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Bruyn, Günter de

Günter de Bruyn (geb. 1. November 1926 in Berlin) ist ein deutscher Schriftsteller und Essayist. Für sein Werk? wurde er mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Er lebt in einem Dorf in der Mark Brandenburg und in Berlin.

Leben und Schreiben

Günter de Bruyn wurde am 1. November 1926 als Sohn eines Übersetzers und einer Heimarbeiterin in Berlin geboren. 1943 wurde er als Luftwaffenhelfer zum Kriegsdienst eingezogen, ab 1944 war er Soldat. Nach kurzer Kriegsgefangenschaft war er zunächst Landarbeiter in Hessen und kehrte dann 1946 nach Berlin zurück. 1946 absolvierte er einen Neulehrerkursus in Potsdam und besuchte von 1949 bis 1953 die Bibliothekarschule in Ost-Berlin. Neben der Ausbildung war de Bruyn als Lehrer in einem Dorf bei Rathenow in der Mark Brandenburg tätig. Von 1953 bis 1961 arbeitete Günter de Bruyn in Ost-Berlin als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Bibliothekswesen der DDR.

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Seit 1961 lebt er als freier Schriftsteller in einem Dorf bei Beeskow in der Mark Brandenburg und in Berlin. Für sein literarisches Werk? wurde de Bruyn mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet: Er erhielt unter anderem den Heinrich-Mann-Preis? (1964), den Jean-Paul-Preis? (1997) und den Hoffmann-von-Fallersleben-Preis? (2008). Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bezeichnete de Bruyn als einen der besten DDR-Prosaisten seiner Generation.

„Der Hohlweg“ (1963)

Am Beginn seiner literarischen Laufbahn entstanden mehrere autobiographische Essays („Grischa 44“) und zwei Erzählungen („Hochzeit in Weltzow“ 1960, „Wiedersehen an der Spree“ 1960), in denen sich de Bruyn mit den traumatischen Kriegs- und Nachkriegserfahrungen der jungen Generation auseinandersetzt. Wie seinen Debütroman? „Der Hohlweg“ (1963) hat de Bruyn diese frühen Erzählungen später verworfen und mit selbstironischen Kommentaren belegt („Der Holzweg“ 1974).

„Der Hohlweg“ war ein großer Publikumserfolg und wurde 1964 mit dem begehrten Heinrich-Mann-Preis? ausgezeichnet. De Bruyn schildert darin die Orientierungslosigkeit und den Identitätskonflikt junger Menschen nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“. Mehr als 17 Jahre lang hatte de Bruyn an seinem Erstling? geschrieben und war dabei immer bemüht gewesen, der herrschenden kulturpolitischen Doktrin der DDR (sozialistischer Realismus?) gerecht zu werden. Mit mäßigem Erfolg, wie ihm Kritiker bescheinigten. Heute wird der Roman vorwiegend als „autopsychotherapeutischer“ (de Bruyn) Beitrag zur DDR-Literatur gelesen.

„Buridans Esel“ (1968)

Im Westen wurden Kritik und Publikum auf de Bruyn nach der Veröffentlichung seiner Romane „Buridans Esel“ (1968) und „Preisverleihung“ (1972) aufmerksam. In Ersterem schildert de Bruyn in ironisch-distanziertem Ton den Alltag in der DDR. De Bruyns literarische Technik ist ausgefeilt: Er arbeitet viel mit Zitaten, Anspielungen? und Reflexionen, die das Romangeschehen immer wieder unterbrechen. Im Mittelpunkt des Romans, der in den östlichen Stadt- und Randbezirken Berlins angesiedelt ist, steht der 40-jährige Familienvater und Bibliothekar Karl Erp – ein saturierter Wohlstandskommunist, dem zu Haus und Auto noch die Geliebte fehlt, wie es im Buch heißt. Diese Geliebte findet Karl Erp in der jungen Praktikantin Broder. Eine verhängnisvolle Affäre beginnt, die dazu führt, dass Karl Erp seine Frau verlässt und aus seinem bisherigen Leben ausbricht.

Von der Fachkritik wird „Buridans Esel“ (eine Metapher, die auf den mittelalterlichen Philosophen J. Buridan zurückgeht) häufig in einem Atemzug mit Brigitte Reimanns „Ankunft im Alltag“ (1961), Christa Wolfs „Nachdenken über Christa T.“ (1968) und Ulrich Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“ (1972) genannt. 1975 wurde „Buridans Esel“ von Ulrich Plenzdorf dramatisiert und 1978/79 von der DEFA unter dem Titel „Glück im Hinterhaus“ verfilmt.

„Märkische Forschungen“ (1979)

1979 folgte ein schmaler Roman unter dem Titel „Märkische Forschungen. Erzählung für Freunde der Literaturgeschichte“, in dem de Bruyn die Frage nach dem Umgang mit dem kulturellen Erbe stellt und zugleich den Wissenschaftsbetrieb (nicht nur in der DDR) parodiert. In de Bruyns Verständnis wird eine Literaturwissenschaft (wie jede andere Wissenschaft auch) fragwürdig, wenn sie sich ihre Forschungsergebnisse von der Politik und den Sonderinteressen verschiedener einflussreicher Lobbys vorschreiben lässt. Für den Leser ist dieser Roman, in dessen Zentrum der Geschichtsprofessor Menzel und der Dorfschullehrer Pötsch stehen, auch heute noch interessant und unterhaltsam, denn de Bruyn spielt virtuos mit den Erwartungen des Lesers. Zudem schildert der Roman (hier ist er ganz der Tradition Jean Pauls? verhaftet, über den de Bruyn drei Jahre zuvor eine facettenreiche Biographie verfasst hatte) das Groteske? im Alltagsleben.

