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Der Lyrik-TÜV

von
Steffen Jacobs

Betritt man heute Buchhandlungen, scheint Günter Eich? bestätigt zu werden. Dieser Lyriker? brachte 1966 Reichweite und Verbreitung seiner Gedichte so auf den Punkt: „In Saloniki / weiß ich einen, der mich liest, / und in Bad Nauheim, / das sind schon zwei.“ Mehr Leser scheint Lyrik heute kaum zu haben, trotz zahlloser Poesiefestivals. Dabei wurden in kaum einem anderen Jahrhundert so viele Gedichte verfasst wie im vergangenen. Was ist davon aber lesenswert, was ist geblieben? Und: Was ist noch lebendig geblieben? Zeit für einen Check also.

Steffen Jacobs, 1968 in Düsseldorf geboren, seit Ende der 1980er Jahre in Berlin ansässig, Lyriker?, Übersetzer und Publizist?, hatte eine schöne Idee: aus jedem Jahrzehnt einen Gedichtband zu erwählen und diesen auf Herz und Nieren, vulgo auf Inhalt, Technik und Handwerk, zu überprüfen. Allerdings ist die Validität des lyrischen Versinspektors von vornherein nicht recht objektiv, denn Jacobs vertritt als Lyriker? eine konservative Position. Ein Gedicht, so ein Diktum Gottfried Benns? und ein Glaubenssatz Jacobs’, muss „nachprüfbaren, diskussionsfähigen, geschichtsfähigen Ausdruck (haben), der sich in präzise gehandhabter sprachlicher Form widerspiegelt.“ Konkret: Ein Gedicht muss gereimt? sein und es muss traditionelle metrische Vorgaben so kunstfertig wie korrekt erfüllen. Avantgarde, Sprachzertrümmerung, Subjektivität, wild wuchernde Metaphern lehnt Jacobs rigoros ab.

Solche „armseligen kleinen Sprachmarotten“, so Jacobs süffisant, seien nichts anderes denn sinnfreier Auswuchs von Rechtschreibschwäche.

Zwischen Trauma und Narzissmus

Bei einer Porträtreihe, die von Wilhelm Busch, Stefan George?, Rilke und Josef Weinheber? über Benn?, Rühmkorf, Enzensberger bis zu Harald Hartung?, Robert Gernhardt und Georg-Büchner-Preisträger Durs Grünbein? reicht, heißt das im Umkehrschluss, es kommen hier nicht vor: Erich Kästner, Bertolt Brecht, Paul Celan, Nelly Sachs?, Ingeborg Bachmann, Ernst Jandl?, Günter Eich?. Nicht Michael Krüger?, Christa Reinig? oder Günter Kunert, weder Sarah Kirsch noch Elke Erb?, kein Christoph Meckel?, genauso wenig Oskar Pastior?.

Vor allem ein toter Winkel in Jacobs’ essayistischem Rundgang fällt auf. Bei Jacobs wurden Gedichte nach 1945 wohl nur in Westdeutschland geschrieben. Die DDR, will dieser Cicerone glauben machen: eine einzige Leerstelle. Peter Huchel?, Johannes Bobrowski?, Volker Braun, Wolf Biermann?, Adolf Endler?, Wulf Kirsten? – alle, wirklich alle kunstlose Arbeiter im ausgedorrten Wortweinberg des bürokratischen Sozialismus? Oder kennt Jacobs, ein in Berlin (West) diplomierter Germanist?, diese so wenig wie die „Sächsische Dichterschule“?

