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Cyberspasz, a real virtuality

Novellen von
A. J. Weigoni

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„Information ist entfremdete Erfahrung.“ (aus: „Gadget“ von Jaron Lanier, 2010)

Sollte das Internet ein getreues Abbild einer Geistesverfassung sein, so fehlt den Menschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts vor allem eins: Ein Bewusstsein für die Realität. In »Cyberspasz, a real virtuality« schöpft A.J. Weigoni alle Strategien des Erzählens aus, er untersucht wo die Grenzen von Fiktion liegen und wann die Wirklichkeit verschwimmt. Er begegnet der Immaterialität zirkulierender Objekte und Zeichen mit einer ganz eigenen Sprache der Abstraktion, einer Fiktion, die nicht nur die Sprache, sondern auch die Erzählung sowie die Figuren und ihre Beziehungen untereinander betrifft.

Informationelle Selbstbestimmung

Alles was wir sind, ist ein Resultat dessen, was wir gedacht haben. Eigentlich ist virtuelle Realität nichts anderes als der Versuch, diese alte Weisheit in Praxis umzusetzen, statt sie an die Wand zu pinnen. Die Literatur ist körperlos und dieser Schriftsteller tut sein Möglichstes, um diesen Prozess der Ablösung von der Materie zu befördern. Diese Kältetendenz rührt vom Eindringen der Physik in die moralische Idee. Auch wenn den Lesern die Inhalte vielleicht nicht immer gefallen, weil sie nicht gefällig sind, sondern die Realität hinter der Maske von Schein zeigen, das Scheinbare zum offensichtlichen Phantom degradieren, schätze ich Weigonis literarische Qualität. Ein Wort zu einem anderen zu fügen und dabei beide gegenseitig sich hinterfragen zu lassen, stetig zu hinterfragen, das vermögen nicht viele. Auch wenn es manchmal anstrengend ist, diese Prosa zu lesen. Die Ästhetik der Kunst besteht nur vordergründig in Vordergründigem, erst wer zum Hintergrund gelangt und die Beziehungen der verschiedenen Schichten und Verwerfungen zu erkennen vermag, wird zur wahren Schönheit gelangen.

"Love the machine, hate the factory"

Weigonis Interesse gilt der Erforschung des Unbewußten der Gegenwart, den unausgesprochenen Ängste und heimlichen Begierden; und der Rolle, die deren Reflexion und Analyse in diesem Unbewussten spielt. So lassen sich seine Novellen auf einer Achse zwischen den Polen Gewalt und Erkenntnis verorten. Sein zentrales Thema ist die Vertechnisierung der Sinne und die Versinnlichung der Technik. Dabei betreibt er eine Aufklärung gegen die Technikgläubigkeit. Eines der wesentlichen Merkmale seiner Prosa ist ein dekonstruktivistischer Ansatz, der im Zerlegen und neuen Zusammensetzen kultureller Erscheinungen besteht. Für ihn ist jedes Buch ein Ort, den er mit seiner Sprache durchwandert. Das Lesen seiner Prosa ist weniger ein Akt des Verstehens und Dechiffrierens als so etwas wie Versenkung und Kontemplation. Diese Prosa ist geprägt von einem erkennbaren Rhythmus? und einem hohen Grad an Sprachreflexion. Im beziehungsreichen Metaphernspiel nährt Weigoni zwar den Anschein, die zwischenmenschliche Verständigung mithilfe der Sprache hätte ihren Sinn verloren, zugleich aber reduziert er den allmächtigen Wörterschwall der herrschenden Poesie auf ein Minimum. Er glaubt bei allem schwarzen Pessimismus an die Unverfügbarkeit der Seele, die kein Zwangseingriff zum Schweigen bringen kann und nähert sich den Trivialmythen aus der Perspektive des Connaisseurs, beutet den popkulturellen Rohstoff aus, beschwört den anarchistischen Geist des Rock’n’Roll und verhandelt seine Lebensthemen: Anderssein und Ausbruch, Repression und Libertinage, Rausch und Sexualität.

