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Die Malerei von Manet

von
Michel Foucault

Im Jahr 1966 schließt Michel Foucault? einen Vertrag mit Jérôme Lindon ab, es soll ein Buch über Édouard Manet entstehen, welches allerdings, laut Didier Eribon, nie erscheint. Foucault hat sich jedoch zwanzig Jahre lang mit Manet beschäftigt, besuchte unter anderem die große Manet­-Retrospektive im Grand Palais und hielt Vorträge über Manet in Mailand, Japan, Florenz und Tunesien. Der Vortrag in Tunesien ist Grundlage des Buches „ Die Malerei von Manet“, er wurde von Rachida Triki transkribiert?.

Der Vortrag ist nicht in die Textsammlung "Dit et Ecrits" aufgenommen worden, da sich die beiden Herausgeber? von Foucaults Schriften, Daiel Defert und François Ewald, mangels Tonbändern kein genaues Bild der Vollständigkeit machen konnten. Jedoch erschien eine italienische Ausgabe, herausgegeben 1996, in Neapel, von Francesco P. Adorno, bei den Edizioni La Citta del Sole. Laut dem Übersetzer Peter Geble? ist jene Schrift von keinem anderen als Michel Foucault und „ auch (dem) deutschsprachigen Lesern nicht vor(zu)enthalten“.

In "Die Malerei von Manet" beschäftigt sich Michel Foucault mit dem fortschrittlichen Arbeiten Manets. Erstmals sieht Foucault das Bild als Objekt dargestellt, das Bild als Materialität, als farbigen Gegenstand. Foucault nähert sich diesen neuartigen Verständnis an zwölf ausgewählten Bildern Manets, welche er unter drei Gesichtspunkten analysiert. Er konzentriert sich auf die Bildflächenbehandlung, also auf die Behandlung der materiellen Eigenschaften Oberfläche, Länge, Breite, aber auch darauf, wie räumliche Eigenschaften der Leinwand einbezogen wurden.

Zudem wird die Problematik der Beleuchtung thematisiert, Manet verwandte kein dargestelltes Licht, welches im Bild leuchtet, sondern das äußere wirkliche Licht. Als letzten Untersuchungspunkt Foucaults steht die Stellung des Betrachters im Mittelpunkt der Analyse. Für Foucault ist Manet jemand, der die künstlerische Bewegung um die Jahrhundertwende und darüber hinaus, bis in die heutige Gegenwartskunst beeinflusst hat, er geht sogar soweit, ein Vorhandensein des Impressionismus ohne Manet anzuzweifeln. Im Gegensatz zum Quattrocento, dem 15. Jahrhundert, befasste sich der Impressionismus, eine künstlerische Epoche Ende des 19. Jahrhunderts, mit der Konzentration auf die Lichtwirkung, mit der erstmaligen Herausstellung der Farbigkeit von Schatten und einer neuen Nutzung der Farbe, es war der Beginn der ästhetischen Moderne?.

Manets Werk ist, für Foucault, ein Fortschritt in der Kunst, er bezieht als erster die materiellen Eigenschaften der Fläche ein, Manet holt die Leinwand, jene welche im Quattrocento völlig ausgeblendet worden ist, zurück in die künstlerische Aufmerksamkeit. Es zählen die Qualitäten, die materielle Begrenzung, das Wesen der Leinwand. Horizontale und vertikale Achsen, reale Beleuchtung, aber auch realistische Motive finden in Manets Bilden Eingang. Der Betrachter erlebt mit seinen Werken eine neue Art des Kunsterlebnisses, ihm wird die Möglichkeit gegeben, sich dem Bild von unterschiedlichen Seiten zu nähern.

