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Der deutsche Lyrikkalender 2010

von
Shafiq Naz (Hg.)

Lyrikkalender, das erinnert an die Abreißkalender?, die in den 1960er-Jahren verteilt wurden. Jeder Tag wurde zur geistigen Erbauung mit einem Sinnspruch belegt. Die entsprechende Vorerwartung enttäuscht der Lyrik-Tischkalender 2010 von Shafiq Naz? jedoch angenehm.

"Lieben Sie Gedichte?" spricht der Verlag auf der stabilen Rückseite des hervorragend aufgemachten Kalenders den Leser an und antwortet umgehend, da der Verleger die Antwort anscheinend zu kennen scheint: "Wir auch!" – stillschweigend voraussetzend. Denn welcher Mensch liebt nicht die Sprache der Lyrik, die ihn doch lebenslang in allen lustigen und allen unheilvollen Lebenslagen begleitet, die ihn ständig umgarnt und umgibt: die Sprache der Lieder und Songs?, die Alltagssprache der Stuben und Straßen, die Sprache der Küchengeräte und Autos, die Sprache der Sterne und Wolken, die eigene, die fremde Sprache des Scherzes, des Schmerzes (nicht zu vergessen die vielen Fachsprachen) – alle voll von Alliterationen? und Metaphern, angereichert mit gekreuzten und gepaarten Reimen?, lautmalenden, knirschenden Wörtern.
Die hier gebotene Vielfalt lässt sich kaum würdigen. Wenn man jemanden hervorhebt, benachteiligt man den einen oder die andere. Daher ein subjektiver Hinweis auf mögliche Lieblingsgedichte: Der Lyriker Axel Kutsch verknüpft Assoziationen zu einem Bewusstseinsvorgang, der zwischen den Zeiten vermittelt, das Vergangene hervorholt, Träume realisiert und so Gedanken ins Sprachbild bringt. Es ist diese offene Form des Schreibens, die ihn immer am meisten interessiert hat. Eine offene Form, die sich selbst bildet. Kutsch entwirft das Bild einer chaotischen Welt, aus der einen keine Geschichtsphilosophie, Meta-Erzählung oder Religion retten kann, und feiert in seinen Gedichten gerade deshalb die Freiheit des Einzelnen:

Manchmal traten wir auf die Bremse der Erinnerung Aus der Distanz sahen wir rosafarbene Bilder, überbelichtet und ein wenig verwackelt Die Bärte der Revolution waren inzwischen grau geworden, die Gesichter erschöpft wie die Landschaft. Durch das Vergrößerungsglas der Metaphern blickten wird zu den Sternen den funkelnden Augen der Metaphysik (zu finden am 15. Dezember)

Souverän knüpft Theo Breuer an die literarischen Avantgarden? des 20. Jahrhunderts, stellvertretend sei "verinnerung an oskar p." genannt. Was im Lehrbuch steht, ist nur ein Ausschnitt aus der Literaturgeschichte. Lyrische Figuren haben ihr eigenes Leben, auch ihre eigene Vorgeschichte. Sie schwingt mit in den Zeilen, grundiert die Handlungen. Theo Breuer komplettiert seine Vorstellung von der lyrischen Moderne. Er entwirft, basierend auf der Literaturgeschichte, eine Art von Lyrik, die über diese literarischen Vorlagen hinausreicht. Die große Gabe von Theo Breuer ist es, das, was man liest, wie soeben geschehen aussehen zu lassen. Immer wieder gibt es diese Momente in seiner Lyrik, Szenen, die sich im Gedächtnis festsetzen, die nicht verlierbar sind – eine Art Triumph der Literatur.

wortlos

zwei wörter irren unbegrenzterweile (lassen zwanglos unflektiert sich treiben wollen nichts als sich am andren wort bloß reiben) zwecklos durch die krüppelige zeile

ursprünglich ist es – unverfälschtes schnuppern berühren blicken ballen schweifen das eine kriegt (natürlich) einen steifen fängt dicht zu drängen an zu ... tuppern

das andere fällt rasch auf seinen rücken nur so (ahnen sie) kann die begattung glücken – die da wortwörtlich beieinander liegen

(zwei kryptomere einsilbige verben) träumen wie sie ungereimt durch verse fliegen da greift der dichter ein [sie sterben]

A.J. Weigoni gehört zu den meistunterschätzten Lyrikern, sein Schaffen erzeugt eine Poesie, die von der Rezeption das Äußerste an Selbstpreisgabe verlangt. Oft wird im Literaturbetrieb übersehen, dass gerade aus solcher Herausforderung die Subjektivität des– oder derjenigen, der oder die sich auf diese Kunstwerke eingelassen hat, sich auf Dauer verändert – die Wahrnehmungsfähigkeit, die Weltsicht, das Zulassen von Gefühlen.

As dime goes buy

Rick's café americain ist zu weit weg um dort Stammgast zu sein nur manchmal in den Træumen koennen wir dort sein um beim endlos kreiselnden Ventilator einige Klavierklænge zu hoeren die Sam immer noch spielt

Man sollte mit Superlativen vorsichtig sein, aber in Bezug auf die Lyrik ist es so: Wir leben geistig in ganz guten Zeiten, so aufregend war deutsche Lyrik seit dem Barock? nicht mehr.

Literaturangaben

  • Naz, Shafiq (Hg.): Der deutsche Lyrikkalender 2010. 365 klassische und zeitgenössische Gedichte (Spiralbindung). Alhambra Publishing, Bertem (Belgien), 2009, 448 Seiten, 26,95 €, ISBN: 978-2874480256


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