Sinn und Sinnlichkeit ungetrennt

In Zeiten des kulturellen Allesfressertums und dem Verschwimmen der Grenzen von High und Low Culture läßt sich über ästhetische Präferenzen kein Dinstinktionsgewinn mehr einfahren. Weigoni bringt die spielerische Dramaturgie? eines postmodernen Patchwork–Romans und die psychologische Tiefe eines realistischen Gesellschafts–Epos, die Entwicklung der Musikindustrie von der Hippie–Kultur der sechziger Jahre bis in eine von Gadget–versessenen Kleinkindern regierte Zukunft sowie zig verschiedene Charaktere, Generationen und Genres in einem überaus originellen und temporeich erzählten Buch zusammen. »Cyberspasz, a real virtuality« ist eine Comédie humaine der Gegenwart. Die Figuren von Weigoni stecken in metaphysischen Schicksalshorizonten. In der Novelle »Auf ewig Dein« hängen sie gleichsam an Fäden wie Kleistsche Marionetten, versuchen aber trotzdem, ihren eigenen Willen zu behaupten. Und letztlich auch durchzusetzen. Die Simulation von Lebensprozessen, die technische Reproduktion natürlicher Vorgänge, treibt den menschlichen Geist um. Inzwischen wendet sich dieser Geist sich selbst zu – oder vielmehr dem Gehirn, dessen Tätigkeit mittels Computertechnologie rekonstruiert werden soll.

Infiltration sozialer Netzwerke

Das Thema der künstlichen Intelligenz hat Hochkonjunktur. Der Begriff artificial intelligence wurde 1955 von John McCarthy geprägt. In seinem Sinne ist darunter ein Teilgebiet der Informatik zu verstehen, das sich mit der Automatisierung intelligenten Verhaltens beschäftigt. Konkretisiert sich die Automatisierung in einer Maschine, so können sich Mensch und Mechanik bis an die Grenze der Verschmelzung annähern. Diese Nähe strahlt in beide Richtungen aus: Einerseits wird der Mensch als Maschine verstanden und in seinem Verhalten so analysiert. Auf der anderen Seite wird die Maschine in Analogie zum Menschen gesehen. Vera und Jack sind Computerkids. Sie suchen nach Erkenntnis, ertrinken in Information und leben in einer Welt riesiger Monopolisten, in der eine Einheitskultur den Planeten überschwemmt. User, die das Netz nutzen, sind immun gegen die Fülle der Informationen, sie nehmen die ersten 40 Worte und lassen 1.800 aus. Dieser Reduktionismus lässt sie nicht in Information ertrinken. Diese Menschen schaffen sich ihre eigene Übersichtlichkeit. Vera und Jack haben den Datenhandschuh fest im Griff und klinken sich in einen allumfassenden elektronisch-biologischen Geistesverbund ein. Ihre Codes haben sich auf leicht fehlerhafte Weise andauernd selbst repliziert und neu kombiniert, so lange, bis aus den Fehlern Sinn, aus den Mängeln neue Stabilität, aus den Mutationen brillante Fähigkeiten geworden sind. Eine solche völlig ungesteuerte Evolution digitaler Codes ist nicht nur real vorstellbar, sie hat in Veras Labor schon begonnen – wenn sie auch, mit Darwin gesprochen, noch im Amöbenstadium feststeckt.

Vera und Jack stoßen auf das Projekt „Artificial Life“, einer Vernetzung von Biomasse und hochleistungsfähigen Chips. Die macht die A.I. nachdenklich. Zu seinem Nachdenken gehört nicht zuletzt, sich auf die Ambiguität des Wortes Simulation zu besinnen. Es bedeutet Nachahmung und Vortäuschung. Simulation von Verhalten ist nicht das Verhalten selbst. Ein Fehler hat sich in Veras Rechner eingeschlichen, ein Systemfehler oder nur menschliches Versagen? Wie sollen Vera und Jack etwas simulieren, das sie noch gar nicht verstehen? Vertraut sie da nicht einfach auf einen neuronalen Deus ex Machina, der plötzlich aus den Simulationen springt? Hinzu kommt ein weiteres Problem: Gibt es überhaupt eine Software für die Wetware unseres Gehirns?

Kapitalistischer Realismus

Der Firnis unserer Zivilisation ist dünn. „Wir fressen einander nicht“, postulierte Georg Christoph Lichtenberg, „wir schlachten uns bloß.“ In »Der große Wurf« liegt jenseits der Kompromisse und jenseits des Spiels von Ich–Entwürfen und den Problemen damit nur die Dystopie. Während für das 20. Jahrhundert der Abschied von Utopien konstatiert wurde, gilt für das 21. Jahrhundert das gleiche für Dystopien. Die ersehnte Zuflucht existiert nur zum Schein; sie ist immer schon bedroht.