Essays, Autobiographien und Stasi-Kontakte

Das literarische Leben in Berlin und Preußen schilderte de Bruyn in einer Reihe von Essays, die hauptsächlich als Nachwort? für die zusammen mit Gerhard Wolf? betreute Reihe „Märkischer Dichtergarten“ verfasst wurden. Dazu gehören unter anderem: „Nicolai? oder Ein Opfer der Vernunft“ (1982), „Die Geschwister Tieck“ (1983) und „E. T. A. Hoffmann? in Berlin“ (1986). Weitere zum Teil zeitkritische Essaybände sind: „Jubelschreie, Trauergesänge. Deutsche Befindlichkeiten“ (1991) und „Deutsche Zustände. Über Erinnerungen und Tatsachen, Heimat und Literatur“ (1999). Scharfe selbstkritische Töne schlägt de Bruyn in den beiden autobiographischen Bänden? „Zwischenbilanz. Eine Jugend in Berlin“ (1992) und „Vierzig Jahre. Ein Lebensbericht“ (1996) an. In dem Essay „Das erzählte Ich. Über Wahrheit und Dichtung in der Autobiographie“ (1995) skizziert de Bruyn die Schwierigkeit, zugleich Subjekt und Objekt eines Textes zu sein.

1976 gehörte Günter de Bruyn zu den Mitunterzeichnern des offenen Briefes gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann?. Von 1974 bis 1982 war de Bruyn Präsidiumsmitglied im PEN-Zentrum der DDR?, 1978 wurde er Mitglied der Akademie der Künste der DDR? und 1986 wurde er in die Westberliner Akademie der Künste? aufgenommen. Für heftige Debatten sorgten de Bruyns Äußerungen auf dem X. Schriftstellerkongress der DDR? im November 1987, als er die Aufhebung der Zensur? in der DDR forderte. Nach der Wiedervereinigung musste de Bruyn 1993 öffentlich Stasikontakte einräumen.

„Preußische Trilogie“ (1999-2003)

Nach dem zuerst in der Bundesrepublik Deutschland veröffentlichten Roman „Neue Herrlichkeit“ (1984) veröffentlichte de Bruyn seine „Preußische Trilogie?“. Diese besteht aus den Bänden „Die Finckensteins“ (1999), „Preußens Luise“ (2001) und „Unter den Linden“ (2003). Darin schildert de Bruyn die Gesellschaft, die Kunst, die Literatur, aber auch die politischen und militärischen Turbulenzen in der preußischen Geschichte. Die „Frankfurter Rundschau“ war von der Trilogie? wenig angetan und attestierte de Bruyn einen veritablen Adels- und Preußenfimmel.

Zum 80. Geburtstag Günter de Bruyns erschien der Band „Als Poesie gut. Schicksale aus Berlins Kunstepoche 1786 bis 1807“ (2006). Ein Rezensent war begeistert von de Bruyns literarischer Heimatchronik? und lobte, wie der Autor aus Memoiren?, Tagebüchern und Briefen? eine raffinierte und gut lesbare preußische Literatursoziologie? montiere. Ein anderer war vor allem von der Lässigkeit beeindruckt, mit der de Bruyn Vergangenes auf die Gegenwart anzuwenden verstehe.

Günter de Bruyn lebt in einem Dorf in der Mark Brandenburg und in Berlin.

Übrigens ...

hat Günter de Bruyn Anfang Oktober 1989 den „Nationalpreis der DDR?“ unter Hinweis auf die „Starre, Intoleranz und Dialogunfähigkeit“ der DDR-Regierung abgelehnt.

Auszeichnungen

Werke (Auswahl)

  • Bücher von Günter De Bruyn bei Jokers
  • Buridans Esel. OA 1968.
  • Märkische Forschungen. OA 1979.
  • Neue Herrlichkeit. OA 1984. Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag 1986, ISBN: 978-3596259946
  • Zwischenbilanz. Eine Jugend in Berlin. OA 1992. Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag 1994, ISBN: 978-3596119677
  • Mein Brandenburg. OA 1993. Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag 2006, ISBN: 978-3596135967
  • Vierzig Jahre. Ein Lebensbericht. OA 1996. Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag 1998, ISBN: 978-3596142095
  • Deutsche Zustände. Über Erinnerungen und Tatsachen, Heimat und Literatur. OA 1999. Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag 2001, ISBN: 978-3596150441
  • Unter den Linden. Geschichten um eine Straße. OA 2003. Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag 2007, ISBN: 978-3442732678
  • Abseits. Liebeserklärung an eine Landschaft. OA 2005. Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag 2006, ISBN: 978-3596166633
  • Als Poesie gut. Schicksale aus Berlins Kunstepoche 1786 bis 1807. OA 2006. Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag 2006, ISBN: 978-3100096388
  • Die Zeit der schweren Not. Schicksale aus dem Kulturleben Berlins 1807 - 1815. OA 2010. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010, ISBN: 978-3100098344
  • Gräfin Elisa. Eine Lebens- und Liebesgeschichte. OA 2012. Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag 2012, ISBN 978-3100096432

Sekundärliteratur

  • Wittstock, Uwe: Günter de Bruyn. Materialien zu Leben und Werk. (Informationen und Materialien zur Literatur), Fischer Tb., Frankfurt am Main 1991, ISBN: 978-3596109609

Hörbücher

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