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Hungertuch

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Im Jahr 2001 wurde mit dem „Hungertuch“ von Ulrich Peters ein Künstlerpreis gestiftet, der in den zehn Jahren seinen Bestehens von Künstlern an Künstler verliehen wird. Es gibt im Leben unterschiedliche Formen von Erfolg. Zum einen gibt es die Auszeichnung durch Preise und Stipendien, zum anderen die Anerkennung durch die Kolleginnen und Kollegen. Letzteres manifestiert sich in diesem Künstlerpreis.

Einen „Kunstpreis der anderen Art“ kündigte Peters im Jahr 2001 an: „In Zeiten knappen öffentlichen Geldes müssen oft Mäzene einspringen, um den maroden Kulturbetrieb am Laufen zu halten. Doch mit zunehmendem Selbstbewusstsein der Spender treten neue Probleme auf. Was tun, wenn der Geber sich zu viel herausnimmt?
Widrigste Erfahrungen mit Mäzenatentum haben in den letzten Jahren die Museen gemacht. Wenn eigensinnige Sammler immer neue Raumansprüche stellen, Bauauflagen und Ausstellungsvorgaben machen, geraten Kuratoren in Schwierigkeiten.
Mäzene sind selbstbewußter geworden, und auch machtbewusster. Mancher begnügt sich nicht mehr mit der Münze bürgerlicher Reputation, mit der die Gesellschaft ihm zurückzahlt. Nur wenige sehen davon ab, mit den Künsten auch ihre persönlichen Werte zu befördern. Die Frage ist, wie direkt das geschieht. Die Frage ist allerdings auch, was dem autokratischen oder neoliberalen Wunsch der Spender entgegengesetzt wird.
Die reine Lehre von der künstlerischen Autonomie allein kann es nicht sein. Die Unabhängigkeit der Inhalte schützt am besten, wer sich tatsächlich um die Inhalte kümmert.“

Warum diese Neueinführung eines künstlerischen Preises angesichts einer Fülle bereits existierender Auszeichnungen auf dem Kunst- und Literatursektor?

Die Titulierung „Das Hungertuch“ erscheint in diesem Zusammenhang aufschlussreich zu sein. Assoziationen aus dem ursprünglich religiösen Kontext, in dem der Begriff das mittelalterliche Fastentuch definiert, was den Altar in der Kirche während der Fastenzeit verhüllte und auf diese Weise dem Anblick der Gläubigen entzog, stellen sich ebenso ein wie Anklänge an Kafkas „Hungerkünstler“(1924) im literarischen Bereich. Da nimmt der Gedanke Gestalt an, dass der Text - in seiner originären, lateinischen Bedeutung verstanden – ein Gewebe ist, eine kunstvolle Verflechtung von Sprache.

Allgemeiner gesagt: Jede künstlerische Äußerung, ob in der Literatur, Musik oder der bildenden Kunst, gestaltet ein Gewirk mit einer bestimmten Struktur – der Maler Paul Klee (1879-1940) spricht in diesem Zusammenhang vom Prozess des „Zerwirkens“ - deren Sinn es zu decodieren und damit zu verstehen gilt.
In der Annahme, dass das menschliche Verhältnis zur Welt, als ein Bezugsgeflecht aufzufassen ist, versucht der Künstler gerade eben dieses Netz von Kontexten und voneinander dependenten Relationen in einen künstlerischen Mikrokosmos zu transformieren. „Wir sehen ein kompliziertes Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen“, wie es der Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein (1889-1951) formuliert.

Der Kunstschaffende wird zu einem Demiurgen, der ein Abbild von Welt, eine Transfiguration von Sein erschafft. Dementsprechend sagte der Künstler Balthus (1908-2001) einmal : „ Quand je peins, je n’essaie pas de m’exprimer, mais plutôt d’exprimer le monde.“ Das Kunstwerk der Moderne - in seinem höchsten Anspruch einen Status von universaler Gültigkeit aufzuweisen – wird zu einem Träger von Wahrheit, in Substitution einer Wahrheit, die früher der Gläubige unter Bedingungen eines geschlossenen Weltbildes im Heil der Religion fand.

Was bedingt dies aber seitens des Künstlers?

