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Die Schock-Strategie

von
Naomi Klein

Die kanadische Journalistin? Naomi Klein? legt nach ihrem Welterfolg „No Logo“ nun ihr zweites Buch mit dem Titel „Die Schock-Strategie“ vor. Ihr Erstling? war von der „New York Times“ als „Bibel der Globalisierungskritiker“ gefeiert und sie selbst zu deren Königin gekürt worden. Mit ihrem neuen Buch will sie diesem Anspruch nun gerecht werden.

„No Logo“ war das wütende Pamphlet? einer jungen Frau, die sich intensiv mit den Methoden und Auswirkungen von Werbung und Marketingstrategien auseinandergesetzt hat. Das Buch hatte keinen wissenschaftlichen Anspruch und war in einem „mädchenhaften Stil“ geschrieben, wie sie heute selbst meint.

Vier Jahre recherchiert

Um in ihrem neuen Buch keine alten Fehler zu wiederholen, hat sie vier Jahre lang recherchiert? und eine Heerschar an Mitarbeitern angestellt, die jedes ihrer Argumente mit Quellenangaben? versehen haben. Dieser enorme Arbeitsaufwand legt die Vermutung nahe, dass sie nun wirklich eine Art Bibel der internationalen Anti-Globalisierungsbewegung verfassen wollte.

Ihre zentrale These lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Sobald eine Gesellschaft sich in einer Krise befindet, sei sie durch Naturkatastrophen, Kriege oder Terroranschläge ausgelöst, gerät sie kurzzeitig in einen „Schockzustand“. Dieser lähmt die Menschen und macht sie orientierungslos, so dass sie nicht in der Lage sind zu begreifen, was um sie herum geschieht. Neoliberale Reformer nutzen dann die Gunst der Stunde, um ihre ökonomischen Interessen durchzusetzen. Diese lassen sich in drei Kategorien einteilen: Privatisierung, Deregulierung und Abbau sozialer Sicherungen.

Dieses Vorgehen macht Klein anhand vieler Beispiele deutlich: Angefangen von Chile, das während der Pinochet-Diktatur nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch grundlegend verändert wurde, über die Folgen des Tsunamis, nach dessen Verwüstung auf wertvollen Grundstücken nahe des Strandes, die vor der Katastrophe armen Fischern gehörten, nun Luxushotels stehen, bis hin zum 11. September und dem damit zusammenhängenden Irakkrieg. Auch Polen und Russland, deren „Schock“ durch den Zusammenbruch der Sowjetunion ausgelöst wurde, werden ausführlich von ihr besprochen.

Krampfhafte Analyse

An manchen Stellen wirkt Kleins Analyse zu bemüht, krampfhaft versucht sie jedes historische Ereignis in ihr Schockschema zu zwängen.

Noch störender als diese manischen Kategorisierungen sind die Vergleiche, die sie zwischen neoliberalen Wirtschaftsreformen und den medizinischen Gräueltaten des amerikanischen Psychiaters Ewen Cameron zieht. Dieser hatte in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts psychisch kranke Patienten einer rigorosen Elektroschocktherapie unterzogen. Er glaubte, psychische Krankheiten heilen zu können, indem er die Persönlichkeit des Kranken vollkommen auslöschte, um auf dieser „Tabula rasa“ die Persönlichkeit neu aufzubauen. Dabei arbeitete er auch mit anderen Mitteln wie Deprivation und Verabreichung von stark halluzinogenen Drogen, die heute von der CIA als Methoden zur Befragung von Terrorverdächtigen angewendet werden. Naomi Klein versucht, von dieser grausamen medizinischen Therapie Parallelen zu ökonomischen Reformen zu ziehen und stilisiert dabei die Anhänger der neoliberalen Schule zu regelrechten Teufeln.

Insbesondere Milton Friedman, der 1998 verstorbene Nobelpreisträger für Ökonomie, wird von ihr heftig attackiert. Dieser Vordenker des Kapitalismus war bei vielen wirtschaftlichen Umbrüchen präsent, er hat Machthaber in Chile und China beraten und mit seinen Ideen wesentlich die wirtschaftliche Entwicklung vieler Länder beeinflusst. Naomi Kleins Ziel ist es, die Vertreter des „reinen“ oder „entfesselten“ Kapitalismus für dessen soziale Folgen verantwortlich zu machen: Genauso wie die Linke sich mit den Auswirkungen des Kommunismus auseinandersetzen müsse, dürften soziales Elend, die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich und die daraus resultierende Probleme nicht als Randerscheinungen, sondern direkte Folgen des wirtschaftlichen Systems angesehen werden.

Keine Lösungsansätze

Trotz aller Anstrengungen wird ihr Ziel, eine Bibel zu schaffen, verfehlt, denn dazu benötigt man vor allem eins: ein Heilsversprechen. Naomi Klein bietet keine Lösungsansätze, sie prangert nur wirtschaftliche und politische Missstände an. Dies tut sie allerdings mit großer Liebe zum Detail, es finden sich kaum unbelegte Aussagen auf den knapp 800 Seiten, was schon eine enorme journalistische? Leistung an sich darstellt.

Ihre Theorie mag zwar keine alles erklärende Universallehre sein, doch deckt sie interessante Zusammenhänge der jüngeren Wirtschaftsgeschichte auf und widerlegt den Mythos, dass Kapitalismus und Freiheit immer Hand in Hand gehen müssen.

Literaturangaben

  • Klein, Naomi: Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophenkapitalismus. Übersetzt von Hartmut Schickert. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007, 768 S., ISBN: 978-3100396112


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