Auch in seinem Vortrag versucht Michel Foucault seine Leser zu führen, Schritt für Schritt behandelt er jedes der einzelnen Bilder Manets. Nicht nach chronologischem? Muster, sondern über die Art und Weise der Darstellung, die Eigenart Manets, seine Komposition des Bildes. Foucault geht mit dem Leser auf eine Reise durch Manets Entwicklung, zeigt Veränderungen und Parallelen zu anderen Künstlern auf. Jedoch verliert er nicht den Bezug zum Bild. Neben allen stilistischen Auffälligkeiten kennzeichnet Foucault auch die thematische Entwicklung der Bilder.

Anders als im Quattrocento, wo Perspektive und dreidimensionale Darstellung im Mittelpunkt stehen, verändert sich das räumliche Gleichgewicht bei Manet. Der Betrachter wird dazu animiert, um das Bild herumgehen zu wollen, sich die Blickwinkel der dargestellten Personen zu suchen, ihren Blick nachzuvollziehen, einfach über die Schulter zu schauen. Manet spielt mit der Flächigkeit der Leinwand, nicht die Sichtbarkeit wird manifestiert, im Gegenteil: Das Bild wird zum Ort des Unsichtbaren, für den Betrachter wird nicht deutlich, was die Figuren erblicken.

Foucault schafft es auf ganz eigene Art, den Leser in den Fortschritt des Werkens von Manet zu führen, was mit der Auseinandersetzung mit dem wohl revolutionärsten und bedeutenden Bild Manets, "Un bar aux Folies­-Bergère" (1881), welches die Unvereinbarkeit der Räumlichkeit, die Setzung des Lichtes, sowie die Stellung des Betrachters vereint, seinen Höhepunkt und Abschluss findet.

Häufig wird Manet zu den Impressionisten gezählt, zweifelsohne ist er für sie inspirierend? gewesen, doch auch die Auseinandersetzungen mit ihnen waren fruchtbar für ihn. Er weigerte sich, mit ihnen auszustellen und teilte auch ihre zentralen künstlerischen Ansätze nicht, ist es da nicht schwer zu verstehen, wenn Foucault Manet als jenen darstellt, der den Impressionismus ermöglichte? Manet war ein Kind seiner Zeit, geprägt von den Umständen, inspiriert vom Schaffen seiner Kollegen und willig, neue Ideen zu verwirklichen. In Manets Werken bahnt sich ahnungsweise die moderne Kunst an.

Doch ist Foucault nicht zuzustimmen, wenn er sagt, Manet habe „die ganze nachimpressionistische Malerei möglich gemacht“. Der Impressionismus und seine Wegbereiter, auch Manet in seiner eher isolierten Rolle, wirkten auf die Kunst des 20. Jahrhunderts ein, jeder Künstler, mit seiner Eigenart mit seinem eigen Stil. Viele Vertreter des Impressionismus entwickelten neue, auf ihren Erfahrungen aufbauende Techniken, so wie Seurat und Signac den Pointilismus begründeten, Paul Cézannes Werk den Kubismus vorweg nahm und Werke von Gauguin und van Gogh zum Expressionismus wiesen.

Foucault geht wissenschaftlich, analytisch mit den Werken von Manet um, ist gewissenhaft und genau bei der Auseinandersetzung und Deutung, doch er vergisst den Kontext. Während Foucault Manet förmlich heroisiert, wertet er damit das Schaffen in Manets Umgebung, aber auch die Bedeutung des Schaffens der Künstler im Quattrocento, ab. Man darf nicht vergessen, dass die Werke von Michael Pacher, Albrecht Dürer, Lucas Cranach d.Ä., um einige deutsche Vertreter zu nennen, aber auch von da Vinci und Mantegna für ihre Zeit neu und revolutionär waren. Ohne jene Weiterentwicklung wäre die Kunst nicht so gewesen, wie Manet sie vorfand und wie sie die Grundlage für die Entwicklung des Impressionismus stellte.

Autorin: Stefanie Hennig

Literaturangaben

  • Foucault, Michel: Die Malerei von Manet. Aus dem Franösischen von Peter Geble. Merve Verlag, Berlin, 3. Aufl. 1999. 64 S., 14 farbige Abb., 11 €, ISBN: 978-3883961507


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