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Christa Wolf. Eine Biographie in Bildern und Texten

von
Peter Böthig (Hrsg.)

"Christa Wolf selbst hat beständig über sich, über ihre Suche nach exemplarischer Selbsterkenntnis erzählt und geschrieben. Man kann eine, in diesem Sinne, öffentliche Person im Grunde nicht öffentlicher machen, als sie es selbst – in ihren Büchern – bereits getan hat. Unser Buch will nichts anderes, als der andauernden künstlerischen und literarischen ‚Selbstveröffentlichung’ der Autorin eine visuelle Begleitung an die Seite zu stellen." Mit diesen Worten hat Herausgeber Peter Böthig auf den Punkt gebracht, was den Leser, oder vielmehr den Betrachter, auf den rund 200 Seiten der im Luchterhand Literaturverlag? erschienenen Bildbiographie zu Christa Wolfs 75.Geburtstag (18. März 2004) erwartet.

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Wer auch nur ein Buch der bedeutendsten deutschsprachigen Autorin der Gegenwart gelesen hat, wird behaupten, sie in irgendeiner Weise zu kennen. In ihren Büchern erzählt Christa Wolf von sich selbst, ihre Autobiographie zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Werke. In dieser Bildbiographie wird das Leben der Autorin nicht erzählt, sondern gezeigt. Ihre Lebensgeschichte lässt sich anhand der zahlreichen Schwarzweißfotos – viele von ihnen stammen aus ihrer privaten Sammlung - von Geburt an bis in die Gegenwart und von Werk zu Werk mitverfolgen. Die einzelnen Lebensabschnitte Christa Wolfs werden aus diesen liebevoll ausgewählten Bildern zusammengesetzt, ergänzt durch Manuskripte, Zeugnisse und andere Dokumente sowie durch einige autobiographische Texte aus ihren Essays und Briefen?.

Germanistikstudentin in Jena

Das erste Bild stammt aus dem Jahr 1929, dem Jahr ihrer Geburt. Stolz halten Otto und Herta Ihlenfeld ihre kleine Christa in den Armen. Die ersten 16 Jahre ihres Lebens wächst sie mit ihrem jüngeren Bruder Horst in Landsberg an der Warthe auf, einer Kleinstadt jenseits der Oder, wo die Eltern ein Lebensmittelgeschäft führen. Sie ist an einem besonderen Tag geboren, vielleicht ist das schon der erste Hinweis auf ein außergewöhnliches Leben: "Ich war ein gut erzogenes, aber aufmüpfiges Kind. Jedenfalls hat meine Mutter mir immer gesagt – ich bin am 18. März, dem Jahrestag der Revolution, geboren –‚ du bist ein richtiges Revolutionsbaby’".

Nach dem Krieg flüchtet die Familie nach Mecklenburg. Als Germanistikstudentin? lernt Christa in Jena Gerhard Wolf? kennen. Noch während ihres Studiums heiratet sie ihn und bringt ihre erste Tochter zur Welt. Neben ihrem Beruf stellt die Familie das Wichtigste für Christa Wolf dar: "Das Schreiben war meine Möglichkeit, mich selbst zu verwirklichen. Die anderen Möglichkeiten waren die als Frau und die als Mutter, die für mich elementar wichtig hinzukommen. Ich könnte mir keinen anderen Beruf vorstellen, in dem ich mich so zu Hause gefühlt hätte." So ist es nicht verwunderlich, dass es die Fotos im Kreis der Familie sind, die die Schriftstellerin fröhlich und ausgelassen zeigen – in der Kindheit mit Bruder Horst, dann mit Ehemann Gerhard und den beiden Töchtern, später mit den Enkelkindern.

Der Weg zur Literatur

Ihre berufliche Laufbahn begann Christa Wolf als junge Literaturkritikerin beim Deutschen Schriftstellerverband?. Der Weg von der Germanistik? und Literaturkritik zur "richtigen" Literatur ist ihr anfangs nicht leichtgefallen: Je länger man sich mit Literatur beschäftige, desto schwerer sei es, selbst etwas zu veröffentlichen. Von Freunden und Kollegen, die ihr Talent erkannten, wurde sie ermutigt, selbst zu schreiben. In einem Brief forderte sie der Lyriker und Erzähler Louis Fürnberg auf: "Bitte, Christa, hab keine Komplexe, sondern schreibe! Der liebe Gott hat dich nicht geboren, damit du deutschen Schriftstellern die angeborenen grammatischen Unzulänglichkeiten verbesserst. Schreib!!!"

