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Emerichs Nachlass

von
Axel Kuhn

Ein Leser, der sich nicht für Politik interessiert, wen Bob Dylan und Pink Floyd nicht berühren, wem gutes Essen und Literatur unvereinbare Bereiche sind, und vor allem: wem der Dichter Hölderlin gleichgültig ist - dem wäre leider nicht zu helfen. Für ihn bleibt zwar ein verwickelter Kriminalfall übrig, aber er würde sich oft fremd fühlen in diesem Roman, sofern er nicht offen ist für all diese Entdeckungen, die außerhalb seiner kulturellen Erlebniswelt liegen. Der Leser aber, der diese Offenheit mitbringt oder gar den genannten Aspekten nahesteht, der bekommt mit "Emerichs Nachlass" von Axel Kuhn einen rasanten Krimi serviert, wie es ihn so wohl noch nicht oft gegeben hat.

Das muss ein Autor erst mal können: einen zwar gewagten, aber sinnvollen Bogen zu schlagen zwischen Ereignissen, die rund zweihundert Jahre auseinander liegen, und neben einem aktuellen Todesfall, Ehebruch und Eifersucht, internationalem Waffenhandel und darin verstrickten bundesdeutschen Politikern und Geschäftsleuten zugleich die Lektüre von Hölderlingedichten anzuregen und einen essayistischen Beitrag zur Hölderlin-Forschung zu liefern, zu der Frage nämlich, ob Hölderlin ein politischer Dichter gewesen sei, ein Anhänger der Französischen Revolution.

Dass dieses kühne Amalgam gelingt, ist Axel Kuhns Leistung. Und sie ist geglückt. Zunächst weil der Autor als Professor für Neuere Geschichte an der Universität Stuttgart einen komplexen Sachverhalt solide und stimmig durchdenken kann, als Historiker ohnehin ein Verwandter des Kriminalisten ist. Die innere Logik der Handlung stimmt und die Rahmenbedingungen (politische und historische Verhältnisse, die Örtlichkeiten), in denen sich der fiktive Fall abspielt, sind korrekt recherchiert. Darüberhinaus aber ist Axel Kuhn ein guter Schriftsteller. Die Dialoge, gewitzt und hintergründig, sind geradezu "drehbuchreif", Personenzeichnung und Ortsschilderungen beweisen einen präzisen Blick, mit subtilem Gespür fürs Satirische.

Reizvoll spielt Kuhn mit den Perspektiven. Die Geschehnisse werden wechselnd aus dem Blickwinkel von zwei Protagonisten erzählt, dadurch weiß der Leser mal mehr, mal weniger als die jeweilige Figur. Der eigentliche "Held", Professor Andreas Franck (Historiker!), ist der zweiten Hauptfigur, Kriminalkommissar Neumann, charakterlich nicht unähnlich, sie sind sich deshalb auch sympathisch, von Berufs wegen sind sie aber auch Gegenspieler, die sich schließlich ergänzen.

Diese Rivalität zwischen berufsmäßigem und privatem Ermittler (wobei sich die intellektuelle Überlegenheit des privaten erweist) ist auch ein Spielen mit den Mustern des Genres, wie auch die Denksportaufgabe des komplizierten Kommens und Gehens im Mordhaus oder die geradezu parodistische Showdownszene im Friedhof mit Rettung in letzter Sekunde.

Dass der Roman zugleich ganz nebenbei auch einen Ausschnitt der Kneipenszene Stuttgarts beleuchtet, ein Seelenbild eines (gemäßigt linken) Intellektuellen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts liefert, einschließlich der Schwierigkeiten, aber auch des begrenzten möglichen Glücks in der Beziehung der Geschlechter, das sei hier nur angedeutet.

"Emerichs Nachlass" von Axel Kuhn erfüllt in erfreulichster Weise die klassische Forderung des "prodesse et delectare", nämlich "nützen und erfreuen". Wem das "Nützen" zu viel ist und wer das nicht wissen will, was ihm der Roman ganz unangestrengt an Sach- und Weltkenntnis vermittelt und als Angebot zum Weiterlesen bietet (Hölderlin!), dem wäre leider wirklich nicht zu helfen.

Literaturangaben:

  • Kuhn, Axel: Emerichs Nachlass, swb-Verlag, Stuttgart 2007, ISBN 978-3938719756


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