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Die Frau im Mond

von
Milena Agus

Ihre Verehrer schlägt sie mit feurigen Liebeserklärungen in die Flucht. Sie schneidet sich die Haare ab und schockiert damit Familie und Nachbarn. Sie neigt zuweilen zur Autoaggression und fügt sich Verletzungen zu. Sie will die große Liebe kennenlernen und ohne Leidenschaft nicht leben. Doch ist sie deshalb verrückt?

Die Eltern jedenfalls halten sie für geisteskrank und irgendwann glaubt die Heldin das selbst. Die Lebensgeschichte einer Anfang des 20. Jahrhunderts geborenen sardischen Bauerntochter erzählt die Autorin Milena Agus? aus der Ichperspektive der Enkelin. Diese beschwört die große Liebe der Großmutter in der Erinnerung wieder herauf.

Meer aus Sehnsucht

Ein Mädchen wie die Großmutter – intelligent, voller Phantasie und Temperament - passt nicht in die bäuerliche Welt im Inselinneren Sardiniens. Seit ihrer Kindheit notiert die Heldin heimlich Gedichte, Gedanken, Erlebnisse und Fantasien in ihr kleines schwarzes Heft mit rotem Rand. „Niemand durfte davon wissen, weil man sie sonst endgültig für verrückt erklärt hätte."

Die Großmutter gilt als alte Jungfer, weil sie im Alter von 30 noch unverheiratet ist. Während des Zweiten Weltkriegs macht ihr endlich ein älterer Witwer einen Heiratsantrag – zunächst nur aus Dankbarkeit, weil er als Ausgebombter in der Familie Zuflucht fand. Sie zögert, nimmt aber schließlich an, auch wenn sie ihn nicht liebt. Beide fügen sich in ihr Schicksal, eine Zweckehe zu führen. Sex erkauft sich der Ehemann weiter im Bordell.

Doch eines Tages kommt Großmutter auf die Idee, dass man dieses Geld sparen könne. „Sag mir was die Huren dort mit dir machen, das kann ich auch.“ Die Bedingungen, die am Anfang der Ehe galten, weichen langsam auf. So kommen sich die Eheleute auf eine merkwürdige Weise nicht nur körperlich näher. Der Ehemann wird sein Gelöbnis halten und seiner Frau in guten wie in schlechten Zeiten beistehen. Doch das sieht die sie nicht. Sie sucht in den Wolken, was ihr zu Füßen liegt, und badet in einem Meer aus Sehnsucht, in dem sie fast ertrinkt.

Das Leiden der Steine

Die nicht mehr junge Frau wird wiederholt schwanger. Nierensteinen in den ersten Schwangerschaftswochen führen zu Fehlgeburten. Nach siebenjähriger Ehe wird das Steinleiden so schmerzhaft, dass die Großmutter 1950 eine Kur auf dem Festland macht, die ihr Leben für immer verändern wird. Dort begegnet sie ihrem Helden, den sie schlicht Reduce, Kriegsheimkehrer, nennt. Er hat ein Bein verloren, aber das ist ihr egal. Er ist der Mann ihres Lebens, der Mann von dem sie immer geträumt hat - mit allem ausgestattet, was lebenslange Sehnsucht bereitet: groß, hager, mit tiefgründigen Augen, empfindsam und zärtlich.

Auch der Mann leidet an Nierensteinen – eine Metapher, die Milena Agus in ihrem vorliegenden zweiten Roman gebraucht, um den steinigen Parcours des Lebens bildhaft auszudrücken. Nicht jeder schafft es die Stolpersteine, die das menschliche Dasein mit sich bringt, aus dem Weg zu räumen. So lautet der italienische Originaltitel "Mal di Pietre". Es bedeutet wörtlich übersetzt "Das Leiden der Steine", womit Nierensteine gemeint sind.

Musik als Erzählmotiv

Der Reduce spielt leidenschaftlich Klavier und summt der Großmutter leise die verschiedensten Melodien ins Ohr, die fortan ihre Träumereien begleiten werden. Neben der Liebe als schönster Sache der Welt wird hier die zweitschönste als zentrales Motiv der Handlung eingeführt: die Musik. Die Musik vermag Emotionen zu wecken, wie es keine andere Kunst und kein anderes Medium kann. Großmutter trägt die Musik in sich, wenn sie in einem Rausch von Begehren versinkt. Neun Monate nach der Kur wird das einzige Kind der Großmutter geboren: ein Sohn, der sich zu einem meisterhaften Pianisten entwickelt und später eine Flötistin heiratet. Der Reduce hat sein Talent scheinbar an den Sohn vererbt. Doch ist er wirklich der Vater?

