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Das Zimmer der Signora

von
Hansjörg Schertenleib

Der Schweizer Schriftsteller Hansjörg Schertenleib? (*1957) legte mit „Das Zimmer der Signora seinen“ zweiten Roman vor, für den er mit dem "Kranichsteiner Literaturpreis? 1995" ausgezeichnet wurde. Der Roman gliedert sich in drei Hauptteile: Stefano Mantovani, die Hauptfigur, erhält durch den Bruder Pino die Nachricht vom Selbstmord des Vaters. Mantovani reist daraufhin aus der Schweiz, wo er seit der Kindheit und nach der Trennung der Eltern – die Mutter Schweizerin, der Vater Italiener – gelebt hatte, nach Norditalien, um mit dem Bruder die letzten Angelegenheiten für den toten Vater und dessen Nachlass zu regeln. In Italien trifft er seine Jugendliebe Carla wieder. Und er wird von der italienischen Polizei verhaftet, damit er den Wehrdienst beim Militär ableistet, dem er sich durch seinen Schweizer Wohnort entzogen hatte.

Nach der Grundausbildung beim Militär wird Mantovani zum Dienst in ein Pflegeheim für alte Kriegsveteranen versetzt. Im weiteren Verlauf liest er zufällig in einer Zeitschrift eine Annonce, in der von einer anonymen Gräfin, der "Signora", ein Vorleser? für "gewisse" Texte in einem geheimnisvollen Zirkel gesucht wird. Der abschließende dritte Teil "Die Insel" schildert die Jagd nach der erotischen Fotografie eines berühmten Fotografen, die Mantovani im Auftrag der mysteriösen Gräfin in London beschaffen soll.

Hansjörg Schertenleib? schildert in „Das Zimmer der Signora“ die Verfallenheit der Welt in scheinbar unauflösbare Machtstrukturen, in die fast alle Figuren des Romans hoffnungslos verstrickt sind. An allen Schauplätzen? wird gnadenlose Macht über andere Menschen demonstriert und ausgeübt. Die altersschwachen Veteranen im Pflegeheim brüsten sich nach wie vor mit ihren früheren Machtansprüchen in Form von Militarismus, Faschismus oder Pseudointellektualismus. So brüllt der fanatische Duce-Verehrer und Denunziant Zuzzi: "Ich beobachte alle!" Der alte Benzini möchte ständig durch seine männliche Potenz seine Macht über Frauen unter Beweis stellen. Und Bibliothekar Bolger fühlt sich mittels seines Wörterbuchwissens? den anderen Heiminsassen geistig überlegen, ohne aber tatsächlich etwas zu "wissen". Gleichzeitig stellen die jungen Rekruten ihre Macht gegenüber den Veteranen in oft gewalttätiger und brutaler Weise auf die Probe und nutzen die Abhängigkeit der kränklichen und schwächlichen Alten schamlos aus.

Protagonist Mantovani bleibt dabei ein zwiespältiger Charakter: Einerseits ist er der Mitläufer, der sich von Gewalt, maßlosem Alkohol- und Drogenkonsum, den Besäufnissen und Autorasereien der Rekruten mitreißen lässt. Andererseits hält er sich oft im Hintergrund und schreitet ein, wenn es manche Soldaten zu weit treiben. Ähnliches passiert auch, als Mantovani in London versehentlich in eine auf der Straße dahintreibende Masse britischer Fußball-Hooligans gerät. Inmitten der fanatisierten und grölenden Fußballfans wider Willen gefangen zu sein und mitgerissen zu werden, versetzt Mantovani zunächst in panische Angst. Und doch: Der Schrecken weicht, die latente Gewaltbereitschaft der Fans eskaliert, und Mantovani, der an sich Fremde, wird erneut zum Mitläufer, wird im Strudel der Gewalt aufgenommen.

Besonders auffällig zeigen sich in Hansjörg Schertenleibs Roman die Zusammenhänge von Macht und Gewalt durch die Schilderung der Beziehung zwischen Carla und Mantovani, welcher ihr hörig ist. Immer wieder leitet Schertenleib seinen Ich-Erzähler übergangslos und unvermittelt in [Rückblenden hinein, die die Jugenderlebnisse einer verirrten, pubertären Abhängigkeit zur damals frühreifen Carla thematisieren. Stets wird in solchen Rückblenden die Macht demonstriert, die ein Mensch schon im Stadium der Kindheit und Jugend über einen anderen ausübt.

Carla, bereits in der Mädchengestalt als dominante Femme Fatale vorweggenommen, beherrscht Stefano – dieser wiederum beherrscht Renzo, Carlas Bruder. In gleicher Weise bleibt Mantovani der erwachsenen Carla stets untertan und bis kurz vor Romanende verbunden. Der Voyeurismus, dem Mantovani als Vorleser? der Gräfin ausgesetzt ist, stellt eine weitere Machtvariante dar: In jenem Zimmer der Signora bleibt er, angestrahlt durch starkes Licht, als Vorleser erotischer Texte den anonymen Zuhörern ausgeliefert, welche unerkannt und gesichtslos in der Dunkelheit vor ihm sitzen. Er flüchtet letztlich, er hält den Zustand des Bloßgestelltseins nicht mehr aus.

