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Deutsche in Amerika

von
Gunter Klötzer (Hg.)

Man könnte meinen, sie alle hätten es geschafft – auf den ersten, flüchtigen Blick jedenfalls. So wie das Ehepaar Eggert, das da fröhlich vorm türkis glitzernden Swimmingpool steht. Sie trägt eine weiße Hose, ein leichtes schulterfreies Top, er Schwimmflossen an den Füßen, mit Taucherbrille und Schnorchel startklar zum Sprung in das erfrischende Nass. Nein, halt – da sollte er besser noch das karierte Hemd und die beigefarbenen Shorts ausziehen. Kommt der Maschinenbauingenieur überhaupt dazu, im Wasser gemächlich seine Bahnen zu ziehen? Beine und Arme sehen eher blass aus, nicht sonnengebräunt.

Oder Monica Heigh, die eine Art ruhigen Stolzes auszustrahlen scheint, während sie durch ihren Garten schreitet, von saftigem Grün umgeben. Über ihrem Kopf baumeln leuchtende Clementinen. Hier erntet die Besitzerin eines Reisebüros ihre eigenen Tomaten, Feigen, Zitronen und Paprikaschoten. Sie genießt es, den Beruf mehrmals gewechselt zu haben. In Deutschland, meint sie, hätte sie ihren Weg nicht gehen können. Dort, so mutmaßt die gebürtige Berlinerin, wäre sie „wahrscheinlich ewig Lehrerin geblieben“. Wegen eines Mannes ist sie damals in die USA gekommen. Von dem ist sie heute jedoch geschieden.

Ganz anders die Umgebung von Günter Schwarz, einem Klempner, der ursprünglich aus Stuttgart kommt. Auf dem Regalbrett über seinem Kopf reihen sich altmodische Handmühlen aneinander, mehr als zwanzig Stück – eine kuriose Sammlung, wenn man bedenkt, dass sie sich nicht in einem baden-württembergischen Wohnzimmer, sondern in Manhattan befindet. Daneben ein Setzkasten, eine hölzerne Pendeluhr und eine Spruchtafel: „Der Mensch braucht ein Plätzchen, und sei es noch so klein / Wovon er kann sagen / Sieh hier, das ist mein! / Hier leb’ ich, hier lieb’ ich, hier ruhe ich aus / Hier ist meine Heimat, hier bin ich zu Haus.“ In altdeutscher Schrift, versteht sich. Diese Holztafel hier an der Wand, mittig platziert – ironisches? Zitat oder ernstgemeinte Rückversicherung? Schade, nicht jeder der Porträtierten ist mit seinen Antworten auf die vom Fotografen gestellten Fragen im zweiten Teil des Buches vertreten. 63 Fotografien und 40 Interviews? gibt es. Die Texte sind in deutscher und englischer Sprache abgedruckt.

„Einfach nur mal anschnuppern“

Die Deutschen, die Klötzer 2003 besucht hat, haben ihre geographische Heimat hinter sich gelassen – aus den unterschiedlichsten Motiven. Mal war die Karriere entscheidend, mal die Liebe, mal die pure Lust am Abenteuer. Die Konsequenzen? Alexander Osang, der als Journalist? mehrere Jahre für den „Spiegel“ aus New York berichtete, stellt irgendwann fest, dass seine Tochter „so gut deutsch wie Elvis Presley“ spricht. Deutschland hatte sich für sie in ein „irgendwie grünes, stilles Land“ verwandelt, „wo die Großeltern lebten, alle immer ein bisschen schlechte Laune hatten und gut aßen“. Amüsant schildert er Begegnungen, Wünsche, den Prozess der Gewöhnung und den Entschluss zur Rückkehr nach Deutschland. 2006 zog Osang nach Berlin – zurück „nach Hause“?

Was Heimat ist, das definieren die Befragten naturgemäß sehr unterschiedlich. Gewiss gibt es sie, die Schnittmenge der gemeinsamen Vorlieben, Abneigungen, Einschätzungen des amerikanischen Einflusses auf Deutschland, Ansichten und Meinungen zum American Dream, zum 11. September und zur Politik der Bush-Regierung. Bemüht man sich, diese Schnittmenge zu ermitteln, verschwimmen schnell die Grenzen zwischen Klischee und Realität. Spannender wirken die Interviews, wenn man sie für sich betrachtet, den Spuren individueller Biographien folgt. Sie wollten New York City „einfach nur mal anschnuppern“, erzählt etwa Davide Perré über sich und seinen Zwillingsbruder, mit dem er in Düsseldorf aufgewachsen ist, aber der Kontakt zu anderen Graffiti-Künstlern und längere Aufenthalte im Big Apple hätten ihnen klar gemacht, dass dies „der richtige Ort“ für sie sei. „Sehr angestresst“ sei er allerdings „von der ganzen Ellbogengesellschaft und dem extremen Kapitalismus, der einigen Menschen hier das Hirn auffrisst.“

Genauso gut kann man die Interviews als Dokumente der Bewusstwerdung lesen: Die Tatsache, dass man von anderen zunächst als Deutscher wahrgenommen wird, verändert die Selbstwahrnehmung. „Als ich 1996 zum Studium nach England gezogen bin, habe ich festgestellt, was an meiner Denkweise deutsch ist. Als ich nach Amerika gezogen bin, habe ich festgestellt, was an meiner Denkweise europäisch ist. Wenn ich zu Besuch in Deutschland bin, merke ich, was an meiner Denkweise undeutsch ist“, sagt die Kunst-Studentin Nora Krug.

Einer weigert sich jedoch offenbar, Kategorien wie „typisch deutsch“ oder „typisch amerikanisch“ überhaupt zuzulassen. Auf die Frage, was typisch amerikanisch sei, antwortet Fritz Weinschenk, ein in die Jahre gekommener Jurist: „Gibt es nicht.“ Fragen danach, was er besonders an der deutschen Gesellschaft schätze, was nicht, lässt er unbeantwortet. Es spricht für den Herausgeber?, dass er dieses lückenhafte Interview abgedruckt hat.

Den Autoren ist mit „Deutsche in Amerika“ ein Buch gelungen, den man kaum aus der Hand legen möchte. Es macht einfach zu viel Spaß, sich vorzustellen, was der fast nackte, auf einer halben Baustelle posierende Produzent und Regisseur? Jack Gerlach auf die Frage antworten wird, mit welchen Erwartungen er in die USA gekommen ist. Und der Neurologe auf der Bank im Herbstlaub, der in Kirchheimbolanden aufgewachsen ist – guckt er wirklich melancholisch oder ist er vielleicht doch ganz zufrieden mit dem Leben in Amerika? So kann man, auch dank der Übersichtlichkeit, der ansprechenden graphischen? Gestaltung wie auch der konstant hohen Qualität der Fotos, mit dem Buch in der Hand auf Entdeckungsreise gehen – durch das Amerika der hier abgebildeten Deutschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Literaturangaben

Klötzer, Gunter (Hg.): Deutsche in Amerika. Innenansichten einer Freundschaft. Arnoldsche Verlagsanstalt, Stuttgart 2008. 256 S., 39,80 €, ISBN: 978-3897900233


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