Er muss zum Seismographen und Übersetzer existentieller Vorgänge werden und eine Sprache der selbstlosen, uneitlen Angemessenheit entwickeln. 
Dem wahrhaftigen Kunstschaffenden ist dies eine Angelegenheit von großem Ernst, weil es bedingt, dass man fernab von schnelllebigen Moden, Trends und jeglicher Effekthascherei einen Ausdruck der Authentizität, der Aufrichtigkeit lebt und in der Kunst realisiert, den man vor sich selbst verantworten kann, weil er einem Ideengehalt Gestalt verleiht, der frei von der Konvention, vom Missbrauch durch Ideologien und materielle Instrumentalisierung besteht. In Anlehnung an den Kafkaschen „Hungerkünstler“(1924) hinsichtlich der Ausrichtung des Lebensprozesses nach dem Absolutheitsanspruch der Kunst, wird deutlich, dass dieses Ringen nach Wahrhaftigkeit im Ausdruck ein die Anstrengung aller Kräfte erforderndes, von Askese geprägtes Unterfangen darstellt.

Als Ersatz für die Deutung von Welt, die der von existentiellem Seelenhunger gepeinigte Mensch früher in der Religion und ihren Gott verherrlichenden Werken erblickte, schlüpft der Künstler der Moderne in die Rolle des „homo novus“ und wird zu einem Schillerschen Jüngling, der in seinem Schöpfertum den Schleier der Wahrheit vom verhüllten Bild zu Sais lüftet. Damit wird die sakrale Dimension, die die Kunst als Substitut innerhalb einer materiellen, profanisierten Welt in Form von Transformation ewiger, unveränderlicher Lebensprozesse übernimmt, angedeutet. Unweigerlich wird in diesem Zusammenhang der berühmte Satz des André Derain (1880-1954) lebendig: „Nous ne peignons aujourd’hui que pour retrouver les secrets perdus.“

Dabei entfällt angesichts einer komplexen Daseinserfahrung, die als Fragment erlebt wird, der Anspruch der Ganzheitlichkeit, auf allgemein verbindliche Wahrheiten. Kunst als Metamorphose einer entzauberten, aber nichts desto trotz für den Menschen verwirrenden Realität, wird zu einem Analogon, zu einer Transskription von Aspekten von Welt, indem sie abbreviaturartig, essentielle Fragen des Seins aufwirft, in der heutigen Zeit erscheint dies sogar notwendiger denn je zu sein.

Die Sprache ist die stärkste Klammer, die uns zusammenhält. Ein starker Zusammenhalt angesichts der Vielfalt der geäußerten Ansichten über Sinn und Zweck des künstlerischen und kulturellen Lebens. Kants Kritik der Vernunft muß im 21. Jahrhundert zu einer Kritik der Kultur werden. Es liegt nicht ausschließlich an den Artisten, sie aber müssen gegen den Nivellierungstrend andere Maßstäbe setzen. Künstler wie Barbara Ester, Tom Täger, Peter Meilchen, Tom Liwa, Haimo Hieronymus, Manuel Quero, Almuth Hickl, Holger Benkel, Katja Butt, Pia Lund, A.J. Weigoni, Thomas Suder, Peter Engstler, Woon–Jung Chei, Denise Steger, Joachim Paul und Eva Kurowski pflegen die Kunst des Möglichen – desjenigen Möglichen, das Wirklichkeit werden kann.

Bei aller Abgeklärtheit und Reife sind diese Artisten ein Leben lang Wahrnehmende mit der Fähigkeit, das Wunderland des Konkreten täglich neu zu entdecken: kommunikativ, intellektuell, kreativ, emotional. Wie die Forschung sind sie bereichernd für die subjektive Entwicklung und für die Visionskraft der Gemeinschaft. Sie führen eine Debatte für die gesellschaftliche Wertschätzung der Arbeit von Künstlerinnen und Künstlern – auch und gerade dann, wenn die Ergebnisse unbequem sind und uns herausfordern, irritieren oder schockieren.

Sekundärliteratur

  • Dokumentation zum Künstlerpreis mit einem Originaldruck von Haimo Hieronymus, Edition Das Labor, Mülheim 2011

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