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Einsamkeit

Die europäische Literatur ist reich an beeindruckenden Einsamkeits-Darstellungen. Charakteristisch ist das Doppelgesicht des Themas: Es gibt sowohl eine positive und sinnstiftende Einsamkeit als auch eine negative und zerstörerische.

Definition

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Einsamkeit ist ein häufig behandeltes Thema in der Literatur. Die außergewöhnliche Vielgestaltigkeit des Themas begünstigt die Kombination mit zahlreichen Stoffen (z. B. Ahasver?, Michael Kohlhaas?, Schlemihl?), Motiven (z. B. Einsiedler?, Inseldasein?, Menschenfeind?, Rebell?) und anderen Themen (z. B. Gefangenschaft?, Krankheit?, Liebe, Tod?). Seine grundlegende Prägung erfuhr das Thema bereits in der Antike. Spätere Literatur-Epochen brachten die kunstvolle Ausgestaltung verschiedener religiöser, sozialer und psychologischer Aspekte.

Die Ursachen, die zur Einsamkeit führen, sind enorm vielfältig, ebenso die Hoffnungen und Ängste, die mit ihr verknüpft sind. In der Literatur ist das nicht anders als im wirklichen Leben. Häufigste Ursache für die Absonderung von der Welt ist der Konflikt mit der Gesellschaft und ihren komplexen Forderungen an den Einzelnen. Die Hoffnungen richten sich hauptsächlich auf Selbsterkenntnis und persönliche Vervollkommnung. Die größten Ängste, die die Einsamkeit in den Figuren wachruft, kreisen um Krankheit? und Tod?.

Foto: Rosel Eckstein/pixelio.de

Einsamkeit: sinnstiftend oder zerstörerisch?

Charakteristisch ist das Doppelgesicht des Themas: In der Welt der Literatur gibt es sowohl eine positive und sinnstiftende Einsamkeit als auch eine negative und zerstörerische. In der modernen Literatur – also etwa ab dem späten 19. Jahrhundert – dominieren vor allem die destruktiven Aspekte der Einsamkeit, meist in Verbindung mit seelischen Phänomenen wie Entfremdung und Persönlichkeitszerfall. Oft erscheint die Einsamkeit als existentielle Grundsituation, aus der es keinen Ausweg gibt.

Die europäische und amerikanische Literatur ist reich an beeindruckenden und künstlerisch anspruchsvollen Einsamkeits-Darstellungen. Im Bereich der Epik sind zu nennen: Thomas Mann („Der Tod in Venedig“, 1913), Thomas Wolfe? („Schau heimwärts, Engel“, 1929) und Albert Camus („Der Fremde“, 1942). In der Lyrik: Charles Baudelaire? („Die Blumen des Bösen“, 1857), Georg Trakl? („Gedichte“, 1913) und Paul Celan („Mohn und Gedächtnis“, 1952). Im Drama: Gerhart Hauptmann („Einsame Menschen“, 1891), August Strindberg? („Ein Traumspiel“, 1902) und Samuel Beckett? („Warten auf Godot“, 1952).

Entstehung

In der antiken Literatur wurde das Thema von Vergil?, Horaz? und Seneca? beispielhaft gestaltet. Sie widmeten sich vor allem den positiven Seiten der Einsamkeit. Selbstbesinnung, Welterkenntnis und ein Leben im Einklang mit den heimlich waltenden Kräften der Natur – das sind die Vorzüge, die die Einsamkeit aus Sicht vieler antiker Autoren bietet.

Die vorwiegend religiös inspirierte Dichtung des Mittelalters? (z. B. Wolfram von Eschenbachs? „Parzival“, um 1200) sah in der Einsamkeit eine wichtige Voraussetzung, um Geist und Leib vor den sündhaften Verlockungen des Lebens zu schützen. Auf diese Weise sollten sich die Figuren beispielhaft für ein gottgefälliges Leben qualifizieren.

Entwicklung

Francesco Petrarca? („Über das einsame Leben“, 1346) und andere Dichter der Renaissance? knüpften an antike Muster an. Im ersten Teil seiner berühmten Schrift zeigt Petrarca? den von weltlichen Sorgen, von Ehrgeiz und Leidenschaft gehetzten Menschen; im zweiten Teil den besonnenen Einsiedler, der der Welt den Rücken gekehrt und sein Leben der Meditation geweiht hat.

In „Über das einsame Leben“ legt Petrarca? dar, dass Seelenfrieden und Selbstgefühl auch ohne christliche Heilslehre erreichbar sind. Damit machte Petrarca? in der Literatur den Weg frei für radikale individuelle Einsamkeits-Darstellungen, wenn darin erfahrungsgemäß auch weiterhin häufig ein religiöser, aufs Jenseits gerichteter Akzent mitschwingt.