Vielleicht waren es solch eindringliche Worte, die Christa Wolf den Anstoß gaben, mit dem Schreiben zu beginnen und 1961 schließlich das erste Buch, die "Moskauer Novelle", zu veröffentlichen. Ihr Leben als Schriftstellerin begann. Sie gewann Preise und Stipendien, hielt Vorträge, unternahm viele Reisen und traf mit den bedeutendsten Größen des Literaturbetriebs zusammen: mit Anna Seghers?, Max Frisch, Heinrich Böll?, Sarah Kirsch, Erich Fried? und Günter Grass? – um nur einige Namen zu nennen.

Auf dem ersten Blick wirkt Christa Wolfs Leben als Autorin harmonisch und wenig spektakulär. Dennoch ist es reich an Auseinandersetzungen und Konflikten, meist verbunden mit inneren Krisen; nicht ohne Grund ist das Problem der "Selbstverwirklichung" ein wichtiger Knotenpunkt ihrer schriftstellerischen Arbeit. Weder im Literarischen noch im Politischen fand sie sich hierbei zu Zugeständnissen bereit. Die DDR war Christa Wolfs Heimat, und ihr Leben als Schriftstellerin ist durch diese wesentlich geprägt: "Meine Frühentwicklung als Autorin wäre nie denkbar ohne die Literatur der deutschen Antifaschisten." Beim Ministerium für Staatssicherheit wurde sie drei Jahre lang als "GI" geführt. Dann wurde die Akte geschlossen; Christa Wolf habe nicht die "richtige Liebe zur Sache" gezeigt und unterliege zeitweilig politischen Schwankungen.

Auf der Suche nach der eigenen Position

Ebendiese Schwankungen, das Zögern, Zweifeln, ihre kritische Position, die sie auch nach 1989 beibehielt, stellen den Boden ihres schriftstellerischen Lebens dar. Sie wandte sich von den Zentren der Macht ab und suchte ihre eigene unabhängige Position, von der aus sie ihre Fragen an die Gesellschaft und an sich selbst stellte. Damit stieß sie nicht immer auf Zustimmung. Als 1963 "Der geteilte Himmel" erschien, wehrte sich die SED-Zeitung "Freiheit" mit ideologischen Angriffen gegen dieses Buch und gegen die Schriftstellerin selbst.

Als ihre Bücher und Essay zunächst nicht mehr in der DDR veröffentlicht wurden, wusste Christa Wolf zumindest, wo sie stand: "Aber in diesen Auseinandersetzungen, in denen ich mich lange abmühte, meine Angreifer davon zu überzeugen, dass ich doch dasselbe wolle wie sie, wuchs in mir eine hilfreiche Einsicht: Ich begriff auf einmal, dass ich nicht dasselbe wollte wie sie, dass sie sich durch mein Buch bedroht fühlten und darum so heftig reagierten. Danach ging es mir besser."

Zu einem wichtigen Ereignis sind keine Photos abgedruckt, weil es keine gibt. Zu sehen ist nur das Ergebnis des Treffens der elf DDR-Schriftsteller in der Wohnung von Stephan Hermlin? am 17. November 1976: eine Protestresolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Auch Christa und Gerhard Wolf zählten zu den Unterzeichnern, was eine verschärfte Überwachung der Familie nach sich zog. Christa Wolf dachte zum ersten Mal daran, die DDR zu verlassen. Doch sie blieb.

Kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit

Am 4. November 1989 sprach sie vor mehr als 500.000 Menschen bei der Kundgebung für Presse- und Meinungsfreiheit auf dem Berliner Alexanderplatz. Nach der Wiedervereinigung musste sie sich wegen ihrer zeitweiligen Kontakte zur DDR-Staatssicherheit gegen massive Angriffe wehren. Doch sie löste diese Krise souverän und legte eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Abschnitt ihrer Vergangenheit als "Akteneinsicht Christa Wolf" der Öffentlichkeit vor.

Auch in den letzten Jahren hat Christa Wolf ihre Arbeit als Schriftstellerin? fortgeführt und sich mit gesellschaftlichen Problemen auseinandergesetzt, seien es die Herausforderungen im vereinten Deutschland oder der Irakkrieg. 2003 ist "Ein Tag im Jahr" erschienen, ihre Tagebuchaufzeichnungen, die sie von 1960 bis 2000 jeweils am 27. September, immer am gleichen Tag im Jahr, aufgeschrieben hat.

Mit dieser umfangreichen Bildbiographie hat der Verlag nicht nur der Autorin, sondern auch dem Leser ein einzigartiges Geschenk gemacht. Selbst wer schon alle Werke Christa Wolfs kennt, kann hier vielleicht so einiges in ihren Gesichtszügen lesen. Am Ende mag man ihr das glauben, was sie selbst über die 75 Jahre ihres Lebens sagt: "Ich lebe gerne."

Literaturangaben

  • BÖTHIG, PETER (Hrsg.): Christa Wolf. Eine Biographie in Bildern und Texten. Luchterhand Verlag, München 2004. 224 S., mit zahlr. Fotos, 35 €.


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