Liebe als Droge

In der Inselhauptstadt Cagliari bringen es die Großmutter und ihr Gatte zu einem ansehnlichen Wohlstand. Auch hier ist die Großmutter blind für Freude. Immer hofft sie auf eine weitere Begegnung mit dem Reduce, diesem empfindsamen Mann mit den weißen gestärkten Hemden und den glänzend polierten Schuhen. Sie wäre bereit, für ihn alles aufzugeben. Das Ideal dieser einzigartigen Liebe ist die Droge, an der sie sich berauscht und die sie zum Leben braucht.

Die Geschichte der Großmutter, die sich nie um die Welt schert und um die sich die Welt kümmern muss, ist eine berührende Liebeserklärung an die großen Gefühle. Eine Hommage an die Liebe, die man nicht erzwingen kann, und an die Macht der Fantasie. Denn die Kraft der Gedanken kann Unwirkliches zum Leben erwecken. Es geht um die unstillbare Sehnsucht nach einer alles überdauernden, romantischen Liebe. Und weil sie ihren Traum nicht zu leben vermag, träumt Großmutter lieber ihr Leben lang. Ihre Sehnsucht ist eine Suche nach Leidenschaft, die zur Sucht gerät. Sie kann das Glück nicht erkennen, obwohl es zum Greifen nahe ist. „Die Sehnsucht ist eine traurige Sache, aber ein wenig Freude ist auch dabei.“ So handelt der Roman auch von der Lust am Leiden. Tatsächlich scheint die Großmutter es durchaus zu genießen, wenn sie ihren Ehemann wie eine Hure „bedient“ und dieser in Wollust entflammt.

Skurrile Charaktere und atmosphärische Dichte

Die Charaktere? dieses Romans sind skurril, aber liebevoll gezeichnet. Die Großmutter ist eine tragische literarische Figur. Mit ihren Verrücktheiten, die nur Ausdruck eines Verlangens sind, erscheint sie den sardischen Dorfbewohnern als Außenseiterin und wie eine Frau vom Mond. Wie die Protagonisten heißen, das erfährt man nicht. Ihre Hauptfiguren nennt Milena Agus? nie beim Namen. Sie bleiben anonym und dennoch kommt man ihnen beim Lesen sehr nahe. So werden die ausgefallenen sexuellen Vorlieben des Großvaters und die selbstzerstörerischen Anfälle der Großmutter als Familiengeheimnis bewahrt.

Die Handlung folgt keiner Chronologie, sondern springt episodenhaft? zwischen Jugend und Erwachsenenalter der Großmutter hin und her, während die Sprache durch atmosphärische Dichte besticht. Wenn die Autorin detailliert Geschehnisse aus der Familienchronik? beschreibt oder die sardische Landschaft schildert, dann taucht man ein in die karge Schönheit der Insel im Mittelmeer, die der Schönheit der Großmutter in jungen Jahren entspricht.

Leben und leben lassen

Und schließlich die Enkelin, die, wie die Großmutter, im Buch ohne Namen bleibt: Da die Eltern meist auf Konzertreise sind, wird die sie von der Großmutter aufgezogen, der sie innig verbunden ist. Die Enkelin beobachtet und erzählt, wie sich alles Weitere zugetragen hat. Großmama schreibt immer noch ihre leidenschaftlichen Gedichte, von der nur die Enkelin weiß. Schließlich findet sie lange nach dem Tod der Großmutter deren schwarzes Notizbuch mit rotem Rand. Diese Entdeckung taucht die Geschehnisse in ein völlig anderes Licht …

Mit diesem überraschenden Schluss? hat Milena Agus? ihrem Roman eine zusätzliche emotionale Tiefe gegeben. Das kleine, feine Buch voll großer Gefühle ist leicht zu lesen und genau das Richtige für den kleinen Lesehunger? zwischendurch. Ein Roman, bei dem die Zeit nur so verfliegt und der viel Spielraum für unterschiedliche Interpretationen lässt. Ein Buch, kurz und gut, mit viel Inhalt und Aussage: Wenn das Leben selbst nicht verrückt spielt, dann tun es zuweilen die fantasiebegabten Menschen. Und so ist die Lebensgeschichte der Großmutter auch ein Plädoyer für Toleranz in einer Gesellschaft, in der Anderssein mit Verrücktsein gleichgesetzt wird und letzteres als einzige Alternative zum Nichtsein besteht.

Literaturangaben

  • Agus, Milena: Die Frau im Mond, Hoffmann und Campe, Hamburg 2007, ISBN: 978-3455400779, 14,95 Euro


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