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Das Bildnis der Geliebten. Geschichten der Liebe von Petrarca bis Tizian

von
Ingeborg Walter, Roberto Zapperi

Sie sind seit langem ein Ehepaar: der italienische Literatur- und Kunsthistoriker Roberto Zapperi? und die Romanistin? Ingeborg Walter?, die folgerichtig alle Werke ihres Mannes übersetzt, darunter in den letzten Jahren „Incognito?“, das wunderbare Buch Zapperis? über „Goethes ganz andere Existenz in Rom“, das einige Legenden über dessen „Italienische Reise?“ zurechtrückt, die der Dichter selbst und seine Zeitgenossen verbreiteten - er hat einfach die Quellen? genauer gelesen.

Zapperi? hat auch eine erhellende Studie über die Künstlerbrüder Carracci verfasst und im „Wilden Mann von Teneriffa?“ die Geschichte eines vollständig behaarten Menschen erzählt, der als viel bestauntes Kuriosum im 18. Jahrhunderts Karriere machte. Ingeborg Walter? ist hierzulande mit ihrer sorgfältigen Biographie über „Lorenzo de’ Medici und seine Zeit?“ bekannt geworden.

Leidenschaft und Sexualität

Nun also ein Buch zu vier Händen: „Das Bildnis der Geliebten“, dessen erste vier Kapitel von Walter?, die folgenden fünf von ihrem Ehemann stammen. Ausgangspunkt dieser neuen Recherche? ist „die Wiederentdeckung der Liebe durch Petrarca? und die Entstehung eines Rituals, das der Liebe in der Renaissance? eine gesellschaftliche Form gab“. Wiederentdeckung? Hatte es nicht schon vorher Troubadoure? und Minnesänger? gegeben, die in Versen die (meist) unerreichbare Geliebte besangen?

Was die beiden Autoren gereizt hat, war der Versuch Petrarcas? und seiner Nachfolger, „die beiden streng getrennten Sphären von Leidenschaft und Sexualität wieder zueinanderzubringen“. Sie innerhalb der Ehe auszuleben, war der Renaissance? völlig fremd, sie außerhalb der verordneten kirchlichen Gebote überhaupt zu thematisieren, das leisteten Petrarca? und seine Adepten in den folgenden beiden Jahrhunderten - ehe die Gegenreformation ihrem munteren Treiben ein Ende bereitete und lange bevor das literarische Thema? der „romantischen Liebe“, vor allem deutscher und französischer Provenienz, sich neu entfaltete.

Der „Canzoniere?Petrarcas? (1304-1374) war immens erfolgreich gewesen. Diese emphatischen Verse, im „Volgare“, der Volkssprache, statt im kanonischen Latein geschrieben, priesen die Geliebte Laura und beklagten ihren frühen Tod. Die Gelehrten haben diese Laura lange für eine historische Figur gehalten, Zapperi? und Walter? bezweifeln jedoch die Existenz dieser so überschwänglich geliebten jungen Frau.

Meister Simon

Zwar hatte Petrarca, der nach fidelen Jugendjahren Kleriker wurde, zwei nichteheliche Kinder, aber in den Laura gewidmeten Gedichten war von körperlicher Liebe nur höchst verdeckt (und verdrängt) die Rede: Es ging um die verzehrende Leidenschaft zu einer vorgestellten Person und um den Abschied von den damit verbundenen Versuchungen in einer poetischen Form, die die italienische Lyrik weithin geprägt hat, auch wenn sie von ganz anderem sprach.

Noch etwas ist den Autoren wichtig: die Verbindung von Poesie und Bild. Je länger Petrarcas Verse in vielen Abschriften unter den Adligen und Gebildeten des 14. bis 16. Jahrhunderts kursierten, desto größer wurde das Bedürfnis, sich von Laura ein Bild zu machen. Petrarca? selbst behauptete, dass „Meister Simon“, also sein sienesischer Freund Simone Martini (der ebenfalls zeitweise in Avignon am päpstlichen Hof gearbeitet hat), sie gemalt habe, aber das gehört ebenso ins Reich der Fabel, wie die Authenzität der späteren Porträts. Nicht nur Laura selbst, sondern auch ihr Bild sind Teil einer poetischen Projektion. Wie sollte man auch eine imaginäre Person malen können?

Laura-Bilder tauchten vor allem in Avignon auf, wo Petrarca lange am päpstlichen Hof gelebt hat. Es ging dieser erfundenen Figur wie später jener der Dulcinea, in die Cervantes? Held DonQuijote? verliebt war und deren angebliches Haus in Toboso man heute Touristen zeigt.

Die Rache des Familienclans

Petrarca? machte Schule und einige der spektakulärsten Fälle der Nachahmung seiner glühenden Gedichte? haben die Autoren? in ihrem Buch beschrieben, wobei der religiöse Grundton des Originals, der eben in der Darlegung des unauflöslichen Widerspruchs zwischen Leidenschaft und Keuschheit bestanden hatte, bald sehr viel handfesteren Vorstellungen wich. Noch Lorenzo de’ Medici feierte seine „Geliebte“ Lucrezia Donati bloß in wohlgesetzten Reimen? und richtete Turniere zu ihren Ehren aus, aber das waren poetische und „ritterliche Rituale“; eine auch nur zarte Annäherung an die Frau (wie auch an deren Vorgängerin Marietta) hätte zu ernstesten Verwicklungen im Geflecht der eher von Erbschaften als von Liebesglück bestimmten florentinischen Gesellschaft geführt.

