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Die Herren der Zäune

von
Magnus Mills

Das Leben ist eine Baustelle

Richie und Tam sind ein Team. Sie rauchen im Team, sie trinken im Team und wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, arbeiten die beiden Schotten sogar im Team: Der eine hebt Löcher aus, der andere rammt Zaunpfähle hinein und gemeinsam spannen die beiden den Draht dazwischen, der aus bloßen Pfählen in Löchern einen respektablen Weidezaun macht.

Das schottische Unternehmen, in dessen Auftrag Tam und Richie arbeiten, beschäftigt drei solcher Teams, denen jeweils außerdem noch ein Vorarbeiter angehört; und es ist Tams und Richies Vorarbeiter, aus dessen Perspektive Magnus Mills seine Geschichte erzählt. Viel erfahren wir nicht über den Erzähler: Er ist Engländer, und zu seinem Posten als Vorarbeiter kommt er wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kinde. Eines Tages ernennt ihn Firmenchef Donald einfach dazu und eröffnet ihm gleichzeitig, im Zuge der von ihm geplanten Ausdehnung der Firmenaktivitäten habe das Trio in Bälde eine Reise zu einem Kunden jenseits der Landesgrenze anzutreten.

Ein Arbeitseinsatz in England? Für die Lokalpatrioten Tam und Richie kommt das schon fast einer Operation hinter feindlichen Linien gleich. Schlimm genug, dass der Vorarbeiter auch noch selbst einer von diesen Engländern ist. Ausgerechnet zusammen mit einem dieser „British bastards“ sollen Tam und Richie in den folgenden Tagen und Wochen auf den wenigen Quadratmetern des Campers hausen, den die Firma ihren wackeren Zaunbauern für Dienstreisen zur Verfügung stellt? Dass Arbeitgeber Donald zudem nicht geneigt ist, dem Wunsch seiner Angestellten nach weihnachtlicher Feiertagsruhe zu entsprechen, hebt die Stimmung ebenso wenig wie die Aussicht auf einen Reiseantritt zu unchristlich früher Morgenstunde. Allein, es hilft alles nichts – die Reise nach Upper Bowland, dem Farmgelände des Auftragsgebers im Norden Englands, ist kein Katzensprung, und es wird so oder so nicht leicht werden, das Ziel noch vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen.

Mühselig gestaltet sich auch der eigentliche Zaunbau. Das Wetter ist widrig, das Duo aus Tam und Richie wenig dynamisch und die Verpflegung bietet ähnlich wenig Abwechslung wie die eher freudlosen Feierabende in der Dorfkneipe. Als sei das der Unbill noch nicht genug, wird die Arbeit nicht nur von Raucherpausen unterbrochen, die Tam und Richie einlegen, wann immer es nur geht, sondern es ereignen sich zudem immer wieder unglückliche Unfälle mit Todesfolge, die den Fortschritt des Werkes zusätzlich bremsen: Wo gehobelt wird, fallen bekanntlich Späne – und wo ein Zaun gebaut wird, fliegen eben manchmal Pfähle oder Teile der Ausrüstung durch die Luft, die sich selbstständig machen und unversehens zu tödlichen Projektilen werden. Gerade eben noch hatte der unzufriedene Kunde skeptisch die Nachbesserungsarbeiten beäugt, da hängt er schon tot über den Zaun. Und da das natürlich kein Zustand von Dauer sein kann, wird der Verblichene kurzerhand an Ort und Stelle zur letzten Ruhe gebettet: Begrabt mein Herz an der Biegung des Zaunes.

Im Laufe der Handlung fügt es sich immer wieder, dass jemand zur falschen Zeit am falschen Ort ist, und so ist der unzufriedene Ex-Kunde Mr. McCrindle nur das erste Opfer der grobmotorischen Wiederholungstöter Tam und Richie. Jeder neuerliche Sterbefall wird von dem tödlichen Duo freilich mit stoischer Gleichmut aufgenommen, und die Überreste der verunfallten Herrschaften werden ganz diskret und in Eigenregie unter die Erde gebracht: Der Tod, den Eindruck gewinnt man beim Lesen, hat für diese drei keinen Stachel, und sein Eintritt scheint nur eine weitere Banalität in einem zum Ritual erstarrten Alltag zu sein.

Die Namen der Kunden mögen wechseln, an der Eintönigkeit der Zaunbau-Routine ändert sich nichts, und auch die allabendlichen Kneipenbesuche sind nicht viel anderes als die Fortsetzung der Tristesse mit anderen Mitteln – das Murmeltier lässt grüßen. Würde man „Die Herren der Zäune“ verfilmen, könnte ein Film wie „Ganz oder gar nicht“ daraus werden, vielleicht auch einer wie „Trainspotting“

Magnus Mills’? Erzählung bezieht ihren Reiz vor allem aus dem nüchternen, abgeklärten Ton, in dem er seine Hauptfigur die Widrigkeiten eines Tour-Lebens der besonderen Art schildern lässt: Ob mangelhaftes Rüstzeug für die tägliche Arbeit, missmutige Untergebene oder Stunden am Feierabend, die so eintönig verlaufen wie die Stunden davor – das alles wird in offenbar unerschütterliche Lakonik gekleidet.

„Die Herren der Zäune“ ist ein sehr britischer Roman – britisch im Sinne jenes nationalen Stereotyps, demzufolge typisch britischer Humor? „schwarz“ zu sein habe und der Brite selbst ein Meister im „Understatement?“ ist, jener hohen Kunst, die Dinge in einem oft ans Absurde grenzenden Maße herunterzuspielen. In Mills’ Journal des Alltagstrotts ist der Tod so wenig Aufsehen erregend wie das Leben selbst, das aus den immer gleichen Zyklen von Arbeit, Kneipenbesuchen, Vorschüssen auf den Lohn und Schulden besteht: Morgens in aller Herrgottsfrühe werden Tam und Richie von ihrem Vorarbeiter auf die Weide getrieben, abends dann wird die örtliche Tränke besucht, und schließlich dürfte sich der aufmerksame Leser wohl auch die Frage danach stellen, von welchen im Zaum bzw. Zaun zu haltenden Tieren im Originaltitel „The Restraint of Beasts“ denn eigentlich die Rede ist.

Die Antwort darauf bleibt der unvermittelt endende Roman zwar schuldig, aber man darf wohl zumindest vermuten, dass es in Magnus Mills’ um Nutz- und Arbeitstiere geht, die nicht unbedingt Vierbeiner sein müssen.

Literaturangaben

  • Mills, Magnus: Die Herren der Zäune, Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 2002, ISBN: 978-3518398838, 9 Euro


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