Hauptseite | Literatur | Gattung | Epik | Innerer Monolog


Innerer Monolog

Der innere Monolog ist ein literarisches Stilmittel, das die Bewusstseinsinhalte einer Figur unmittelbar wiedergibt. In den großen modernen Romanen von James Joyce, Alfred Döblin und Virginia Woolf ist der innere Monolog ein wesentlicher Bestandteil.

Definition

http://www.buecher-wiki.de/uploads/BuecherWiki/th120---ffffff--masken_manfred_blanck-pix.jpg.jpg

Der innere Monolog ist eine literarische Erzähltechnik, die den Bewusstseinszustand einer Figur – das heißt vor allem: ihre Empfindungen, Wahrnehmungen, Gedanken – unmittelbar wiedergibt. Charakteristisch für dieses Stilmittel ist, dass die verschiedenen Bewusstseinsinhalte gleichberechtigt sind - daraus folgt, dass sie oft völlig zusammenhangslos nebeneinander stehen. Erst der Leser sorgt mit seiner Interpretation der Vorgänge für eine zeitliche, räumliche, intellektuelle und – in vielen Fällen – auch moralische Einordnung.

Der innere Monolog ist kennzeichnend für die fortschrittliche Literatur des 20. Jahrhunderts, besonders für den modernen Roman. In der Lyrik spielt diese ihrem Wesen nach epische Erzähltechnik keine Rolle. Als wichtige Voraussetzung für den inneren Monolog gilt eine moderne, großstädtische Lebenswelt, die sich im schwankenden Innern der Figuren spiegelt. Die Figuren leiden häufig an einem doppelten Konflikt: Zum einen ist ihre Identität amorph und ständig bedroht, zum anderen erkennen sie auch in der sie umgebenden Gesellschaft kein geschlossenes Ganzes mehr.

Foto: Manfred Blanck/Pixelio.de

Reden ohne Punkt und Komma

http://www.buecher-wiki.de/uploads/BuecherWiki/th128---ffffff--joyceballonmuetze-sv.jpg.jpg

In formaler Hinsicht fällt zudem auf, dass die Erzählzeit länger ist als die erzählte Zeit: Autoren wie James Joyce oder Alfred Döblin schildern über viele Seiten, was ihren Figuren im Bruchteil einer einzigen Sekunde durch den Kopf geht. Das kann sehr viel, aber zugleich auch enorm widersprüchlich sein: z. B. Angst, Freude, Wut, Sehnsucht, Hunger, Müdigkeit. Um diese Gleichzeitigkeit darzustellen, verwenden viele Autoren die Simultantechnik?, die ebenfalls als ein Merkmal des modernen Romans gilt. Die Syntax ist zudem häufig aufgelöst: Im inneren Monolog reden bzw. denken die Figuren dann ohne Punkt und Komma; Sätze werden begonnen, aber nicht beendet; es kommt zu Wiederholungen, Ausrufen, Flüchen usw.

Der innere Monolog ist mit der erlebten Rede? und dem Stream of Consciousness (Bewusstseinsstrom) verwandt: Die erlebte Rede? ist als episches Stilmittel schon in der antiken und mittelalterlichen? Literatur bekannt, der innere Monolog ging schließlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Stream of Consciousness auf. Beide Begriffe, innerer Monolog und Stream of Consciousness, werden heute häufig synonym? verwendet – was jedoch nicht richtig ist, denn der innere Monolog ist lediglich ein Vorläufer des Stream of Consciousness. Vergleicht man diese beiden Erzähltechniken, dann erscheint der innere Monolog als die klassische, aus heutiger Sicht weniger avantgardistische? Variante. In der Praxis ist es jedoch häufig schwierig, beide Techniken voneinander zu unterscheiden. Am besten behilft man sich damit, einen Blick auf die Entstehungszeit des Romans zu werfen: Stammt der Roman aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, handelt es sich bei den entsprechenden Textstellen höchstwahrscheinlich um einen inneren Monolog; stammt der Roman aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, hat man es wohl mit einem Bewusstseinsstrom zu tun.

Entstehung

Schon im späten 19. Jahrhundert gab es erste literarische Experimente mit dem inneren Monolog. Zu nennen sind hier vor allem die naturalistisch getönten Werke? von Édouard Dujardin? („Les Lauriers sont coupés“, 1888) und Hermann Conradi? („Adam Mensch“, 1889), die sich der neuen Erzähltechnik behutsam annäherten. Daran anknüpfend, verwendete Arthur Schnitzler? in seiner Erzählung „Leutnant Gustel“ (1901) den inneren Monolog als einer der ersten Autoren konsequent – damit eröffnete er der Literatur des 20. Jahrhunderts neue, in ihrer revolutionären Auswirkung nicht zu überschätzende Entfaltungsmöglichkeiten.

Entwicklung

http://www.buecher-wiki.de/uploads/BuecherWiki/th128---ffffff--woolf_virginia_george_charles_beresford_1902_wikipedia.jpg.jpg

In den großen modernen Romanen von James Joyce („Ulysses“, 1922), Virginia Woolf („Mrs Dalloway“, 1925), Marcel Proust („Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, 1913-1927), Alfred Döblin („Berlin Alexanderplatz“, 1929), Hermann Broch („Die Schlafwandler“, 1930-1932) und Thomas Mann („Lotte in Weimar“, 1939) erlebte der innere Monolog seine künstlerische Vollendung. Der innere Monolog erfüllte in diesen Büchern vor allem die Aufgabe, dem Leser Einblicke in die tieferen, oft verborgenen Schichten des menschlichen Bewusstseins zu gewähren. Die Psychoanalyse Sigmund Freuds inspirierte die Autoren dabei maßgeblich.

Von diesen Klassikern der modernen Literatur ausgehend, entfaltet der innere Monolog bis heute seine einzigartige künstlerische Wirkung. Unverändert dient er dabei meist dem Versuch, Unbewusstes, Verdrängtes und Tabuisiertes darzustellen. Diese Bewusstseinsinhalte gelangen – wie im wirklichen Leben – auch in der Welt der Literatur nur äußerst selten durch die Rede von Figur zu Figur an die Oberfläche. Auch andere Medien?, wie z. B. Film und Hörspiel, haben den inneren Monolog inzwischen in ihr stilistisches Repertoire aufgenommen – wo er nun gleichfalls als Ausdruck einer modernen, problembewussten Kunstauffassung gilt.

Foto: Wikipedia.org

Literatur

  • Döblin, Alfred: Berlin Alexanderplatz. Dtv, München 1997, ISBN: 978-3423002950
  • Joyce, James: Ulysses. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006, ISBN: 978-3518458167
  • Mann, Thomas: Lotte in Weimar. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1990, ISBN: 978-3596294329

Sekundärliteratur

  • Eroms, Hans-Werner: Stil und Stilistik. Eine Einführung. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2007, ISBN: 978-3503098231
  • Habermalz, Sabine: Nähesprache. Mündliche Strukturen in James Joyces Ulysses. Tectum Verlag, Marburg 1999, ISBN: 978-3828880559
  • Schröder, Malte: Leutnant Gustl. Der innere Monolog im Zeichen der Psychoanalyse. Grin Verlag, München 2010, ISBN: 978-3640586042


Hauptseite | Literatur | Gattung | Epik | Innerer Monolog




FacebookTwitThis
Pin ItMister Wong
RSS-Feed RDF-Feed ATOM-Feed

schliessen