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Die weinende Susannah

von
Alona Kimhi

Susannah Rabin weint, aus Freude und aus Leid, vor Rührung und vor Kummer. Sie weint im Theater und sie weint im Kino. Sie weint laut und leise, herzzerreißend oder still. Sie weint, wenn sie lacht und weil sie einsam ist. Susannah weint, weil sie weint. Manchmal sind es Tränen von innerem Glanz. Mit ihren Tränen entlässt sie ihren lang empfundenen Schmerz in die Welt. Denn Susannah ist hypersensibel und gilt als lebensuntauglich.

Verwandte von?

Immer wieder stellen Fremde ihr die gleiche Frage: Sind Sie oder sind Sie nicht Verwandte von? Doch Susannah Rabin ist weder verschwistert noch verschwägert mit Jitzchak Rabin, dem ehemaligen Ministerpräsidenten, der 1994 den Friedensnobelpreis gemeinsam mit seinem Außenminister Schimon Peres und dem damaligen Palästinenserführer Jassir Arafat erhielt und ein Jahr später ermordet wurde.

Vor dem Hintergrund des israelischen Alltags, der auch 1996 noch von dem Attentat auf Rabin überschattet ist, entspinnt sich das komplexe Beziehungsgeflecht von Mutter und Tochter, deren Familienname eine Abkürzung vom russischen Rabinion ist. Susannahs verstorbener Vater Awram, selbst persischer Abstammung, war nach seiner Einwanderung nach Israel während seines Militärdienstes dem Kommandanten Rabin unterstellt, den er verehrte. Auch Ada teilt die Bewunderung für den ehemaligen Premierminister, der zweimal in der Geschichte Israels regierte, erstmals von 1974 bis 1977 und nochmals zwischen 1992 und seiner Ermordung im Jahre 1995.

Mutter und Tochter Rabin

Trotz Tiefgangs und vieler Bedeutungsebenen ist Die weinende Susannah kein schweres Buch. Ironisch und amüsant erzählt Alona Kimhis? Debütroman? in der Ich-Perspektive der Protagonistin, wie diese in tiefer Hassliebe mit ihrer auch körperlich übermächtigen Mutter Ada verbunden ist. Nach dem Krebstod Awrams, den Ada stets wie ein Kind umsorgte, obwohl er zeitlebens untreu war, fanden Mutter und Tochter zu einer Symbiose. Den schmerzlichen Verlust des Vaters erfuhr Susannah als 14-Jährige. Mit Dreiunddreißig hat sie noch nicht gelernt, sich abzugrenzen, weder von der Mutter noch von Dritten.

Die Beziehung ist ambivalent: Susannah ekelt sich vor dem alten Körper der Mutter und hat deswegen Schuldgefühle. Doch auch ihre eigene Körperlichkeit und die Blicke anderer Menschen kann sie nicht ertragen. Susannah ist sich ihrer Verrücktheit bewusst, wenn sie Stimmen hört. Ihr Gehirn scheint verstrickt in „Endlosketten mutierter Moleküle aus dem Chemiebuch eines Wahnsinnigen.“ Sie hat keine Angst vor dem Sterben, sondern nur vor dem, was zwischen ihr und dem Tod steht: vor dem Leben.

Die Betreuung durch die psychosoziale Station und gruppendynamische Aktivitäten zur Behandlung von Susannahs Problemen haben Mutter und Tochter Rabin aufgegeben. Nur einmal im Monat gehen sie gemeinsam zur Sozialarbeiterin Riwki – einer Feministin mit Kulleraugen und dem heimlichen Wunsch in den sicheren Hafen der Ehe zu gleiten. Riwki bietet der malenden und töpfernden Susannah einen Platz in einem betreuten Künstlerhaus an. Hier kommt ihr der Name zugute. Weil sie heißt, wie sie heißt, gehört Susannah Rabin zu 24 ausgewählten Talenten mit psychischen Problemen und künstlerischer Ader.

