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Ein Job

von
Irene Dische

Irene Dische hat schon immer spannende Romane geschrieben. Doch speiste sich der Nervenkitzel ihrer Bücher meist aus mehr oder minder alltäglichen Lebensgeschichten. Mord und Totschlag waren nie nötig. Ein Auftragskiller erst recht nicht. Wieso also ein Thriller?? Ganz einfach. Weil hier gebrochene Charaktere? in einem aufregenden Plot aufgehen können. Mit Witz, Ironie und Menschlichkeit zeichnet sie das Porträt des eitlen und einsamen Berufsmörders Alan Korkunc, der einfach nur seinen „Job“ machen will. Was nicht so einfach ist, wenn man als Kurde zum ersten Mal amerikanischen Boden betritt. Besser gesagt in den Häuserschluchten von New York ausgesetzt wird und kein Wort der Landessprache beherrscht. Ein klassischer Fall von Kulturschock, der ganz und gar auf aberwitzige Weise kuriert wird.

Obgleich der Vierzigjährige in seiner Heimat als eiskalter Profi gilt, beginnen sich sein Herz und sein Hirn in der amerikanischen Großstadt langsam aufzuweichen. Eine Woche hat er Zeit, seine Opfer zu beobachten und seine Tat vorzubereiten. Eine bildhübsche Türkin und ihre zwei unschuldigen Kinder soll er töten, um ihren Gatten, Süleyman Erkal, zu bestrafen. Was dieser wohlhabende Geschäftsmann Alans aufgeblasenen Auftraggeber Mr. Ballinger angetan hat und wieso er ihn dafür strafen soll, bleibt bis zuletzt ein Geheimnis. Schon in dieser Hinsicht haben wir es hier mit keinem x-beliebigen Thriller von der Stange zu tun. Wie Dische überhaupt die „Spielregeln“ dieser Gattung permanent verletzt.

Ihr Protagonist verfügt denn auch über den komisch-grotesken Charme der Leinwald-Antihelden von Quentin Tarantino oder den Coen-Brüdern, die der von ihnen erwarteten Rolle meist nicht gerecht werden. So besitzt Alan 31 Paar exklusiver Herrenschuhe in seiner Heimat Istanbul, rasiert sich jeden Tag den eleganten Bart in Dutzenden orientalischer Varianten und achtet peinlich genau darauf sich nicht zu bekleckern. Vor dem Tod hat er keine Angst, nur darf ihm im Falle eines ungünstigen Falles niemand in den Kopf schießen. Sein ebenmäßiges Antlitz könnte ja Schaden nehmen. Ansonsten wirkt er anfangs noch kontrolliert und konzentriert bis in die immer grauer werdenden Haarspitzen, versucht nichts dem Zufall zu überlassen und ist ein Experte in Sachen Waffenkunde. Politische Beweggründe oder Rachegelüste hat er keine und auch das Geld ist für ihn nur eine schöne Nebenerscheinung. So weit, so klassisch. Er macht seinen Job einfach gerne, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, er ein „gutes Gefühl“ hat.

Aber genau dieses Gefühl will sich partout nicht einstellen. Die Tatwaffe, ohne die sich jeder Killer nackt fühlt, bekommt er reichlich spät in die Hände. Überdies handelt es sich dann noch um eine schwerfällige und wenig zielgenaue Smith and Wesson. Gar nicht sein Kaliber und seine Klasse. Doch was ihn noch stärker irritiert, sind Land und Leute, denen er bei seinen Streifzügen durch den Big Apple begegnet. Es sind nicht nur die Sprachbarrieren, sondern Mentalität und Habitus der US-Amerikaner, die den Einzelgänger aus einfachen ländlichen Verhältnissen verstören. Mit der ruppig-direkten Art einer prallbusigen Bedienung im Donut-Shop von nebenan kann er ebenso wenig anfangen wie mit den prüden Annäherungsversuchen einer schönen Intellektuellen in einem exklusiven Club. New York und die New Yorker sind einfach nicht seine Welt. Peinlichkeiten und andere Regelverstöße können da nicht ausbleiben. Sie sorgen für Komik und Gefahren gleichermaßen.

