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Die kleine Garbo

von
Bodo Kirchhoff

Bodo Kirchhoff, Meister des Semikolons und Verfasser so bekannter Werke wie „Mexikanische Novelle“, „Schundroman“ oder „Infanta“, hat einen neuen Roman vorgelegt. Titel: „Die kleine Garbo“. Um es vorwegzunehmen: Dieses Buch ist eine Enttäuschung. Stilistisch ein typischer Kirchhoff, fällt der Roman inhaltlich durch.

Entführung im nächtlichen Wald

In einem tief verschneiten, nächtlichen Wald wartet ein Filmteam auf seinen Superstar. Es handelt sich um die erst zwölf Jahre alte Malu. In ihrem jungen Leben sind ihr Ruhm und Reichtum bereits in den Schoß gefallen. Aber auf dem Weg zum Dreh wird „die kleine Garbo“ überraschend entführt. Von einem gewissen Jakob Hoederer, seines Zeichens Abstürzler, Versager und Bankräuber. Und als ob diese hanebüchene Geschichte nicht hinreichend genug wäre, um die Leser zu ärgern, ist Hoederer auch noch ein Mörder aus Unfähigkeit.

Dieser traurige Mensch nimmt das Mädchen als Geisel und verlangt Lösegeld. Bis es zur Übergabe kommen soll, fahren die beiden durch den Wald, jenes archetypisch symbolträchtige Abbild abgründig menschlicher Seelenlandschaft?. Sie freunden sich vorsichtig an – das Stockholm-Syndrom lässt grüßen, sofern Begriffe aus der psychologischen Realität hier überhaupt zu greifen vermögen. Das ungleiche Paar beginnt, über das Leben zu reflektieren, von dem Hoederer ebenso viel erwartet wie der bis hierher gekommene Leser von dem Buch: nämlich nichts mehr.

Hoederer will sich auch, seelenklug, wie er im Grunde genommen dennoch geblieben ist, eigentlich von Anfang an umbringen, kommt aber leider nicht recht dazu. Entweder es kommt ihm ein versehentlicher Mord, welchen der nachsichtige Zeitgenosse als Unfall bezeichnen könnte, dazwischen. Oder ihm macht seine sentimentale Neigung einen Strich durch die Schlussrechnung.

Gutes Handwerk – aber inhaltlich katastrophal

Das Verstörende an diesem Roman ist die handwerklich hoch anzusiedelnde Qualität der geleisteten Schreibarbeit, welcher aber leider eine inhaltliche Katastrophe à la Paulo Coelho gegenüber steht. Der Autor selbst mag dies während des Schreibens bemerkt haben, was das Einschwenken ins märchenhafte erklären würde. Verzeihlich kann dies bei einem Schriftsteller von der Güte eines Bodo Kirchhoff jedoch keinesfalls sein!

So ist „Die kleine Garbo“ ein glänzend geschriebenes, unsäglich konstruiertes Pseudo-Märchenbuch? über all die unerträglichen, belästigenden Widrigkeiten und zermürbenden sozialen Nichtigkeiten geworden, welche wir uns in verkürzender Summation „Leben“ zu nennen angewöhnt haben.

Am Ende fragt der (ab)geneigte Leser sich irritiert, was das Ganze eigentlich bezwecken soll. Der Schlusssatz auf Seite 287 gibt die unbefriedigende Antwort: „Aber das weiß man nicht.“

Literaturangaben:

  • KIRCHHOFF, BODO: Die kleine Garbo. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2006, ISBN: 978-3627001308, 287 S., 19,90 Euro.


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