Als Seismograf der deutschen Verhältnisse rückt Weigoni mit dieser Novelle, einer Gegenwart auf den Leib, die an der eigenen Leere leidet und daher nach einem Design lechzt, das dem Sein den richtigen Schliff gibt. Diese Novelle steht in ihrer Abstraktion für die kapitalistische Durchdringung aller gesellschaftlichen Regungen in der modernen westlichen Gesellschaft. Dieser Romancier ist ein Architekt eines geräumigen Erzähl-Kosmos, dieser ist bevölkert von prägnanten, aber zwiespältigen und oft hochneurotischen Gestalten. Sie sind verbunden durch ein weitmaschiges Netz verschiedener experimentell noch kaum bestätigter Hypothesen, deren Gegenstandsbereiche sich nur zum Teil überschneiden und deren kleinste Objekte eindimensionale Entitäten von apart schwingender Natur sind. Weigonis Sprache ist auch bei »Der große Wurf« stilistisch eigenwillig, hier gibt Weigoni dem Kriminalgenre puren Rock'n'Roll.

"Wen kümmert's, wer spricht?", hat der postmoderne Philosoph Michel Foucault? gefragt. Hier bringt Weigoni Figuren zum Sprechen, die er, was immer er ihnen im Lauf der Handlung zumuten mag, liebevoll umsorgt. Seine Figuren agieren schnell, hart und laut. Es geht in diesem Sub-Proletariat um gescheiterte Beziehungen, schnelle Autos und Rock'n'Roll. Nichts ist bewältigt oder ausgeschöpft. Hinter den Sprachhülsen ist stets auch ein ehrliches Gefühl spürbar. Das Verhältnis, die Spannung von Distanz und Nähe bildet sich auch in dieser Novelle immer wieder neu. Durch einen Zufall gerät der Taxifahrer Fridolin Fleppe an eine millionenschwere Ladung Kokain, doch das ist nur der McGuffin der Geschichte. Gemeinsam mit seinem Kumpel Justaff, einem Automechaniker und der Hure Anouk versuchen sie die Droge dem durchgeknallten Killer Edwin „Mac“ Plenz zu verkaufen, um ein „neues Leben“ anzufangen. Die Erzählung von Anouks Tat ist Fiktion, die Geschichte erfunden. Es ist ein doppelter Triumph der Literatur. Der rebellische Geist und das Aufbegehren gegen das, was die Hippies hinterließen, und damit die Hoffnung, noch Emanzipationsschritte vor sich zu haben, stehen dieser Generation nicht mehr zur Verfügung. Diese Novelle kommt wohltuend undidaktisch und moralfrei daher und bleibt im Kern eine gelungene Satire auf den homo oeconomicus in der freien Marktwirtschaft. Als eine Form der Unterhaltung hat »Der große Wurf« die Wucht und Durchschlagskraft eines Bolzenschussgeräts.

"Jazz is not dead, it just smells funny." (F.Z.)

Wer annimmt, ein Klavier besitze kein Mundstück und ein Saxophon keine Stahlsaiten, wer den Klang weiterhin schwarzmalen oder weißwaschen will und darüber hinaus dem Glauben anhängt, ein Schlagzeugsolo sei unabdingbar, um die Füße mitwippen zu lassen, wer zweiunddreißig Takte braucht, um sich zu orientieren, und eine Schlusskadenz, um applaudieren zu können, der hat keine Ahnung von Jazz. Im Jazz, davon berichtet diese Novelle, muß man sich mit den Grundlagen auseinandersetzen, immer wieder und immer wieder von neuem. Wer in der Sprache dieser Musik etwas Eigenes formulieren wolle, muss sie zuerst ganz begreifen. Qualität weist in die Tiefe, zu den Grundlagen, den fundamentals. Weigoni hat sich den Ruf eines freundlichen Skeptikers erworben, der sich genau überlegt, was er macht. Er zeigt, auch wenn dies altmodisch erscheint, dass Sprachreflexion und Ethik zusammengehören. Dieser Romancier zweifelt an der Tragfähigkeit der Sprache, findet sie in exakt ausgeloteten Widersprüchen, in Konfrontationen von wörtlichem und übertragenen Sinn eines Wortes, in präzisen Bildern des Abschieds, des Verlusts und des Schmerzes.