Doch geredet wurde darüber im mediceischen Florenz der Humanisten? und Müßiggänger ununterbrochen. Der Maler Verrocchio hat nicht nur eine Turnierfahne mit dem Bild der Geliebten entworfen, sondern auch ihr Porträt gemalt – es ging verloren. Lucrezia nämlich hat es wirklich gegeben. So wie jene Ginevra Benci, die der Humanist Bernardo Bembo verehrte und deren Bild Leonardo da Vinci malte (heute in Washington). Auch dies war im neuplatonischen Umfeld der Früherenaissance noch eine „platonische“ Liebe, deren öffentliche Konnotationen (vor allem was das Bild betrifft) Ingeborg Walter? sehr ausführlich beschreibt. Bei Ludovico Sforza - wegen seines dunklen Teints „il Moro“ genannt und zeitweise Herzog von Mailand - und seiner Angebeteten Cecilia Gallerani ging es dann schon zur Sache, sie wurde des Herzogs Geliebte, ohne dass Ludovico mit dem hohen Ton nach Petrarcas Muster, dem Lobpreis der Leidenschaft, gebrochen hätte. Freilich ließ er die meisten der Gedichte von Hofpoeten? schreiben. Auch Cecilia hat Leonardo gemalt, als „Dame mit dem Hermelin“ (heute in Krakau).

Höchst kompliziert wurde es dann bei Pietro Bembo?, Bernardos Sohn und dem bedeutendsten Poeten in Petrarca | Petrarcas Manier. Er wurde in Venedig von einer schönen Witwe bestürmt, in deren Haus er verkehrte und der er sich mit tausend Zweifeln ergab, weil er die Rache ihres Familienclans fürchtete, der ihr Mitglied tugendhaft wissen wollten. Daran ist das „Verhältnis“ nach etwas über einem Jahr mit heimlichen Treffen zerbrochen.

Aufgehübschtes Bauerngesicht

Auch Pietro? hat in seinen Vers-Sammlungen Petrarcas? Stil kopiert, die Tatsache aber nur am Rande erwähnt, dass nicht er, sondern die Geliebte so leidenschaftlich gewesen war, alle Konventionen zu verletzen und allen Gefahren zu trotzen. In diesem Kapitel (von Zapperi?) ist auch die einzige wissenschaftliche Neuigkeit des Buchs versteckt: Der Autor hat den Klarnamen von Pietro Bembos? Geliebter herausgefunden - sie hieß Maria Savorgnan.

Je weiter die Zeiten fortschritten, desto epigonaler? wurden in der Regel die nicht mehr von den hochrangigen Beteiligten, sondern ihren dichtenden Hintersassen verfassten Verse. Die Verhältnisse hatten sich geändert.

Ippolito de’ Medici und Alessandro Farnese, von deren weithin öffentlichen, skandalösem Leben alle Welt wusste, waren beide Kardinäle. Sie hielten sich Kurtisanen und daneben zum Anhimmeln in Versen brauchbare Geliebte, mit denen man schlief oder auch nicht. Meist waren es sehr schöne, in jungen Jahren Witwen gewordene Damen aus den feinsten Familien, einige gingen am Ende ins Kloster. Das rituelle Spiel verflachte, die Leidenschaft war zur bloßen façon de parler geworden, gut für eine literarische Serienproduktion und das eine oder andere Bild. So hat Tizian zwar Alessandro Farnese selbst, nicht aber seine spröde Angebetete Livia Colonna gemalt, von ihr gibt es nur eine wenig schmeichelhafte Miniatur. Der Meister, der vom mächtigen Kardinal Förderung erwartete, musste aber eine von Alessandros Kurtisanen aus dem „niederen“ Volk abkonterfeien und sie sogar, wie Rötngenaufnahmen zeigen, aufhübschen, das bäuerliche Gesicht adeln. Das Bild hängt heute in Neapel.

Rom und Venedig

Die politischen Ambitionen und sexuellen Ausschweifungen der Renaissance-Päpste? und ihrer Nepoten, zu deren humanistischer? Bildung es gehörte, Poeten und Künstler um sich zu versammeln und sie für sich arbeiten zu lassen und dabei auch die Muster Petrarcas? fortzuspinnen, gingen mit der Gegenreformation zu Ende, die Zeiten wurden ernster. Der letzte der Dichter in dieser Tradition, Giovanni della Casa?, Erzbischof von Benevent und dies schon lange, bevor er sich zum Priester weihen ließ (er betrat auch danach sein Bistum nie, lebte nur von dessen Pfründen als Gelehrter in Rom und Venedig), hat schließlich nur noch unwillig Leidenschaftssonette? auf die Geliebte des Farnese gedichtet und schließlich all der sündigen Lust und der an sie verschwendeten Verse formvollendet abgeschworen.

Zapperi? merkt man ein gewisses Bedauern nicht nur über das Ende einer literarisch wie gesellschaftlich ergiebigen Liebestradition an, sondern auch über das einer ziemlich unbedenklichen, aber kultivierten und „freien“ Oberschicht. Er ist überhaupt sehr viel unkonventioneller (und schreibt auch besser) als seine Ehe- und Buchpartnerin. Man lernt eine ganze Menge aus diesem von literarischer Neugier und ihrer wissenschaftlichen Fundierung geprägten Buch, dessen Erkundungen allemal reizvoll sind.

Literaturangaben

  • Walter, Ingeborg / Zapperi, Roberto: Das Bildnis der Geliebten. Geschichten der Liebe von Petrarca bis Tizian. C. H. Beck Verlag, München 2007. 160 S., 19,90 €, ISBN: 978-3406555022


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