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Ich-Erzählperspektive

Der Ich-Erzähler macht sich selbst zum Gegenstand des Erzählens. Er ist in der ersten Person der Grammatik in der Erzählung anwesend – was zur Folge hat, dass der Erzähler für den Leser als Person greifbar ist. Man unterscheidet zwischen personaler Ich-Form und auktorialer Ich-Form.

Definition

In der modernen Literaturwissenschaft gibt es vier verschiedene Erzählperspektiven. Eine davon ist die Ich-Perspektive, die bei Schriftstellern? aller Epochen sehr beliebt war – und übrigens auch noch bis heute ist. Daneben stehen die auktoriale, personale und neutrale Erzählperspektive.

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Es gibt eine Reihe typischer Merkmale, die die Ich-Form von den anderen Erzählperspektiven unterscheidet. Der Ich-Erzähler macht sich selbst zum Gegenstand des Erzählens. Er ist in der ersten Person der Grammatik in der Erzählung anwesend. Das hat den schönen Effekt, dass der Erzähler für den Leser als Person greifbar ist. Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom ‚emotionalen Erzählen in Lesernähe’.

Das kann ganz angenehm sein – vorausgesetzt, dass es sich beim Ich-Erzähler um einen sympathischen Zeitgenossen handelt. Aber man sollte nicht blind darauf vertrauen, denn auch düstere Ekelpakete haben mitunter die eine oder andere spannende Geschichte zu erzählen und halten sich dabei gerne in Lesernähe auf …

Die Greifbarkeit des Erzählers bedeutet aber nicht, dass auf diese Weise auch der Autor greifbar wird. Denn Autor und Erzähler dürfen nicht gleichgesetzt werden. Der Rückschluss vom Ich-Erzähler auf die Biographie des Autors ist vielmehr ein Irrtum, in den allerdings Leser zuweilen gern verfallen, weil sie sich wünschen, etwas von einem bewunderten Autor selbst zu erfahren.

Foto: Sabine B. / pixelio.de

Personale und auktoriale Ich-Fom

Der Ich-Erzähler muss auch nicht unbedingt die Hauptfigur der Geschichte sein. Er kann auch einfach nur über andere Personen berichten, z.B. in der Rolle des Beobachters oder Chronisten? (personale Ich-Form). Und jetzt kommt etwas ganz Entscheidendes: Egal ob der Ich-Erzähler als Hauptfigur, Beobachter oder Chronist auftritt, er war oder ist immer Bestandteil der fiktionalen Welt. Das unterscheidet ihn vom auktorialen Erzähler, der seinen Platz ja außerhalb der fiktionalen Welt hat. Das Blickfeld des Ich-Erzählers ist stark eingegrenzt, das bedeutet, dass er nicht in andere Figuren hineinblicken kann – er muss sich also mit der so genannten Außensicht zufrieden geben.

Umgekehrt hat er jedoch die Möglichkeit, dem Leser eine sehr intensive Innensicht der eigenen Person zu bieten. Schließlich weiß er ja am besten, wie es in ihm aussieht, was er mag, was ihn beschäftigt, was er mit seinem Leben noch so alles anstellen möchte (auktoriale Ich-Form). Man kann außerdem sagen, dass sich die Ich-Perspektive an nichtfiktionale Gebrauchsformen der Literatur wie die Autobiographie, Memoiren?, Tagebuch oder Brief? anlehnt.

Check-Liste

Wer nun so richtig Lust und Laune bekommen hat, z.B. die Erzählperspektive in Leo Perutz’ Roman „St. Petri-Schnee“ zu bestimmen, der kann sich dabei an der folgenden Checkliste orientieren. Einen Ich-Erzähler erkennt man unter anderem an den folgenden charakteristischen Merkmalen:

  • Die erste Person Singular wird durchgängig gebraucht.
  • Der Ich-Erzähler hat seinen Platz innerhalb der fiktionalen Welt.
  • Der Ich-Erzähler zeigt eine starke emotionale Beteiligung am Geschehen.
  • Das Blickfeld des Ich-Erzählers ist auf die Innensicht der eigenen Person begrenzt. Er beschreibt Bewusstseinsabläufe, Gedanken, Stimmungen der Ich-Figur.
  • Andere Figuren können nur von außen beschrieben werden. Informationen über ihr Innenleben sind meistens bloße Vermutungen oder müssen irgendwie verbürgt sein.

P.S. 1

  • Und immer dran denken: Der Autor ist nicht mit dem Erzähler identisch!

P.S. 2

  • Und nicht vergessen: Die Erzählperspektive kann jederzeit wechseln! Weil ein Buch in der Ich-Perspektive beginnt, bedeutet das noch lange nicht, dass es bis zur letzten Seite? aus dieser Perspektive geschrieben ist.

Literatur

  • Grimmelshausen, Hans Jakob Christoffel von: Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch. Ditzingen, Reclam Verlag 1979, ISBN: 978-3150007617
  • Hemingway, Ernest: In einem anderen Land. Reinbek, Rowohlt Verlag 1999, ISBN: 978-3499226021
  • Perutz, Leo: St. Petri-Schnee. München, dtv 2005, ISBN: 978-3423134057

Sekundärliteratur

  • Damm, Anna: Leo Perutz. Sankt Petrie Schnee – Erzählperspektive und Wahrheitsfindung. München, Grin Verlag 2005, ISBN-10: 3638470407
  • Jeßing, Benedikt / Köhnen, Ralph: Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft. Stuttgart, Metzler Verlag 2007, ISBN: 978-3476021427
  • Stanzel, Franz K.: Theorie des Erzählens. Stuttgart, UTB 2002, ISBN: 978-3825209049

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