Wie nicht viele in deutscher Sprache wagt sich dieser Schriftsteller weit hinaus und weit hinunter in seiner poetischen Topografie. Seine jazzthetische Novelle widmet er dem Musiker Roland Kirk. „Rahsaan“ ist ein gottgesegneter Saxophonist, der jeden Lehrer für dieses Instrument zur Verzweiflung bringen würde. So kann man nicht intonieren, so kann man nicht auf dem Rohrblatt herumkauen, so darf man nicht ins Instrument hineinblasen. Eigentlich darf man überhaupt nichts so machen wie Roland Kirk. Wenn man den Regeln folgen will! Aber was bei Kirks abenteuerlicher Spieltechnik den Schalltrichter des Instruments verlässt, hat die Welt noch nicht gehört. Kein Wissenschaftler wäre fähig, diese Klänge zu transkribieren. Diese Novelle beginnt auf einem Flohmarkt. Florin lernt die Musik von Roland Kirk und Fatima kennen, eine folgenschwere Begegnung. Folgenschwer wie jede Liebschaft. Eros mit den weiten, lächelnden Schwingen, den manche nicht zu kennen meinen. Jedes, vielleicht auch nur augenblickliche Verstehen mit ändern, jedes Gefühl von Intensität ist eine erotische und somit schöpferische Kraft, eine Quelle der Inspiration und der Phantasie, keineswegs aber ein trüber und sei es noch so sublimer Ersatz. Diese poetische Phantasien sind triebgesteuert. Literatur ist Kunst und nicht Ersatz und auch Arbeit, sofern sie intensiv und nicht entfremdet ist, ist nicht Ersatz. Was ich befürchte: auch das Liebesspiel ist für Florin und Fatima Ersatz, daher müssen sie heraus aus der Alltag und runter in den Triebabgrund. In »Rahsaan, eine jazzthetische Story« erzählt Weigoni die Geschichte eines Schallplattensammlers, der sich in New York City auf die Suche nach einem Jazz-Musiker macht. Er verknüpft darin Konzertbesuche, Taxifahrten, Beobachtungen, Lektüren mit Erinnerungen – und mit Überlegungen zum Vorgang des Erinnerns. Heimweh mischt sich mit Neugier und Verliebtsein und dem Gefühl immer zur richtigen Zeit am falschen Ort zu sein.

Verballhornungen auf die Medienwelt

„Das Morgen ist schon im Heute vorhanden, aber es maskiert sich als harmlos“, stellte Robert Jungk? fest. Weigoni fragt in der Novelle »Kopfkino« wo ist das Morgen im Heute vorhanden, und wie harmlos ist es. Der Fortschritt in der Digitalisierung von Film-Bildern verläuft exponentiell; er explodiert. Alle paar Wochen werden neue Instrumente und Gadgets präsentiert, deren Gebrauchswert zwar keineswegs in allen Fällen gesichert ist, deren Macht indessen über vieles triumphiert, was eben noch verstanden und beherrscht werden konnte. Selbst eingefleischte Freaks finden sich nicht sofort zurecht auf den Flächen und Paletten.

„Die Zukunft war früher auch besser!“, ist ein Zitat, das Karl Valentin? zugeschrieben wird. Retrofuturismus spult sich bei »Kopfkino« ein WortVideo für eingeweihte Ohryeure ab. Im Paralleluniversum 2001 taucht eine bis dato unentdeckte Fassung von Herz der Finsternis, dem ersten Orson Welles–Film, aus den unergründlichen Tiefen eines Sammlerarchivs wieder auf. Georg Kaplan, ein Journalist wider besseres Wissen, bekommt durch Zufall den Auftrag seines Lebens. Er beginnt mit seinen Recherchen und stellt bald fest, daß etwas nicht stimmt, die wieder aufgetauchte Herz der Finsternis–Fassung ist offensichtlich eine Fälschung. Weigoni heftet sich auf die Spuren des Cineasten und entdeckt in den glatten Oberflächen eines Kapitalismus der Bilder eine paradoxe vitale Aufladung und Leblosigkeit zugleich: Ungläubigkeit, wiederholte Prüfung der Fakten, Lähmung, Verzweiflung, Befriedung des inneren Aufruhrs durch Rituale.

