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Carossa, Hans

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Hans Carossa (geb. 15. Dez. 1878 in Tölz; gest. 12. Dez. 1956 in Rittsteig) war ein Arzt und Schriftsteller. Mit seinen Erzählungen und Gedichten gilt er als eine der bedeutendsten literarischen Stimmen, die nach dem Zweiten Weltkrieg das klassisch-humanistische Erbe des Abendlandes als rettenden geistigen Neuansatz nach den Jahren des Nationalsozialismus anboten.

Foto: J. Pasquay / Wikipedia.org

Leben und Schreiben

Geboren am 5. Dez. 1878 in Tölz (heute Bad Tölz) als Sohn eines Arztes und einer Lehrerin, wurde Hans Carossa nach dem Medizinstudium in München, Würzburg und Leipzig ebenfalls Arzt. Er führte zuerst die Praxis des Vaters in Passau weiter.

Arzt und Dichter

Schon als Student hatte er ab 1898 Gedichte veröffentlicht? und dann als Arzt versucht, die medizinische Tätigkeit mit der dichterischen Berufung ins Gleichgewicht zu bringen. Das gelang ihm aber nur schlecht. Die medizinische Alltagsarbeit verzehrte seine Kräfte mehr, als er ertragen konnte. Der häufige Wechsel der Niederlassungen in verschiedenen Städten, die immer wieder auftauchenden Krankheiten und die fluchtartigen Reisen zeigen das deutlich.

Carossas hier und da erscheinende Gedichte aber ließen so verschiedene Geister wie Ernst Bertram? und Richard Dehmel? auf ihn aufmerksam werden. Besondere Förderung erlebte Hans Carossa durch Hugo von Hofmannsthal?, dem er es verdankte, dass 1910 im Insel Verlag? ein erster Lyrikband? erschien. Die Gesammelten Gedichte machten ihren Autor schnell einer großen Öffentlichkeit bekannt.

Im Ersten Weltkrieg war Carossa als Frontarzt in Rumänien und in Frankreich eingesetzt, wurde im letzten Kriegsjahr verwundet und noch als Lazarettarzt in Deutschland beschäftigt. Während der Kriegsjahre und beim Neuaufbau einer ärztlichen Existenz in der Nachkriegszeit arbeitete der Dichter zäh an seiner Lyrik und an der Konzeption seiner Prosaprojekte weiter.

Erste autobiographische Bände

So kamen in den ihn fast erstickenden Jahren seiner Münchener Kassenpraxis die autobiographischen Bücher Eine Kindheit (1922) und Rumänisches Tagebuch (1924) heraus. Sie begründeten den Ruhm des Autors und brachten ihm auch finanziell die Möglichkeit, die medizinische Arbeit zu reduzieren, ausgedehnte Reisen zu unternehmen und sich noch stärker den schriftstellerischen Projekten zu widmen.

Als Ergebnis erschienen die schon in den Jahren davor begonnene Fortsetzung? der dichterischen Autobiographie Verwandlungen einer Jugend (1928) und die nur scheinbar fiktionalen Romane Der Arzt Gion (1931) und Geheimnisse des reifen Lebens (1936). Schon die Verhüllung der eigenen Lebenslinie durch fiktive Elemente und die distanzierende Verfremdung mittels der auktorialen Erzählperspektive in diesen beiden Romanen zeigen, wie der durch die Zeitereignisse verletzte Dichter sich aus seiner Gegenwart zurückzuziehen versucht, um sich ganz auf das der Vergangenheitsbewältigung gewidmete eigene Werk? zu konzentrieren.

In der inneren Emigration

Aber der Wahrheit war letztlich für Carossa nur in der Offenlegung des selbst Erlebten und Erlittenen beizukommen. So sind das faktengenaue, dankbare Gedenkbuch? Führung und Geleit (1933) und der Neuanfang seiner künstlerischen Autobiographie Das Jahr der schönen Täuschungen (1941) der leuchtende Rahmen um die dunkelste Zeit nicht nur seines Lebens. Einerseits wurde Carossa mit hohen Auszeichnungen wie dem 1928 für ihn neu geschaffenen Münchner Dichterpreis und ein Jahrzehnt später mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt? geehrt.

