der Drogen, die er irgendwann wieder anfängt zu nehmen. Dass er sie nicht genau so liebt, wie sie ihn. Denn als Harry 36-jährig nach langer Qual im Hospiz stirbt, entdeckt sie sein Notizbuch und muss feststellen, dass sie über all die Jahre in keinem der Einträge vorkommt. Doch selbst da, nach dem Tod, fängt Soja nicht an zu zweifeln, weder an sich ob der vermeintlich verschwendeten Lebensjahre, noch an Harry, noch an der Ehrlichkeit ihrer gemeinsamen Jahre.

Unglaublich gut und unglaublich in der Aussage

Genau das macht den inzwischen 12. Roman (seit 2003 hat sie keinen mehr veröffentlicht) von Katja Lange-Müller so unglaublich – unglaublich gut und unglaublich in der Aussage. Dass Soja so bedingungslos liebt, ohne Erwartung einer Gegenleistung, das ist einfach nicht zu glauben. Ton, Aufbau und Handlung vollbringen aber das Wunder, dass man es am Ende doch glaubt. Das wiederum birgt Zweifel und Hoffnung: Zweifel, ob man genauso handeln könnte wie Soja. Und Hoffnung auf diese eine Liebe, die eben so perfekt ist, dass man nach nichts mehr fragt. Fast biblisch schön mutet das an: „Habe ich nur dich, so frage ich nichts nach Himmel und Erde“ steht im Psalm 73,25. Katja Lange-Müller bringt auch diesen Spruch auf den Boden der Tatsachen, ohne seine Romantik zu zerstören.

„Böse Schafe“ war auf der Shortlist? für den Deutschen Buchpreis, der jährlich auf der Frankfurter Buchmesse verliehen wird. Bekommen hat den wieder mal ein Familienroman. Macht nichts: Dieses Buch, diese Autorin hat Besseres verdient. Nicht einen Preis, der Macht demonstriert und Wirtschaftlichkeit in der Buchbranche lenkt, aber letztendlich nichts über Inhalte und deren Bezug zu gesellschaftlichen Debatten aussagt. Sondern ein Publikum?, das mit der Nüchternheit des Buches und dem gesellschaftlichen Wert dahinter umgehen kann. Weil es sich darin wieder erkennt. Warum warten immer noch alle auf den großen Berlin-Roman und den großen Wende-Roman obendrein? Hier ist er, zwei in einem.

Literaturangaben

  • Lange-Müller, Katja: Böse Schafe. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. 204 S., ISBN: 978-3462039146


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