Was ihm aber mehr als alles andere zusetzt, ist eine nette siebzigjährige Dame namens Allen. Witwe eines Orientalisten und zugleich seine einsame Nachbarin. Weshalb sie nicht nur das Türkische fließend versteht und spricht, sondern Alan quasi als Ersatzsohn in Beschlag nimmt. Gegen den Charme und die Hilfsbedürftigkeit der Rentnerin mit dem grauen, flauschigen Haar besitzt er keine Waffe. Ihr gegenüber ist er völlig wehrlos. An ihr macht er jedoch all das gut, was er seiner kurdischen Großmutter womöglich schuldig geblieben ist. Ihr hartnäckiges Auftreten bestimmt fürderhin seine Geschicke wie auch seine Missgeschicke.

Alan ist von Anfang an als Mann mit harter Schale und weichem Kern angelegt. Er wird dank Disches psychologischem und sprachlichem Feingefühl von Seite zu Seite immer menschlicher, ohne es selbst zu merken. Es fängt damit an, dass er mit der Witwe gemeinsam Sitcoms schaut, trinkt und isst und es endet damit, dass ihn die liebgewordene Dame sogar beim Auskundschaften des Tatorts begleitet und für ihn geheime Gespräche belauscht und übersetzt. Aber auch seinen Opfern gegenüber bringt er bisweilen sentimentale Gefühle auf, die Todsünde für einen bezahlten Killer. Er wird dafür büßen, aber gleichzeitig dafür auch belohnt werden. Mehr durch Zufall, als durch Planung.

Es sind die scharfen Kontraste zwischen den Charakteren und ihren Handlungen, mit denen Dische die Erwartungen der Leser an einen Thriller bewusst enttäuscht. Aber mit dieser Erzählstrategie auch für eine Menge Überraschungen und Einsichten sorgt, die unterhaltsam, wenn auch nicht immer logisch sind. Dabei leuchtet sie schamlos die Seele des kurdischen Profikillers aus. Wobei es ihr dabei gar nicht darum geht, Alans unmoralisches Gewerbe oder den politischen Konflikt zwischen Türken und Kurden anzuprangern. Auch die vermeintliche Wandlung vom Saulus zum Paulus steht nicht wirklich im Mittelpunkt des Romans. Was mit Alan am Schluss des Romans passiert, ist noch viel unwahrscheinlicher als jede religiös grundierte Bekehrungsgeschichte. Vielleicht drückt das überraschende Ende eine hintergründige Absage an jegliche Art von Gewalt und Terror aus. Oder dahinter steckt die abenteuerliche Fabel über eine geglückte Integration. Für eine „wahre Geschichte“, wie anfangs zu lesen ist, mag man den Roman allerdings beim besten Willen nicht halten.

Irene Dische hat diese Geschichte mit dem kurdischen Filmemacher Nizamettin Ariç ursprünglich als Drehbuch entwickelt und als Roman bereits im Jahr 2000 veröffentlicht. Übrigens auch bei Hoffmann und Campe?, allerdings in einer anderen Übersetzung als heute. Die späteren Ausgaben beim Deutschen Taschenbuch Verlages? tragen indessen die Handschrift? des jetzigen Übersetzers Reinhard Kaiser. Wieso also eine neue Hardcover-Ausgabe?? Die Veröffentlichungsstrategie täuscht ein wenig darüber hinweg, dass es sich um ein betagteres Buch handelt. An der Aktualität des Stoffes und der Zeitlosigkeit des Themas ändert das freilich nichts. Den mentalen Grundkonflikt zwischen westlicher und orientalischer Kultur bringt sie dem Leser nahe, wenn auch in sehr spezieller und grotesker Manier. Schließlich stehen Alans Motive und Lebensgeschichte nicht exemplarisch für die Mehrheit seines Volksstammes.

Insofern weiß man nach der Lektüre nicht so recht, auf was Disches Roman letztlich abzielt und welcher literarischen Gattung er zuzuordnen ist. Ist es eine Parodie auf das Genre Kriminalroman? Oder der Versuch ihm literarisches Leben einzuhauchen. Geht es ihr um den fremden Blick auf das hektische New York? Oder ist „Ein Job“ nur die publizistische Zweitverwertung des Drehbuchs, wie der Rezensent der „Frankfurter Rundschau“ mutmaßte. Man mag und kann lange darüber rätseln. Es lohnt indessen kaum. Man sollte den Roman als das nehmen, was er ist: literarisch gut gemachte Unterhaltung mit einer wohldosierten Prise Tiefgang.

Originalbeitrag unter Die Berliner Literaturkritik

Literaturangaben

  • Dische, Irene: Ein Job. Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg 2009. 160 S., 16,95 €, ISBN: 978-3455401479


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