Selten so entspammt

Den kulturellen Allesfresser mit seiner Souveränität eines grenzüberschreitenden Geschmacks stellt dieser Romancier ins Zentrum seiner Novellen und zeigt, warum die Vorliebe für Hochkultur ihre distinktive Überlegenheit verloren hat. In dieser Novelle zeigt sich die erstaunliche Vielfalt an Erfahrungsformen, von der Welthaltigkeit und diskursiven Offenheit zeitgenössischer Komödien bis zu den energiegeladenen cheap thrills der Thrillerliteratur. All das bettet Weigoni in eine Rekonstruktion der Denkentwicklung ein, weitestgehend befreit vom Jargon von Welles und doch von der unleugbaren Bedeutung dieses Filmemachers tief überzeugt. Weigoni schöpft aus einem neobarocken Sprachüberfluss, er ist ein echter Übertreibungskünstler, und das macht diese Novelle manchmal ausgesprochen komisch. Dieser Romancier erweist sich hier als Meister der vergnügten Bosheit und des doppelten Bodens. Verwirrend wird die Lage in dieser Novelle, als eine weitere Arbeitsfassung von Herz der Finsternis auftaucht, die wahrscheinlich echt ist und 60 Jahre vorher nicht eingestampft wurde. Der Filmmogul Dave Salzinger will unbedingt die Fälschung auf den Markt bringen. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt … Weigonis Leidenschaft für die Literatur schafft etwas, von dem weit mehr bleibt als nur die Summe der einzelnen Teile. Diese Novelle über die menschliche Lethargie bietet ein Antidot, es ist ein Fehler, sie nicht zu lesen.

Motivsplitter aus der Literaturgeschichte

Diese Novellen sind ein Schlag gegen das Textkino. Die Qualität dieser Geschichten, ihre sinnliche Kraft und ihre Verständlichkeit erweisen sich in ihrer Verschaltung. Kunstwirklichkeit hat nur Sinn, wenn sie die Wahrhaftigkeit der Welt, in der wir uns bewegen, trifft. Weigonis literarische Preziosen sind Kabinettstückchen, an denen man nicht zuletzt auch erfahren kann, was eine moderne Novelle ist: immer noch die Darstellung von unerhörten Ereignissen. Immer wieder finden sich Momente von großartiger Konsequenz, besonders dann, wenn Weigoni auf den Sieg der detektivischen Vernunft über das Durcheinander der Wirklichkeit setzt, andererseits darf diese Vernunft sich an beliebigen Wirklichkeiten abarbeiten und an ihnen auch scheitern. Seine Novellen bringen zwar Licht ins Dunkel, aber dieses Dunkel wird durch das Licht erst definiert. Ein anderes Licht hätte es mit einem anderen Dunkel zu tun. Die moralische Unübersichtlichkeit spiegelt sich in der äußeren Unübersichtlichkeit ebenso wie die äußere in der inneren. Das Ende der Welt ist auch das Ende aller Verbindlichkeiten. Die Zivilisation erfährt ihre letzte Niederlage in der Konfrontation mit der Natur. Kultur wartet auf Auslöschung. Man kann nicht sicher sagen, was die Wahrnehmung der Welt entschiedener beeinflusst: Die Sprache oder die Bilder? Sie durchdringen einander. Die Energie kommt mutmaßlich aus gleicher Quelle.

