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Erzählzeit - Erzählte Zeit

Erzählzeit ist ein Fachbegriff aus der Literaturwissenschaft. Man bezeichnet damit die Zeit, die zum Lesen eines Buches oder zum Erzählen einer Geschichte benötigt wird. Demgegenüber umfasst die erzählte Zeit alle Zeiträume, von denen z. B. in einem Roman erzählt wird.

Definition

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Erzählzeit ist ein Fachbegriff aus der Literaturwissenschaft. Als Erzählzeit bezeichnet man die zum Lesen eines Buches oder zum Erzählen einer Geschichte benötigte Zeit. Das bedeutet, dass die Erzählzeit von der Lesegeschwindigkeit des Lesers abhängig ist und demnach von Person zu Person variieren kann. Um trotzdem Angaben über die „Dauer“ eines Buches machen zu können, weisen z. B. Literaturzeitschriften? oder Buchverlage immer auf die Zahl der Seiten? hin. So weiß dann der Leser, wie viel Zeit er (ungefähr) zum Lesen des Buches einplanen sollte. Als synonyme? Begriffe werden häufig auch Bezeichnungen wie Lesezeit, Vorlesezeit oder Textzeit verwendet.

Im Unterschied zur Erzählzeit umfasst die erzählte Zeit alle Zeiträume, von denen z. B. in einem Roman erzählt wird. Das Verhältnis von Erzählzeit zur erzählten Zeit ist in der Epik grundlegend für den Aufbau eines Werkes und ausschlaggebend für die stilistischen Mittel, die der Schriftsteller zum Erzählen verwendet. Am häufigsten ist zeitraffendes Erzählen? – hier verwendet der Autor relativ wenig Erzählzeit für die Schilderung längerer Geschehnisfolgen, was der Leser z. B. an Zeitsprüngen, Auslassungen, Rückblenden oder Raffungen erkennen kann. In Homers „Odyssee“ (um 700 v. Chr.) oder Joseph Roths „Radetzkymarsch“ (1932) ist die Zeit, die der Leser zur Aufnahme des Textes braucht, viel geringer als die erzählte Zeit, die sich über viele Jahre erstreckt. Das Verhältnis kann aber auch genau umgekehrt sein – wie z. B. in Melchior Vischers? Roman „Sekunde durch Hirn“ (1920), in dem die erzählte Zeit nur eine Sekunde lang dauert, der Leser mit dem Buch jedoch bedeutend länger beschäftigt ist.

In der zeitgenössischen Literatur trifft man immer häufiger zeitdeckendes Erzählen? an – hier wird eine Übereinstimmung von Erzählzeit und erzählter Zeit angestrebt. Beliebte Mittel des zeitdeckenden Erzählens? sind szenische Darstellung?, direkte Rede? oder Bewusstseinsstrom. Es kann auch vorkommen, dass der Autor die erzählte Zeit bei gleichzeitigem Fortgang der Erzählzeit unterbricht, um Erörterungen oder Reflexionen? in den Text einzuschieben. In diesem Fall spricht man von Zeitdehnung.

Foto: Bernd Boscolo / pixelio.de

Literatur

  • Homer: Odyssee. München, dtv 2002, ISBN: 978-3423130004
  • Roth, Joseph: Radetzkymarsch. München, dtv 1998, ISBN: 978-3423124775
  • Tellkamp, Uwe: Der Turm. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag 2008, ISBN: 978-3518420201

Sekundärliteratur

  • Fludernik, Monika: Erzähltheorie. Eine Einführung. Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2007, ISBN: 978-3534215416
  • Steinecke, Hartmut / Wahrenburg, Fritz: Romantheorie. Texte vom Barock bis zur Gegenwart. Ditzingen, Reclam Verlag 1999, ISBN: 978-3150180259
  • Wagner, Karl: Moderne Erzähltheorie. Grundlagentexte von Henry James bis zur Gegenwart. Stuttgart, UTB 2002, ISBN: 978-3825222482

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