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Die drei Leben der „Gorch Fock“ I. Legende unter Segeln

von
Wulf Marquard

Der einst als Landratte geborene Seebär Wulf Marquard erzählt gekonnt Episoden aus der Geschichte eines Schiffes, das ihn fasziniert, für das er sich begeistert. Vom Wortlaut her erfährt der Leser eigentlich wenig von dieser Begeisterung. Er spürt sie jedoch heraus. Es ist, als ob hier ein leidenschaftlicher Liebhaber jedem beliebigen Fremden mittels seines Hardcover-Bandes? verkündet: Schaut her, dieses schlanke weiße Segelschulschiff mit dem sacht himmelwärts gereckten Bugspriet und den drei hochragenden Masten ist meine schöne Braut! Mir jedenfalls erging es beim Lesen so. Ich glaube, dass er dieses Schiff versteht, wenn es zu ihm spricht. Und das tut es offenbar.

Wulf Marquard? ist ein ehrlicher Mann, der, im Herzen von der alten Bark besessen, mit kühlem Kopf und starken Händen für sie kämpft. Beides hat sie in ihrem jetzigen dritten Leben sehr nötig. Der Vorsitzende des Schiffseignervereins „Tall-Ship-Friends“, und damit gewissermaßen Kapitän der Original-Gorch-Fock, welche in Stralsund wieder am Kai ihres Heimathafenplatzes vor Anker liegt, will eines unbedingt: Sie soll bald unter Segeln auf See unterwegs sein.

Informativ und zügig ist von Johann Wilhelm Kinau die Rede, einem Schriftsteller des Niederdeutschen. Der 1880 in Finkenwerder bei Hamburg geborene Fischersohn heroisierte unter dem Pseudonym Gorch Fock in Erzählungen und Romanen die Seefahrt. Seinen eigenen Traum vom Meer bezahlte er 1916 auf einem bei der Schlacht im Skagerrak untergegangenen Kreuzer der kaiserlichen Marine mit dem Leben.

Wulf Marquard spricht bei der Schilderung des Stapellaufs mit Hochachtung von der Hamburger Werft Blom & Voss. Zur Taufe im Mai 1933 erhielt das Segelschulschiff der Reichsmarine am Elbkai den Namen des seinerzeit zum Märtyrer stilisierten Gorch Fock. Geschickt wird der Leser an Bord, auf See und durch die erste Lebenszeit geleitet. Die heißt Vorkrieg und Krieg und Tod auf dem Grund des Strelasund. Bewegend ist von der Auferstehung zum zweiten Leben geschrieben, das die Bark unter sowjetischer und ukrainischer Flagge mit der neuen Bezeichnung „Towarischtsch“ (Genosse/ Gefährte) führen durfte, bis die unglaubliche Geschichte passierte, seit deren Ende das bekannteste deutsche Segelschulschiff Gorch Fock I wie einst im Hafen von Stralsund verankert ist und sein drittes Leben erwartungsvoll begann.

Ein väterlicher Nachbar, der kurz vor Kriegsende als freiwilliger Kadett auf der „Gorch Fock“ diente, packte mich einst am sinnbildlichen Kragen mit der unmissverständlichen Aufforderung zur Lektüre: Wenn du das liest, weißt du viel über mich! Er hatte recht. Der galionsfigürliche Text von Wulf Marquard kommt mit der Absicht daher, dem Leser spannend zu berichten. Und er packt das tatsächlich. Diese Hommage auf eine besondere Bark zu ihrem 75. Geburtstag - aus diesem Blickwinkel relativiert sich sogar die hinzugefügte stattliche Bilderzahl auf zwei pro Lebensjahr - ist zugleich eine Liebeserklärung an alle majestätischen Großsegler.

„Wer, wo auch immer auf der Welt, durch eine Stadt geführt wird, hört Namen von Architekten und Baumeistern. Wer hat, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die Namen der ‚Architekten’ von Windjammern genannt. Elegante Formen, genial erdachte Takelage, perfekt gebaut, nur vom Wind bewegt. Gebührt ihnen nicht der Dank für unsere Freude heute, wenn wir den wenigen noch segelnden alten Windjammern nachschauen und wünschten, selbst an Bord zu sein?“ (Wulf Marquard)

Autor: Friedemann Lasch

Literaturangaben

  • Marquard, Wulf: Die drei Leben der „Gorch Fock“ I. Legende unter Segeln. Sutton Verlag, Erfurt 2008, ISBN: 978-3866803091


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