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Dr. Stroh. Böse Balladen

von
Peter Borjans-Heuser

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Haben Sie als Schüler oder Schülerin am Gymnasium ihren „Direx“ gemocht? Falls nicht, so war der vielleicht ein ähnlicher Typ wie Dr. Stroh: selbstgefällig, kein bisschen kritikfähig und stets mit erhobenem Zeigefinger. Um Dr. Stroh dreht sich ein ganzes Buch voller Balladen, 113 Seiten. Ob man sich das antun soll? Unbedingt – es ist ein Muss!

Es ist ein Muss aus mindestens zwei Gründen: Erstens stärkt dieses Buch Ihre Gesundheit, denn Lachen ist bekanntlich sehr gesund. Die Geschichten, die Peter Borjans-Heuser? in Balladenform erzählt, sind urkomisch. So sehr sich Gymnasialdirektor Dr. Stroh auch darum bemüht, ernst genommen zu werden und seine Autorität hervorzukehren, so sehr macht er sich immer wieder lächerlich. Mal kanzelt er eine Schülerin ab, die nach dem Vertretungslehrer fragt, bis er auf dem Vertretungsplan entdeckt, dass er selbst der Säumige ist; mal gibt er vertretungsweise Informatikunterricht, bis er nicht mehr weiterweiß und auf dem Schlauch steht. Doppelte Komik?: Der Kollege, den er vertritt, heißt Schlauch, und Dr. Stroh steht auf dessen ihm heruntergefallenen Lehrerfoto.

Auch als Privatmensch hat der Direktor seine Macken. Ist seine Frau Ingeborg in Kur, organisiert er den Haushalt auf eine Weise um, dass sie darob erneut zur Erholung muss. Geht er einkaufen, vertut er sich schon mal mit den Informationen auf seinem Einkaufszettel und sucht Baumarktartikel voller Überzeugung in der Apotheke zu erwerben. Gleichzeitig wird Dr. Stroh uns zunehmend sympathischer, denn seine Macken sind höchst menschlich. Da sucht er seine Brille und hat sie, wie immer, in der Jackentasche. Oder er geht mit dem Enkelsohn in den Zoo und zwingt ihn zu den Schimpansen, deren Menschenähnlichkeit er preist, bis ein Affe uriniert, masturbiert und kotzt – zum Glück hat Enkel Tim schon längst gelangweilt das Weite gesucht. Wir spüren: Irgendwie sind wir alle ein bisschen Dr. Stroh.

Vollends gewinnt der Protagonist dieser Balladen unser Mitgefühl, als er im Streichelzoo die Erfahrung macht, wie rührend es ist, ein Lämmchen zu streicheln – bevor kurz darauf ein Esel ihm den Zeigefinger abbeißt. Doch er schafft es mit dem in Küchenkrepp eingewickelten blutigen Ausweis seiner Autorität bis ins Krankenhaus, wo dieser wieder angenäht wird. Leider kann er ihn danach nicht mehr krümmen, so dass sein Eheweib am Ende feststellt:

„Es ist wie’s ist. Ich sehe schon:
Mein Mann ist ein Dozent
mit digitaler Erektion –
von nun an permanent.“ (S. 113)

Der zweite Grund, warum Dr. Stroh ein Muss ist, liegt in der ästhetischen Gestaltung der Texte. Peter Borjans-Heuser, Humor-Preisträger beim Jokers Lyrik-Preis 2010, hat ja bereits mehrere Gedichtbände? veröffentlicht und sich dabei stets als ein Meister der Form erwiesen. Wer es schon selbst einmal versucht hat, aus irgendeinem Jubelanlass ein paar Zeilen? zu reimen?, weiß, dass das gar nicht so einfach ist. Die Balladen über Dr. Stroh sind durchweg formvollendet, diszipliniert in Versmaß und Reimschema und eben dadurch so leicht lesbar. Zudem sind gereimte Pointen? viel treffender als prosaische; die Form unterstreicht den satirischen Gehalt der Texte und hebt ihn hervor. Also ist das Lesevergnügen ein doppeltes – in Bezug auf den Inhalt wie auf die Form.

Dem Dichter und ehemaligen Schulleiter einer Gesamtschule ist mit seinen „bösen Balladen“ über Dr. Stroh tatsächlich wieder ein tolles, unterhaltsames und hintergründiges Werk? gelungen. Wenn Sie noch einen dritten Grund suchen, warum es sich lohnt: Die illustrierenden Karikaturen von Gianni Sammarro geben Dr. Stroh ein Gesicht, das wir uns vermutlich genauso vorgestellt haben, und erhöhen damit das Lesevergnügen weiter. Das Buch bereitet allen Leserinnen und Lesern Freude, unabhängig davon, ob sie einen Bezug zu Schule und Lehrerberuf haben oder nicht; so viel Freude, dass es zu schade ist, um es nur ins eigene Regal? zu stellen. Man möchte es massenhaft verschenken ...

Autor: Detlef Träbert

Literaturangaben

  • Borjans-Heuser, Peter: Dr. Stroh. Böse Balladen, Schardt Verlag, Oldenburg 2011, 113 S., € 10,-, ISBN: 978-3898416238


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