Der Wanderer: Auf der Suche nach Gott und der Welt

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Zu fast schon existenzialistischen? Einsichten gelangte der Barock?-Dichter Luis de Góngora? in seinem berühmten Werk? „Soledades“ (1617), in dem er die Einsamkeit als menschliche Grundempfindung schildert. Eine Empfindung, die so stark ist, dass sie auch mitten in geselligster Runde nicht überwunden werden kann. Diese Gedanken stießen im 18. Jahrhundert – dem Zeitalter der Empfindsamkeit – auf große Resonanz: In populären Wochenschriften wie „Der Einsame“, „Der Einsiedler“ und „Der Eremit“ spürten Dichter und Philosophen dem Phänomen nach.

Die Dichter der Romantik entfachten einen wahren Kult um die Einsamkeit und Weltabgeschiedenheit. Sie sahen in der Einsamkeit ein charakteristisches Wesensmerkmal des künstlerischen Menschen. Denn nur in der Absonderung von der Welt finde der Künstler die Schärfung und Erweiterung seiner Sinne, die für den Schaffensprozess nötig seien. Eine typische Figur der romantischen Literatur ist bezeichnenderweise der Wanderer? (z. B. Ludwig Tiecks? „Waldeinsamkeit“, 1796), der einsam durch Wald und Wiesen streift und über sein Verhältnis zu Gott und der Welt nachdenkt.

Foto: Angelika Lutz/ www.pixelio.de.

Die moderne Einsamkeit: eisig und ausweglos

Die von den Romantikern kultivierte Sicht auf das Thema war prägend für die nachfolgenden Literatur-Epochen, ihr Einfluss lässt sich bis in die Gegenwart nachweisen. Eine folgenschwere Erweiterung erfuhr das Thema jedoch Ende des 19. Jahrhunderts: In der modernen Literatur löste sich die positive Sicht auf die Einsamkeit, wie sie von Antike, Mittelalter?, Renaissance? und Romantik tradiert worden war, zusehends auf. An ihre Stelle trat die moderne Einsamkeit.

Die moderne Einsamkeit (oft sprach man nun auch von Isolation) war eisig, ausweglos und grundsätzlich. Die moderne Einsamkeit ist keine freiwillige und genussvolle mehr, die der Vervollkommnung des Menschen dient, sondern eine leidvolle und erzwungene, die den Figuren von außen – oft von unbekannter Instanz – auferlegt wird (z. B. Rainer Maria Rilke „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, 1910; Frank Kafka „Der Prozess“, 1925).

Ende der Isolation?

Während des Zweiten Weltkriegs griffen französische Existenzialisten? das Thema auf, allen voran Albert Camus (z. B. „Der Fremde“, 1942). Sie blieben der modernen Einsamkeits-Konzeption treu und zeigten Figuren, die isoliert von ihrer Umwelt leben und den Zustand der Kontaktlosigkeit nicht überwinden. Die innere Leere der Figuren spiegelt meist die Leere der Welt. Auch das absurde Theater fand in der Einsamkeit ein zentrales Thema. Zu Weltruhm gelangten die Stücke von Samuel Beckett? (z. B. „Warten auf Godot“, 1952), die den Schrecken der Einsamkeit durch absurden Witz mildern.

In Deutschland bekam das Thema nach dem Zweiten Weltkrieg eine politisch-ökonomische Dimension. Die Einsamkeit der Figuren war nun oft eine Folge von ungerechten Gesellschaftsverhältnissen (z. B. Günter Wallraff? „Ihr da oben, wir da unten“, 1975). Das bedeutete auch – im Gegensatz zur modernen und existenzialistischen? Einsamkeit –, dass die Veränderung der politischen und sozialen Situation vielleicht auch die Isolation der Figuren beendet.

In der Gegenwartsliteratur dominieren von privaten Unpässlichkeiten hervorgerufene Einsamkeits-Darstellungen, oft in Verbindung mit der Stadt?- und Berlin-Thematik, z. B. Judith Hermann „Sommerhaus, später“ (1998).

Literatur

  • Die Einsamkeit in der Literatur
  • Mann, Thomas: Der Tod in Venedig. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1998, ISBN: 978-3596112661
  • Trakl, Georg: Fünfzig Gedichte. Reclam Verlag, Ditzingen 2001, ISBN: 978-3150181324
  • Wolfe, Thomas: Schau heimwärts, Engel. Btb Verlag, München 2011, ISBN: 978-3442742554

Sekundärliteratur

  • Csordas, Eniko: Motiv der Einsamkeit in der deutschsprachigen autobiographischen Literatur der 70er und beginnenden 80er Jahre des 20. Jahrhunderts. Logos Verlag, Berlin 2008, ISBN: 978-3832518363
  • Gösweiner, Friedrike: Einsamkeit in der jungen deutschsprachigen Literatur der Gegenwart. Studienverlag, Innsbruck 2010, ISBN: 978-3706548809


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