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Eine gute Ehefrau

von
Stewart O'Nan

In seinem neuesten Roman „Eine gute Ehefrau” erzählt Stewart O’Nan eine einfache Geschichte über eine ganz normale Frau, die auf ihren Mann wartet; 28 Jahre. In diesen Jahren springt sie zuerst von einer schlecht bezahlten Arbeit zur nächsten. Später steigt sie in einem Altersheim auf. Währenddessen wird ihr Sohn Casey erwachsen und erhält in New Mexiko eine gut bezahlte Arbeit.

Und ihr Mann sitzt all die Jahre im Gefängnis. Nach einem Spiel betrank Tommy sich mit seinem Freund Gary. Danach brachen sie bei einer alten Frau ein, töteten sie, steckten das Haus in Brand und wurden auf der Flucht von der Polizei erwischt. Während der Verhandlung geht Gary einen Deal mit der Staatsanwaltschaft ein und wird zu fünf Jahren auf Bewährung verurteilt. Tommy wird zu 25 Jahren bis lebenslänglich verurteilt. In diesem Moment ist Patty Dickerson 27 Jahre und ihr Sohn ein wenige Monate altes Baby.

Stewart O’Nan schildert in einer schmucklosen, scheinbar unbeteiligten Prosa Pattys Leben als allein erziehende Mutter zwischen Tommys Verurteilung und seiner Entlassung konsequent chronologisch? aus ihrer Sicht. Aus dem Gefängnis erfährt sie nur, was ihr Mann erzählt, und ob er den Mord begangen hat oder er einfach nur Pech hatte, wird von O’Nan ebenfalls nicht beantwortet. Patty ist überzeugt, dass das Urteil gegen Tommy ein Fehlurteil ist. Sie denkt, Gary hätte dafür verurteilt werden müssen. Das muss als Beweis für Tommys Unschuld ausreichen.

Zwischen Bangen und Hoffen

In all den Jahren erleidet Patty den Justizapparat als eine unerbittlich langsam mahlende Maschine, die sie immer wieder zum Warten verdammt. Zuerst muss sie auf die verschiedenen Anhörungen und Verhandlungen warten, dann auf die Nachricht, in welchem Gefängnis Tommy sitzt, dann auf die verschiedenen Berufungen, die alle abgelehnt werden. Denn Tommy hatte in seiner Garage Diebesgut gehortet, er schweigt beharrlich und die Beweise sind eindeutig. Dann muss sie auf die gemeinsamen Wochenenden in einem Wohnwagen auf dem Gefängnishof warten. Familienzusammenführung wird das gänzlich unironisch von der Justizverwaltung genannt und in einigen Gefängnissen manchen Insassen nach fünf Jahren gewährt. Dann auf den Zeitpunkt, an dem er nach einem Vierteljahrhundert zum ersten Mal einen Antrag auf vorzeitige Entlassung stellen kann. Der Antrag wird abgelehnt und wieder muss sie auf ihren Mann warten.

In diesen Jahren baut sie nur zögernd ein eigenes Leben auf. Obwohl sie arbeitet und einen Sohn großzieht, wartet sie nur auf ihren Mann. In Pattys Leben geschieht nichts, was der Chronist nicht in wenigen Zeilen beschreiben könnte. Denn sie konzentriert ihr Leben ausschließlich auf ihren abwesenden Ehemann. Ihr gemeinsamer Sohn Casey erzieht sich dagegen weitgehend alleine. Er ist ein stilles Kind und darüber ist sie letztendlich froh. Sie nimmt ihn nur dann wahr, wenn er seinen Vater nicht treffen will.

Dass aus dieser Biographie eines gewöhnlichen Lebens und ihrer Konzentration auf eine Person nicht ein gähnend langweiliges Buch wird, verdankt sich der perfekten Konstruktion. Der ehemalige Flugzeugingenieur Stewart O’Nan hat ein Gefühl für die richtigen Proportionen. Ausführlich schildert er die Zeit zwischen Tommys Verhaftung und seiner Verurteilung, ihre erste Fahrt zum Gefängnis und die Prozedur, bis sie ihn sehen kann, die erste Familienzusammenführung und Tommys erste Nacht in Freiheit. Das sind die Momente in ihrem Leben, die für Patty wichtig sind.

Nüchterne Stille

Aus diesen Ereignissen entwickelt Stewart O’Nan einen zutiefst poetischen Roman über eine bedingungslose Liebe?. Denn Patty denkt niemals daran ihren Mann zu verlassen. Auch nicht, als er es ihr nach der Ablehnung der Berufung vorschlägt.

„Eine gute Ehefrau“ ist große Erzählkunst von O'Nan, der für das Manuskript seines ersten RomansEngel im Schnee?“ übrigens den Pirate's Alley Faulkner Preis? der Pirate's Alley Faulkner Society of New Orleans erhielt (den William Faulkner-Preis erhielt O’Nan, obwohl der Rowohlt Verlag? das in seiner Biographie behauptet, bis jetzt nicht), mit seinem dritten RomanDie Speed Queen?“ in Deutschland bekannt wurde und zuletzt mit „Halloween?“ wieder eine Horrorgeschichte schrieb. Sein neuester Roman „Eine gute Ehefrau“ ist ein stilles Drama, bei dem der Stillstand und das jahrzehntelange Warten auf die Entlassung spannend sind, ohne dass vordergründige Überraschungen, postmoderne Spielereien oder eine ironische Haltung auf den schnellen Erfolg und Beifall des Publikums? zielten. Es ist ein Buch über die Liebe. Auch wenn es vielleicht länger als geplant dauert, bis die Liebenden zueinander finden.

In dem nüchtern erzählten Report? einer großen Liebe erhält Patty notgedrungen einen Heiligenschein, weil sie niemals daran denkt, ihren Mann zu verlassen und ein neues Leben zu beginnen. Ob das Liebe, Selbstverleugnung oder Dummheit ist, mag jeder für sich entscheiden. Pattys Antwort, und damit auch der Sinn ihres Lebens, ist eine ganz andere.

Literaturangaben

  • O’Nan, Stewart: Eine gute Ehefrau. Roman. Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2007. 384 S., 12 €, ISBN: 978-3499242786


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