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Britannica & ich

von
A.J. Jacobs

Von einem, der auszog, der klügste Mensch zu werden

A.J. Jacobs?, 35 Jahre alt und leitender Redakteur? der New Yorker Zeitschrift Entertainment Weekly hat sich ein ganz außergewöhnliches Ziel gesetzt. Er will der klügste Mensch der Welt werden, indem er die Encyclopedia Britannica? verschlingt. 32 Bände?, über 33.000 Seiten? gebündeltes Wissen, das in 44 Millionen Wörtern niedergeschrieben ist, soll schwammartig von ihm aufgesogen werden. Eine Aufgabe, die zu bewältigen nicht nur großes Durchhaltevermögen fordert, sondern auch den ein oder anderen persönlichen Tribut seitens seiner Frau.

In Britannica & ich erzählt der Autor A.J. Jacobs von einer Lesereise? der etwas anderen Art. Mehr aber auch nicht. Wer hier mit einem spannenden und aufschlussreichen Buch rechnet, dem sei umgehend den Wind aus den Segeln genommen. Haben Sie schon einmal daran gedacht, ein Lexikon? zur Hand zu nehmen, nach einem von Ihnen festgelegten Auswahlverfahren einen Mix aus Wörtern zusammenzustellen und das Ganze, mit einer kleinen Prise Belletristik? versehen, in einem Buch niederzuschreiben?

Genau dies ist nämlich die Grundsubstanz von Britannica & ich. Zahlreiche Begriffe werden hier von Jacobs erläutert, mal kurz angerissen und mal etwas ausführlicher beleuchtet und anschließend mit einer Geschichte verknüpft. Was ebenfalls nichts sonderlich aufregendes darstellt, da es in Jacobs Roman verblüffenderweise immer einen direkten Bezug zu den Definitionen gibt. Gut, die Tatsache dass der Protagonist A.J. Jacobs gemeinsam mit seiner Frau seit geraumer Zeit einen unerfüllten Kinderwunsch hegt, mag das Ganze ein wenig abrunden. Wobei aus unerfindlichen Gründen die dann letztendlich doch eintretende Schwangerschaft in zwei Sätzen der Freude ausgedrückt wird. Hier wäre weitaus mehr drin gewesen. Vor allem ein bisschen mehr Aufgebrachtheit, wo doch seitenlang gehofft, gebangt, geträumt und gemutmaßt wurde.

Punktabzug gibt es vor allem aber auch für die ernst gemeinte Aussage, dass es sich bei Goethe um einen Penner oder Renaissancemenschen? auf Speed handelt. Hier kann auch die Bekundung, dass »Jessica Simpson das dummste Luder der Saison sei« die enttäuschte Meinung des Lesers nicht aufwiegen. Weiterhin versucht Jacobs durch einen missglückten Schreibstil, der wohl der Kategorie „Lustig“ zugeordnet werden sollte, seine ohnehin langweilige Geschichte etwas amüsant auszuschmücken. Ein Versuch, der dann doch eher nach hinten losgeht, da es massiv an Wortwitz und Kreativität mangelt.

Keine Spannung, keine Cliffhänger, ein Minimum an Wissensvermittlung und ein Vielfaches an „Geschwafel“, das nicht nur unpassend und wenig informativ ist, sondern die verknüpfte Geschichte zudem stark einschränkt. Ein Großteil der Geschehnisse außerhalb der Britannica-Leseaktion spielt bei Freunden, die den Protagonisten besuchen oder von diesem auf umgekehrtem Wege besucht werden. Doch die Reiserei hat einen tieferen Sinn. Jacobs ist ja schließlich gezwungen, einen Teil der Definitionen mit der Geschichte zu verstricken. Einfallslos beschränkt er sich dabei auf die Freunde, die vom Besserwisser entweder eines besseren belehrt werden oder andernfalls dem Besserwisser noch etwas beibringen können.

Sollten Sie vorhaben, dieses Buch zu kaufen, so stellen Sie sich darauf ein, dass es keine Pointe gibt, dass es sich schleppend lesen lässt und nach und nach immer weniger danach schreit, zur Hand genommen zu werden, weil es sich tatsächlich wie ein Lexikon? liest. Nicht nur weil die Kapitel alphabetisch geordnet sind, sondern immer wieder arge Langeweile aufkeimt. Theoretisch könnte man an dieser Stelle gleich direkt zum Lexikon greifen, weil es praktisch mehr Wissen vermittelt und die kostbare Zeit sinnvoll genutzt wird. Zudem kann man Uninteressantes überschlagen, was bei einem „Roman“ prinzipiell aus Angst, etwas zusammen hängendes verpassen zu können, nicht empfehlenswert ist. Prinzipiell jedenfalls! Querlesen lässt sich Jacobs natürlich schon, denn hier verpasst der Leser kaum etwas, was von Bedeutung ist.

An dieser Stelle kann nicht einmal das schmucke Cover?, das sich elegant und ansehnlich im Bücherregal? präsentieren und von anderen abheben dürfte den Inhalt aufwerten. Ein fesches Design, das zum Lesen eines nicht gerade aussagekräftigen Klappentextes animiert, wo schlichtweg kurze Statements bekannter amerikanischer Zeitungen zu lesen sind. Hier sucht der Interessent vergebens nach einer kurzen Präsentation des „eigentlichen Inhalts“. Vielleicht sollte der Leser dann doch zum Lexikon greifen und unter dem Buchstaben B die Definition der Bauernfängerei nachlesen …

Originalbeitrag unter www.literatina.de

Literaturangaben

  • Jacobs, A. J.: Britannica & ich. Von einem, der auszog, der klügste Mensch der Welt zu werden. List Taschenbuch Verlag, Berlin 2008, 432 S., 19,95 €, ISBN: 978-3548607757


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