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Divisadero

von
Michael Ondaatje

„Der englische Patient“ hat ihn bekannt gemacht. Doch so wenig englisch wie sein Patient ist der Schriftsteller Michael Ondaatje. In Sri Lanka geboren, zog er zunächst nach Großbritannien und dann nach Kanada, wo er seit 1962 lebt. Nun hat er, sieben Jahre nach „Anils Geist“, einen neuen Roman vorgelegt: „Divisadero“.

Ging es im „englischen Patienten“ um ein Quartett, das in einer verlassenen Villa im Italien des Zweiten Weltkriegs strandet, so steht ein Trio im Mittelpunkt von „Divisadero“: Anna, Claire und Cooper. Die drei sind zusammen wie Geschwister aufgewachsen, doch keineswegs blutsverwandt und Waisen sie alle. Aus dem Norden Kaliforniens verschlägt es sie in verschiedene Regionen der USA und bis nach Frankreich, und doch bleiben sie verbunden wie die Teile eines japanischen Wandschirms, wie es an einer Stelle im Roman heißt. Von ihren und anderen Querverbindungen erzählt Ondaatjes Roman.

Sie lieben die Gefahr

„Divisadero“ setzt in den 1970er Jahren ein und erstreckt sich mit seinen Rückblenden über das gesamte 20. Jahrhundert, von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs in Belgien bis zum zweiten Irakkrieg und zu den Bomben auf Bagdad im Jahr 2003. Doch trotz der historischen Referenzen wirkt der Roman so, als stamme er aus einer Welt, in der die Zeit stehen geblieben ist, aus einer Welt der Archetypen und literarischen Vorläufer.

Am Anfang steht die Geschwisterliebe: Als Anna sich heftig in Cooper verliebt und der Vater sie beide ertappt, schlägt er den Ziehsohn halb tot. Und damit beginnen dessen Wanderjahre. Aus dem Haus verstoßen, wird Cooper Pokerspieler und taucht in eine Welt von Zockern und Schlitzohren, Drogen und Gewalt ein. Cooper ähnelt den Buddy-Bolden-Figuren, die Ondaatjes frühe Romane bevölkerten. Sie lieben Gefahren und setzen alles aufs Spiel.

Doch Cooper steht nur anfänglich im Mittelpunkt des Geschehens. Noch weniger erfahren Leser über das Schicksal von Claire, die in einer Anwaltspraxis arbeitet und sich dafür einsetzt, dass das Recht wiederhergestellt wird. Die wichtigste Erzählerin in „Divisadero“ ist die Literaturwissenschaftlerin Anna, die in den Südwesten Frankreichs zieht, wo sie im Haus eines französischen Schriftstellers den Nachlass ordnet. Und ihre Recherche nimmt eine solche Eigendynamik an, dass ihr Forschungsobjekt, der französische Autor Lucien Ségura, schließlich im zweiten und dritten Teil des Romans selbst als Erzähler auftaucht.

Geschwisterliebe

Wer Ondaatjes Werk? kennt, weiß, dass sein Erzählstil eher assoziativ ist und aus Schnappschüssen besteht, anstatt zielgerichtet einem linearen Strang zu folgen. „Divisadero“ spielt bereits in seinem Titel auf die Schnitttechnik an: Anstatt eine fortlaufende Erzählung geliefert zu bekommen, erhalten Leser nur Episoden, Szenen, Eindrücke. Und dennoch sind diese in ihrer Konstellation und ihrem Rhythmus fein komponiert. Die Geschichten fügen sich beileibe nicht nahtlos ineinander; „Divisadero“ ist kein Kreuzworträtsel, in dem sich alles fein säuberlich einordnen lässt, es gibt ständige Perspektivwechsel, Gegenwart und Vergangenheit, Leben und Literatur vermischen sich, und doch hallt es in Ondaatjes Roman vor lauter Echos und wiederkehrenden Konstellationen.

Da ist zum einen die Dreierkonstellation der Geschwister, die sich in verschiedenen anderen Trios, wie dem von Julien, seiner Frau und Marie-Neige wiederholt. Überhaupt entspricht keine einzige der „Familien“ dieses Romans der klassischen Mutter-Vater-Kind-Variante: Fast alle Figuren sind Waisen, Adoptierte, Ziehkinder. Paare stoßen aufeinander und gehen wieder auseinander. Geschwister lieben einander, und die Liebenden vertauschen den Namen des oder der Geliebten. Ein Zuhause hat niemand. Wie sie dennoch füreinander sorgen und den Toten Leben einhauchen, davon erzählt Ondaatjes Roman, „wie die Glasstückchen in einem Kaleidoskop immer neue Formen bilden, deren Refrains und Rhythmen musikalisch sind, sich zu einem Monolog fügen“.

Mehr als in seinen früheren Romanen verweist Ondaatje in „Divisadero“ auf literarische Vorläufer: auf Stendhal?, Balzac? und Colette?, die französische Hofdichtung und Ritterromanzen. In seinen Beschreibungen der einfachen Leute und in seinen Bezügen zur Kunst erinnert er ebenso an den britischen Schriftsteller John Berger?. Wem diese Doppelungen, Spiegelungen und Verweise zu viele Erzählsplitter sind, der kann sich immerhin von den beeindruckenden poetischen Passagen Ondaatjes verzaubern lassen. Die Stimmungen, die er auf den letzten Seiten des Romans beschwört, gehören zu seinen bewegendsten Stellen.

Literaturangaben

  • Ondaatje, Michael: Divisadero. Roman Aus dem Englischen von Melanie Walz. Carl Hanser Verlag, München 2007. 280 S., 21,50 €, ISBN: 978-3446209237


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