Der Besuch

In die Symbiose von Mutter und Tochter platzt der angekündigte Besuch, der mit seiner Präsenz alle Erwartungen übertrifft: Susannahs Cousin Naor aus New York – ein Gott von einem Mann mit vielen Begabungen. Er bringt buchstäblich Leben in die Bude und macht sich in der Wohnung der Rabins breit. Zunächst geht es durch die Invasion des Blutsverwandten mit Susannah bergab, bis zur Peripetie?, wo alles umschlägt. Die Wohnung war Susannahs Refugium vor der Hässlichkeit der Welt, nun wagt sie sich hinaus.

Susannah im Bade

Auf dem Umweg über die Kunst nähern sich Naor und Susannah an. Der Hasadeur gleicht dem Dichter Percy Bysshe Shelley?. Laut Naor sieht Susannah den Madonnen auf den Ikonen ähnlich, mit denen er handelt. Mit diesem Kunstgriff führt Kimhi das christliche Motiv der Madonnenverehrung in die Handlung ein. Denn Susannah ist Jungfrau. Und sie gleicht einem frühbyzantinischen Mosaik der weinenden Susannah aus dem sechsten Jahrhundert.
In den Apokryphen? findet man die Geschichte der Susannah im Bade respektive Susannah und die Alten. Splitternackt badet die schöne, junge Frau in ihrem Garten, wobei sie von zwei alten Babyloniern beobachtet und bedroht wird: Wenn sie sich nicht hingäbe, würde sie als Hure bloßgestellt. Die Steinigung droht. Daniel, der spätere Prophet, rettet Susannah, die wieder zu ihrem Ehemann zurückkehrt. Die Lügner werden gesteinigt.

Naor weckt in Susannah „ein unerklärliches, kosmisches Bedürfnis“. In der Sinuskurve ihrer seelischen Befindlichkeit öffnet sich Susannah am Wendepunkt. Der Adonis verdreht seiner Kusine so gehörig den Kopf, dass ihr Denken die Richtung ändert. Auch in Ada steigt das Adrenalin, wenn sie dem Besuch lauscht, der wohl einstudierte Geschichten über sich erzählt, die jedoch gar nichts über sein Innerstes verraten.

Mythos und Archetyp

In der Beziehung zu ihrer Tochter – und nicht nur da - symbolisiert Ada die Große Mutter und damit die Mutter Erde. Die Figur der übermächtigen Mutter ist in der Literatur ein beliebtes Motiv?, das bis in die griechische Mythologie zurückzuverfolgen ist. Dass die Mutter Ada heißt, erfährt man erst auf Seite 50. Zuvor ist sie nur das namenlose Muttertier, in dessen Gebärmutter sich Susannah zurückziehen will. Als Susannah und Ada gemeinsam baden, bringt Susannah ihre Sehnsucht nach dem sicheren Ort auf den Punkt. Sie wünscht sich in die „Obhut einer riesigen Gebärmutter, die Spuren von Schmerz und Verwirrung auslöscht“ zurück.

Schon C.G. Jung greift in seiner Analytischen Psychologie den Mutterarchetyp auf. Die im kollektiven Unbewussten wurzelnde Vorstellung einer gebärenden, Schutz gewährenden Frau, weist jedoch auch negative Aspekte auf. Neben der Charakteristik als fruchtbarkeits- und nahrungsspendende, Gütige und Hegende symbolisiert sie die alles verschlingende Mutter, von welcher Susannah sich lösen muss. Dies geschieht im Buch in einer Show-Down-artigen Szene.

Die Neue Züricher Zeitung feierte das Erscheinen von Alona Kimhis? Debütroman, der in Israel zum Bestseller wurde, als Ereignis. Und der Buchklappentext? trifft zu wie selten: „Ein unwiderstehlicher Roman“. Leicht erzählt, klug, ironisch, witzig und bizarr ist Alona Kimhi eine Parabel auf den Staat Israel gelungen mit seinen kriegerischen Konflikten und der Sehnsucht nach schluchzender Versöhnung. „Ein tiefes und mitreißendes Buch, originell und unterhaltsam.“ urteilt Zeruya Shalev. Zum Weinen traurig und zum Weinen schön.

Literaturangaben

Kimhi, Alona: Die weinende Susannah, aus dem Hebräischen von Ruth Melcer, EA 2004, Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin, 2. Aufl. 2006, 10,50 €, ISBN: 978-3-8333-0027-1


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