Andererseits griffen ihn seine Kritiker entweder als traditionalistischen Goethe-Epigonen? oder als feigen Faschistenhelfer an, weil er sich 1941 in die Präsidentschaft einer von Goebbels forcierten Europäischen Schriftstellervereinigung drängen und keinen Widerstand gegen die Nationalsozialisten erkennen ließ. Besonders solche Vorwürfe, die nach dem Zweiten Weltkrieg laut und öffentlich erhoben wurden, haben den Dichter tief verletzt.

Dabei hatte er schon 1933 eine Berufung in die preußische Dichterakademie abgelehnt und im Jahr 1937 in Weimar mit seinem Vortrag Wirkungen Goethes in der Gegenwart, in diesem humanistischen? Bekenntnis zur Weltanschauung der deutschen Klassik?, eine deutliche Abgrenzung zur nationalsozialistischen Ideologie vollzogen. Sein Funktionsamt in der Schriftstellervereinigung benutzte er zuweilen auch, um sich für verfolgte und im KZ inhaftierte Literaten einzusetzen, bei Alfred Mombert? erfolgreich, bei Peter Suhrkamp? vergeblich.

Weil sich Carossa Ende April schriftlich an den Oberbürgermeister von Passau mit der Bitte wandte, auf die Verteidigung des Ortes gegen die anrückenden amerikanischen Truppen zu verzichten, wurde er vom Gauleiter zum Tode verurteilt. Seine Hinrichtung durch die SS verhinderte nur die wenig später erfolgte schnelle Eroberung der Stadt.

Erneuter, später Ruhm

Dem alt gewordenen Dichter wurden nach Kriegsende noch zahlreiche Ehrungen zuteil, und einer sich um ihn sammelnden großen Lesergemeinde war er in der bitteren Nachkriegszeit Trost und Hilfe. Aber die nun noch erscheinenden Bände? Aufzeichnungen aus Italien (1948) und der Selbstrechtfertigungsbericht über Ungleiche Welten (1951) sowie der autobiographische Schlussband Der Tag des jungen Arztes (1955) zeigen Spuren der nachlassenden Kraft von Carossas dichterischer Prosa.

Seine Lyrik jedoch behielt in allen Wandlungsphasen seines Lebens einen Glanz von Vollkommenheit. Werfel? und Rilke haben Carossas Sprachkunst anerkannt, Dehmel? und Hofmannsthal? ihr den Weg in die Öffentlichkeit gebahnt. Hermann Hesse schlug den Dichter gar für den Literaturnobelpreis vor.

Was bleibt

Heute ist Hans Carossa fast vergessen. Dies aber bleibt: Er hat die literarisch bedeutsame Autobiographie im 20. Jahrhundert auf neue künstlerische Höhen geführt. Und einige seiner Gedichte gelten als die schönsten in deutscher Sprache. Am 12. September 1956 schloss der Mahner und Bewahrer, Arzt und Dichter in Rittsteig bei Passau seine Augen.

Auszeichnungen

Werke (Auswahl)

  • Gesammelte Gedichte, 1910
  • Eine Kindheit, 1922
  • Rumänisches Tagebuch, 1924
  • Verwandlungen einer Jugend, 1928
  • Der Arzt Gion, 1931
  • Geheimnisse des reifen Lebens, 1936
  • Führung und Geleit, 1933
  • Wirkungen Goethes in der Gegenwart (Vortrag), 1937
  • Das Jahr der schönen Täuschungen, 1941
  • Aufzeichnungen aus Italien, 1948
  • Ungleiche Welten, 1951
  • Der Tag des jungen Arztes, 1955

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