Die Überhöhung von Kunst zur Kunstreligion ist der modernen Wohlstandsgesellschaft selbstverständlich geworden. Daher ist es kein Zufall, daß »Der McGuffin« die Großstadt zum Schauplatz hat. Die topografische Orientierungslosigkeit gehört zum moralischen Orientierungsverlust und zur kognitiven Verwirrung. Weigoni nutzt die sogenannte Popkultur als Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Der Mix aus krimineller Energie und Aktionismus ist abwechslungsreich und kulminiert in der Erkenntnis: Kitsch ist gesammelte Sehnsucht. »Der McGuffin« ist eine ‚Melancholödie’, die in einer großstädtischen Kneipen- und Kunstszene spielt, das Akademieumfeld Düsseldorfs und die Szene der Ratingerstraße sind ahnbar. Historischer Bezug der Figuren ist der Rock'n'Roll. So denken und handeln sie auch: schnell, hart und laut. Dabei verfangen sie sich in ausgelegten Fallstricken. Schneider und Zonker sind Figuren in einem Spiel von Dr. h.c. Paul Pozozza. Pozozza ist Repräsentant eines Systems, an das er nur glaubt, weil es Profit bringt. Die Malerin Vera Strange ist nicht nur ein Inbegriff romantischer Künstlerexistenz, sondern ein spätes Aufleuchten der Moderne? in einem ungleichzeitigen Kontext. Weil Romantik der letzte Versuch ist, in der Kunst etwas Ganzes zu schaffen und die Moderne das Bewusstsein ihrer notwendigen Zerrissenheit einschließt, dann ist sie ein Repräsentant von beidem. Dazwischen steht die Galeristin Grazia Terribile. Sie hat ideelle Vorstellungen, die sie materiell umsetzt. Ein klarer Fall von Artnapping? – Alles stimmt, aber es ist nicht unbedingt wahr, denn es geht um Sachverhalte, die nicht aufgeklärt sind. Was hat die Malerin Vera Strange mit Datenschmuggel zu tun?

Lektüre statt Lautstärke

Digitale Pfadfinder erleichtern den Menschen im 21. Jahrhundert den Weg durch das Informationsdickicht. Doch dafür zahlen sie einen Preis, sie werden durchsichtig und berechenbar. Zentral ist für Weigoni, daß es sich bei all dem nicht um den Kampf zwischen Mensch und Maschine handelt, sondern um den Kampf des Menschen mit sich selbst. Als sensibler Chronist der Gegenwart hat es dieser Romancier nicht nötig, sich mit den postmodernen Erzähltheorien aufzuhalten, er läßt den Überbau sehr lässig am Schluss aufblitzen, die einen dann aber in einem Höllentempo auf Metaebenen hochjagen, dass einem schwindlig wird, um einen dann ein paar Seiten später wieder auf dem Rummelplatz des Lebens, auszuspucken. Diese Prosa verfügt über den unbedingten Willen zur Gegenwärtigkeit. Dabei gelingt es Weigoni, das Schwere leicht und das Leichte schwer zu machen. Apokalypse paart sich mit Heiterkeit, Phantastik mit Präzision, dialogischer Witz mit Zitat und Selbstironie.

Prekarier aller Länder – verkabelt Euch!

Eine neue Generation von Searchbots steht an, intelligente Agenten, die Verhaltensmuster in den Aktionen der Benutzer beobachten und auswerten; sie programmieren sich selbst. Je häufiger der Anwender einen lernfähigen Bot benutzt, desto besser kann der digitale Diener auf die Gewohnheiten und Wünsche seines Herrn eingehen. Dem Leser wird eine ganze Bandbreite der Möglichkeiten geboten, die naturgemäß zahlreiche Gelegenheiten zur Interaktion zwischen Mensch und Maschine bereitstellt. Der Emanzipationsgedanke für die Maschine ist umso aktueller, als eine Position um den Hirnforscher Wolf Singer erahnen lässt, wie weit in dessen Vorstellungen der Mensch vornehmlich nach mechanischen Kriterien funktioniert und demzufolge als willensunfreie Maschine konditioniert ist. Die programmierte Maschine kann in einer solchen Sicht durchaus an eines programmierten Menschen statt handeln.

Das Hirn vom Herzen entkoppelt

Forscher im Bereich der künstlichen Intelligenz setzen darauf, daß Computer von den Millionen Netzsurfern endlich erfahren, wie Menschen denken, um zu lernen, wie Menschen zu denken. Erst wenn uns die Computerprogramme das Denken abnehmen, erscheinen Zweifel angebracht. Ob real-time-writing funktionieren wird, wie Collaborative in die Gänge kommt und ob Hypertext wirklich die Rache der Literatur am TV ist, wird sich noch erweisen … WIR werden es nicht sehen, sondern mittels einer alten Kulturtechnik vollziehen: Lesen.

Literaturangaben

  • »Cyberspasz, a real virtuality«, Novellen von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2012 – Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover

Erhältlich über: info@tonstudio-an-der-ruhr.de

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