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die gezirpte zeit

Lyrik von
Sophie Reyer

Traditionslinien

Mit ihrem Gedichtband die gezirpte Zeit stellt sich Sophie Reyer? in eine Tradition, bei der Zikaden eine bedeutende Rolle spielen. Meist wird auf die Zikaden als Sänger oder als Sinnbilder für Musik und Kunst, aber auch als Lärmverursacher hingewiesen. Die sogenannten Singzikaden und ihre Gesänge werden bereits in den frühesten schriftlichen Werken, der Ilias von Homer erwähnt. Die Aspekte der griechischen Zikaden-Mythologie sind in dem Gedicht "An die Zikade" von Anakreon? verarbeitet. Der melodische Rhythmus? von Reyers Gezwitscher spannt sich von den russischen Konstruktivisten um Majakowski zur Wiener Schule bis zum Hip-Hop.

Onomatopoetischer Assoziation

Bei diesem Erfahrungsraum werden Eingebungen quasi getwittert. Ein Titel wie die gezirpte zeit legt eine onomatopoetischer? Assoziation nahe. Analog zu ihrer Arbeit auf der Bühne versucht Reyer die Sprache nicht in abbildender beziehungsweise inhaltlich-bezeichnender Funktion, sondern auch als Lautmaterial anzuwenden. Bei allen Vorgängern bedient sich Reyer mit der Ungeniertheit des Naturtalents und macht daraus etwas ganz eigenes. Sie experimentiert quasi mit ihren eigenen Erfahrungen.

Es gleich einen Verloren-Sein. Im Prozess des Ausformulierens kann sich Reyer schon mal verlieren, daher holt sie sich für ihre Live-Auftritte auch Gäste hinzu. Wie in der Lautpoesie?, die gleichzeitig die Töne aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, macht sie in ihren Gedichten Techniken aus, die nach dem Prinzip des Collagierens und der Simultaneität verfahren. Ihre Lyrik nähert sich in dem Maße, in dem Semantik verschwindet und der Klang in den Vordergrund tritt, der Musik an.

Lyrik als performativer Akt

Als multimedial arbeitende Autorin bewegt sich Sophie Reyer souverän zwischen den Genres. Mit dem Quartett Tonverbrechung sucht sie den Dialog zwischen Wort und Ton, zwischen Poesie und Improvisation. Die Lyrik und Prosa diese Autorin und Komponistin werden mit akustischen und elektronischen Klängen improvisatorisch vertont. Zudem werden die Texte dafür dem Moment entsprechend zusammengesetzt und kommentiert. Das Programm entwickelt sich gelegentlich auch in die Richtung eines trashigen Songs oder klangpoetisch kommentierten Märchens.

Die Musiker von "Tonverbrechung" (Elisabeth Fügemann – Cello; Nicola Hein – Gitarre; Lukas Truniger – Elektronik) beschäftigen sich sehr gezielt mit der Auslotung des Grenzbereiches zwischen aktueller Sprache und Musik, sie versuchen ein harmonisches Miteinander der Kunstformen zu erzeugen, die jeder Gattung ihre Freiheit lässt. Niemals bleibt Poesie in ihrer Reinform bestehen, immer wird sie verfremdet, erweitert, unterwandert. Der Sound ist Gegenstand eines Prozesses, Teil der Auseinandersetzung der einzelnen Artisten. Auf dieser Basis suchen die Musiker permanent nach Positionen zu der sie umgebenden Gesellschaft und präferieren das Grenzüberschreitende, das Unbehauste, Vermischung und Unreinheit: im Sound, in der Sprache, im Leben.

Wahrnehmungslyrik

Im 21. Jahrhundert geschieht kaum etwas ohne Hallraum. Jede Dichtung spricht über die Situation ihrer Herkunft. Das Schreiben wird durch das schreibende Analysieren gebrochen. Wie jeder Lyriker erschafft Reyer eine ganz eigene Wahrnehmung, eine Beobachtung, die sich sowohl aus dem kollektiven wie auch aus dem individuellen Bewusstsein speist. Sie bricht die Idee vom objektiven Ich und vom subjektiven Ich auf und thematisiert in ihrer Poesie Verletztheit. Das ergibt eine wohltuend unsentimentale Sichtweise auf die Welt und ihre Mechanik. Auch auf die Mechanik der Liebe. Reyer misstraut dabei jedoch den Heilsversprechen ebenso wie den Momenten aufrichtigen Glücks.

Die Lyrikerin Sophie Reyer hat einen durchaus charmanten Spleen, ein Gefühl für schräge Situationen und einbrechende Absurditäten. Mit ihrer Wahrnehmungslyrik werden die existentiellen Abgründe durch ein absurdes Element geradezu abgemildert und dem Intellekt erträglich gemacht. In diesem Kontext wirken ihre Liebesgedichte fragil, berührende, beinahe tröstlich. die gezirpte Zeit ist eine feinziselierte Sprachpartitur mit überraschenden Überlappungen und Überlagerungen.

Autor: Matthias Hagedorn

Literaturangaben

  • Reyer, Sophie: die gezirpte Zeit. Neue Lyrik aus Österreich Band 2, 64 Seiten, 12 x 19 cm, franz. Broschur. 1. Auflage 2013

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