Mantovani kann sich seines Untertanengeistes zunächst nicht gänzlich entledigen. Einer der Gründe dafür ist sicherlich, dass er wahre Liebe, nach der er sich unterschwellig immer sehnt, nicht findet, auch nicht in seinem Liebesidol Carla, denn die Beziehung beider kommt über das schon erwähnte Machtverhältnis der sexuellen Obsessionen Carlas nicht hinaus. Es entsteht nie eine wirkliche Liebesbeziehung. Erst ganz zum Schluss scheint sich für Mantovani (und für seinen Freund, den Veteranen Bolger) ein Schimmer der Hoffnung auf ein menschliches Dasein zu zeigen.

Das schmutzige Veteranenheim, das elegante Zimmer der Signora, die Texte, die Mantovani als Vorleser? zum Besten gibt, das familiäre, problembeladene Verhältnis Mantovanis zum Vater und dessen Freitod, die Beziehung zur Mutter und zum Bruder, die Verirrungen Carlas, das Verhalten der Veteranen, der Taumel der Soldaten im Rausch von Alkohol und Drogen, die Oberflächlichkeit im Umgang miteinander, Anonymität, Entfremdung, Dekadenz, psychische Komplexe, Rachegelüste und grundlose Gewalt – all diese Motive bestätigen metaphorisch das apokalyptische Chaos und die Endzeitstimmung der Romanwelt Hansjörg Schertenleibs. Insbesondere das Leitmotiv? der triebhaft fixierten Sexualität bestätigt in erster Linie deren allgegenwärtige Macht. Einzig das ferne Irland, wo Bolgers Tochter Rebecca lebt, scheint paradiesische? Züge aufzuweisen und nimmt somit die Rolle eines Arkadien? ein.

Formal muss man Hansjörg Schertenleib?, der rund fünf Jahre an seinem Buch gearbeitet hat, zugestehen, dass sich seine Prosa durch eine große Dichte? und Feinheit auszeichnet, die beispielsweise die spröde Atmosphäre im Veteranenheim eindringlich festhält und für den Leser erfahrbar macht. Eindringlich sind die Beschreibungen? der Orte und Figuren. Auch die gelegentliche Tragikomik? mancher Abschnitte sollte nicht unerwähnt bleiben.

Der Übergang in Mantovanis Erinnerungen geht meist abrupt vonstatten, was oftmals starke Kontraste bewirkt. Auch der Wechsel von poetischen Schilderungen? – die von unscheinbarsten und alltäglichsten Details den Bogen spannen bis hin zu einer Bewertung der Welt als solcher – zu derben Erotikszenen, bei denen zudem vor allem verbal häufig zahlreiche Anleihen aus dem Bereich der Vulgärsprache? gemacht werden, schockiert bisweilen. Sicherlich war Hansjörg Schertenleib? hier an der starken Kontrastierung gelegen, der Gegenüberstellung verschiedener Welten. Dennoch: Das Buch hätte zumindest durch eine Reduzierung dieser Passagen? oder einer sprachlich anders gewählten Beschreibung? meiner Ansicht nach eher gewonnen.

Obwohl der Autor mit diesem Stilmittel? und diesen Szenen wohl die rein mechanischen, völlig auf die Triebebene fixierten und allen wirklichen Liebesgefühlen und Zärtlichkeiten entbehrenden Beziehungen zwischen den beteiligten Figuren – ja vielmehr deren Beziehungslosigkeit – offenlegen will, so wirkt manche Beschreibung? effektheischend und führt darüber hinaus zu einer stilistischen Uneinheitlichkeit der Erzählweise.

Hansjörg Schertenleib lässt seine Romanfigur Mantovani im Verlauf der Handlung nicht in Chaos und Verzweiflung untergehen, sondern eröffnet ihm und Bolger eine Perspektive der Hoffnung. Damit erhält das Buch eine positive und ermutigende Note. Schertenleib ist einerseits durch die beeindruckend dichte poetische Sprache und Erzählweise ein überaus lesenswertes Buch gelungen, das mir insgesamt gefallen hat, andererseits ist der Roman aber auch ein wenig zwiespältig, denn die vorgenannten Aspekte werden mit einer kontrastierenden, heftigen und manchmal fragwürdigen Deftigkeit ergänzt, die den Leser ebenso sehr zu provozieren wie zu schockieren weiß.

Autor: Markus Schurr

Literaturangaben

  • Schertenleib, Hansjörg: Das Zimmer der Signora. Roman. Aufbau-Taschenbucherlag. 2004. 472 S., 9,95 €, ISBN: 978-3746621067


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