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Die alltägliche Physik des Unglücks

von
Marisha Pessl

Mit „Die alltägliche Physik des Unglücks“ präsentiert uns die 1977 geborene, amerikanische Autorin Marisha Pessl einen 600-seitigen Debütroman?, der sich nicht so recht entscheiden will, ob er eine Coming of Age-Erzählung, einen Krimi oder einen Enthüllungsroman? darstellen will. Dies müsste er auch nicht, wenn sich die Handlung als durchgehend fesselnd und plausibel erweisen würde.

Protagonistin und rückblickende Ich-Erzählerin? ist die 18-jährige Harvard-Studentin Blue van Meer, die immer noch mit dem über ein Jahr zurückliegenden Selbstmord einer gewissen Hannah Schneider zu kämpfen hat. Schlaflosigkeit, ein schicksalhafter Anruf und die Erinnerung an ihren Vater bringen Blue schließlich dazu, die Geschichte ihrer Kindheit und Jugend bis zu Hannah Schneiders Tod niederzuschreiben. Mit der Schwierigkeit konfrontiert, das erste leere Blatt zu füllen, greift Blue zu einem besonderen Stilmittel: Sie gibt ihrer Geschichte äußerlich die Form eines Curriculums und überschreibt die Auflistung der einzelnen Kapitel (die da u.a. heißen: Othello, Gefährliche Liebschaften, Moby Dick) mit „Lektüreliste“, ganz nach der Arbeitsweise ihres Vaters, eines renommierten Politikprofessors. Noch dazu kündigt sie Anmerkungen und Anschauungsmaterial an.

Anspielungen auf Weltliteratur

Was das genau zu bedeuten hat, wird dem Leser ab dem ersten Kapitel mehr als deutlich vor Augen geführt. Die Schilderung von Blues Erwachsenwerden, die mit dem Unfalltod ihrer Mutter beginnt, ist von zahlreichen Anspielungen auf „Weltliteratur“, wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Werke und von Zitaten durchzogen. So wird die sich an den Verlust der Mutter anschließende Vater-Tochter-Odyssee von einer Universitätsstadt zur nächsten folgendermaßen beschrieben: „Mit Dad durch die Gegend zu fahren war aber nicht kathartisch oder befreiend (siehe Unterwegs, Jack Kerouac, 1957). Es war anstrengend. Es war ein Sonnet-a-thon. Es war Hundert Meilen Einsamkeit: der Versuch, Das wüste Land auswendig zu lernen.“

In den ersten Kapiteln wirkt dieses Heranziehen von „Sekundärmaterial“ noch einigermaßen lehrreich und durchaus inspirierend, doch im Verlauf des Romans häufen sich die intertextuellen? Bezüge und die Zitate, vornehmlich aus wissenschaftlichen Abhandlungen, werden immer länger. Dabei wird die Geschichte, die Blue eigentlich zu erzählen hat, beinahe in den Hintergrund gedrängt: In ihrem letzten High-School-Jahr findet die Rastlosigkeit ihres Vaters vorläufig ein Ende, und sie lassen sich in Stockton, North Carolina, nieder. Auf der Privatschule St. Gallway wird Blue schon beinahe unfreiwillig zum festen Mitglied im Zirkel um die faszinierende Film-Lehrerin Hannah Schneider.

Zusammen mit fünf anderen Schülern, die von den anderen High-School-Gängern ehrfürchtig als „Bluebloods“ bezeichnet werden, ist sie regelmäßig Gast in Hannah Schneiders Haus, wo eifrig diskutiert, gestritten und gegessen wird. Doch was auf den ersten Blick wie das Idyll einer inspirierenden Lehrer-Schüler-Beziehung wirkt, entpuppt sich nach und nach als eine von einer schon gefährlichen Neugier geprägte Fixierung der Schüler auf ihre geheimnisvolle Lehrerin. Blue ist zunehmend schockiert von den rätselhaften Details aus dem Leben von Hannah und den voyeuristischen Bluebloods, kann sich aber dennoch ihrem Sog nicht entziehen. Schließlich findet der Zusammenhalt der Gruppe ein jähes Ende, als Hannah sich auf einem gemeinsamen Ausflug das Leben nimmt.

Persiflage auf Verschwörungstheorien

Was daraufhin folgt, gleicht, trotz redlicher Bemühungen um Plausibilität, einer Persiflage auf literarische und filmische Verarbeitungen jeglicher Verschwörungstheorien. Natürlich soll der garantiert jeden Leser überraschende und gleichermaßen verwirrende Ausgang hier nicht verraten werden, aber es bleibt anzumerken, dass dadurch die eigentlich interessanten Themen des Romans, wie die Rolle von Schicksal und Zufall im Leben eines Individuums, plötzlich links liegen gelassen werden zugunsten einer detaillierten Auseinandersetzung mit politischen Geheimbünden und der spektakulären Enthüllung von Hannahs wahrer Identität.

Marisha Pessls Debüt? kann durchaus als hoch ambitioniertes Werk betrachtet werden, allerdings ist es eher dem Vorzeigen von über Jahre angehäuftem Wissen und der Konstruktion einer den Leser nahezu überrennenden Wendung gewidmet, als dem schlichten, aber gerade dadurch bestechenden Erzählen einer plausiblen und empfindsamen Geschichte über das Erwachsenwerden.

Literaturangaben

  • Pessl, Marisha: Die alltägliche Physik des Unglücks. Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Adelheid Zöfel. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007. 601 S., 19,90 €, ISBN: 978-3100608031


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