Dabei wäre es interessant gewesen, was er zum formbewussten Leipziger Georg Maurer? geschrieben, was er über die raffinierten Gedichte Karl Mickels? gemeint oder wie er sich über die traditionsbewussten Poeme eines Rainer Kirsch? gebeugt hätte. Herrschte im Osten zu wenig Narzissmus für sein interpretatorisches Parlando? Denn in seinen Betrachtungen bedient er sich eines analytischen Instrumentariums, das schon deutlich nicht nur Flugrost angesetzt hat. Fundamentaler Ausgangspunkt ist stets eine psychoanalytisch befeuerte Schilderung von Traumatisierungen und lebenslang prägender narzisstischer Störungen eines Poeten. So tritt Rilke bei ihm auf als mobilitätsbesessener Daueronanist, bei dem es alles andere denn ein freudianisch abgeschmeckter Zufall sei, dass dieser, die ersten sechs Lebensjahre von seiner Mutter in Mädchenkleider gewandet, die letzten Lebensjahre in einem Turm (!) zubrachte.

Im dichten Nebel der Selbstfixierung

Was nicht heißt, dass es hier nicht lieblich Formuliertes und Spott der Sonderklasse gibt. Jacobs flicht zahlreiche schwarzgallige Charakterbeschreibungen ein und auch prächtige Sottisen. So erscheint Gottfried? Benn als „dichtender Hobbit mit Hang zu militärischem Reglement“. Rilkes lyrisches Ich müssen wir uns, so Jacobs über dessen Frühwerk, „wohl als rasend reimenden Lokalreporter vorstellen“. Über Stefan George?: „An Mogelpackungen herrscht bei George kein Mangel, er ist in dieser Hinsicht geradezu ein lyrischer Verpackungskünstler. Auf meiner verzweifelten Suche nach Wahrheit habe ich mich denn auch immer wieder in den Kniffen und Wallungen der von allerlei Winden aufgebauschten danteschen Leihgewänder des Un-Sankt George verirrt.“ Ruhmvoll schneidet Peter Rühmkorf? ab. Jacobs: „Rühmkorf hatte von Anfang an, was jeder bedeutende Dichter haben muss: Höhenwahn und Erdhaftung.“ Dagegen begeht Jacobs an Robert Gernhardt literarischen Vatermord. Über dessen Band „Körper in Cafés“ urteilt er schneidend: „‚Körper in Cafés’ zeigt, was dann entsteht, wenn ein Komiker die Komik einfach weglässt, ohne etwas Neues zu finden: eine weitgehend leerlaufende Versmaschine, die hier zu allem Überfluss auch noch mit gedrosselter Reimkraft fährt.“ Und noch ungnädiger fährt der Kontrolleur fort, wenn er den Unterboden der Gefährte, pardon: Gedichte untersucht: „Nur jeder zweite Vers reimt sich, natürlich wieder im probaten Rhythmus der Volksliedzeile.“ Zum Schluss bockt er Durs Grünbeins? „Fallen und Falten“ auf. Fazit: Willkommen im Anfängerkursus ‚Römische Geschichte I’: „Angestrengt musste unser Dichter durch den dichten Nebel seiner Selbstfixierung blicken, um überhaupt etwas wahrzunehmen.“

Zurück in die hermeneutische Werkstatt?

In der bibliophilen? „Anderen Bibliothek“ erschienen einst zwei andere Bände über Lyrik. Der eine, „Das Wasserzeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen. In hundertvierundsechzig Spielarten vorgestellt“ (1985), edierte Hans Magnus Enzensberger unter Pseudonym, „Die Entdeckung der Poesie“ ließ er vom Tiroler Lyriker? und Multilinguisten? Raoul Schrott zwölf Jahre später aus mehr als zwei Dutzend Sprachen übersetzen. Hätte der poeta doctus Enzensberger, wäre er noch Herausgeber? dieser von ihm begründeten Reihe, einen Band wie den „Lyrik-TÜV“ passieren lassen? Oder hätte er ihn nicht vielleicht mit einer langen Mängelliste zurück in die hermeneutische? Werkstatt geschickt?

Literaturangaben

  • Jacobs, Steffen: Der Lyrik-TÜV. Ein Jahrhundert deutscher Dichtung wird geprüft. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2007. 356 S., ISBN: 978-3821845654


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