Hauptseite | Literatur | Rezeption | Interpretation


Interpretation

Als Interpretation bezeichnet man das Verstehen und Deuten von literarischen Werken?. Seit der Antike verfügen die Philologen? über ein vielfältiges Instrumentarium zur Interpretation von Texten: Einen Überblick über die wichtigsten Methoden gibt es im folgenden Artikel.

Definition

http://www.buecher-wiki.de/uploads/BuecherWiki/th128---ffffff--conrad_von_soest_brillenapostel_1403.jpg.jpg

Interpretation (lat. Erklärung, Auslegung, Deutung) nennt man in der Literaturwissenschaft das Verstehen und Deuten von literarischen Werken. Viele Romane, Dramen und Gedichte versteht man meist nicht auf Anhieb. Sie haben eine komplexe Struktur und fordern die analytische Leistung der Leser in besonderer Weise heraus. Interessant ist, dass der Akt des Interpretierens einsetzt, sobald der Leser mit der Lektüre eines Textes beginnt. Man spricht in diesem Fall von "unwillkürlicher Interpretation" und bezeichnet damit den permanenten subjektiven Versuch des Lesers, das Gelesene mit früheren Lektüreerlebnissen zu verknüpfen und mit persönlichen Lebenserfahrungen in Beziehung zu setzen.

Im Gegensatz zur "unwillkürlichen Interpretation" steht die "methodische Interpretation", wie sie an Schulen und Universitäten sowie von der Literaturkritik in den Medien praktiziert wird. Die Interpreten müssen Aussagen in mehreren Schichten des Textes entdecken und sie in einen argumentativen Zusammenhang setzen. Die Kunst besteht darin, auch die verborgenen Schichten des Textes zu erfassen und sie in die Interpretation einzubeziehen. Schwierig wird es immer dann, wenn literarische Texte sogenannte Leerstellen aufweisen – das sind Textabschnitte, in denen die Aussage durch den Autor unausgesprochen bleibt und erst aktiv durch den Leser hergestellt werden muss. Vor allem moderne Texte sind reich an Leerstellen und lassen dem Leser viel Platz für eigene kreative Interpretationsversuche.

Viele Literaturwissenschaftler? sind übrigens der Ansicht, dass es sich bei der Interpretation von literarischen Texten um einen Vorgang handelt, der niemals abgeschlossen werden kann. Dieses Phänomen wird damit erklärt, dass jedes literarische Werk? in historisch wechselnden Umgebungen und mit der Beteiligung jedes einzelnen Lesers stets neue Bedeutungen hervorbringt. Wer also im 18. JahrhundertDie Leiden des jungen Werthers?gelesen hat, tat das vermutlich mit einer anderen Wahrnehmung sowie mit anderen Gedanken und Gefühlen als ein moderner Leser und kam folglich auch zu anderen Interpretationsergebnissen.

Entstehung

Bereits die antiken Philosophen? besaßen ein komplexes Instrumentarium, mit dessen Hilfe sie literarische, religiöse und historische Texte interpretierten. Eine besondere Bedeutung fiel dabei der Allegorese? zu, die hinter dem Wortsinn eine verborgene Bedeutung aufzeigt und damit der wörtlichen Interpretation entgegengesetzt ist (vgl. den Wiki-Artikel Allegorie). Ausgehend von der Allegorese?, entwickelten die Schriftgelehrten des Mittelalters? die Lehre vom mehrfachen Schriftsinn – wobei die Interpretation von christlichen Texten und Quellen? im Mittelpunkt stand. Im Humanismus? kamen neue Hilfsdisziplinen dazu, wie z. B. Grammatik, Lexikographie?, antiquarische Forschung.

Den nächsten großen Entwicklungsschritt brachte das 19. Jahrhundert, als die Philologie unter den Einfluss der Naturwissenschaften geriet und sich die historisch-kritische Literaturwissenschaft herausbildete. Rückblickend spricht man deshalb von einem positivistischen Interpretationsmodell, das sich zunehmend auch biographischer Daten und historischer Quellen bediente. Das 20. Jahrhundert war geprägt von einem unübersehbaren Methodenpluralismus: Besonders einflussreich im Hinblick auf die Interpretationsmodelle der Gegenwart waren die marxistische Literaturtheorie, der amerikanische New Criticism? und der russische Formalismus?.

Die wichtigsten Interpretationsmethoden

Die Interpretation eines literarischen Textes erfordert zunächst eine gründliche Textuntersuchung?, erst danach kann mit der Deutung begonnen werden. Es ist ratsam, die Textuntersuchung schriftlich festzuhalten. Sie besteht aus folgenden Punkten: 1. Spontane Leseerfahrung, 2. Inhaltsangabe, 3. Textbeschreibung, 4. Zentrale Textstellen, 5. Unverständliche Textstellen, 6. Abschließende Leseerfahrung – erst danach sollte man mit der Interpretation beginnen.

Überblick

Die wichtigsten Interpretationsmethoden sind:

  • werkimmanente Interpretation

Die Interpretation bleibt innerhalb der Grenzen des Textes und versucht den Text aus sich selbst heraus zu verstehen. Hintergrundinformationen wie Biographie des Autors, historische Bezüge und Epochenmerkmale werden ausgeklammert. Die werkimmanente Methode gilt als Grundlage jeder weiterführenden Interpretation.

  • biographische Interpretation

Die Interpretation wertet die Biographie des Autors aus und untersucht, ob und wie Lebenserfahrungen die Themenwahl und die Darstellungsweise beeinflusst haben.

  • psychoanalytische Interpretation

Die Interpretation geht davon aus, dass dem Schreiben psychische Prozesse zugrunde liegen und daher die Literatur mit psychologischen Theorien untersucht werden kann. Gesucht wird nach den Spuren des Unbewussten in literarischen Texten. Besonders die Psychoanalyse hat viel zu dieser Form der Interpretation beigetragen.

  • literaturgeschichtliche Interpretation

Die Interpretation geht der Frage nach, ob und wie ein Autor vom Epochenstil (z. B. Barock?, Romantik, Expressionismus) beeinflusst worden ist. Man kann zu Aussagen darüber gelangen, ob ein Autor seiner Zeit voraus war oder ob er den vorherrschenden Stil nachgeahmt hat.

  • rezeptionsästhetische Interpretation

Die Interpretation untersucht das Verhältnis zwischen einem literarischen Text und seinen Lesern, den sogenannten Rezipienten. Man kann z. B. feststellen, ob die Leserreaktionen einem zeitbedingten Wandel unterlagen und ob ein Unterschied zwischen Geschlecht oder sozialer Herkunft besteht.

  • kritisch-hermeneutische Interpretation

Die Interpretation ist eine Verbindung der bisher genannten Methoden und kann als Verschmelzung zwischen dem Entstehungshorizont eines literarischen Werkes? und dem Erfahrungshorizont, den der Leser mitbringt, beschrieben werden. Hermeneutik? bedeutet "Lehre vom Verstehen", der Philosoph Hans-Georg Gadamer? prägte im 20. Jh. den Begriff der "Horizontverschmelzung". In den Entstehungshorizont eines Werkes fließen die gesellschafts- und geistesgeschichtlichen Entstehungsumstände ein: also die Art, wie die Menschen damals gelebt und gedacht haben. Der Erfahrungshorizont des heutigen Lesers ist geprägt von dessen Leben und Denken. Beide Horizonte treffen beim Vorgang des Lesens und Interpretierens aufeinander, woraus etwas Neues entsteht. Die Wissenschaftlichkeit erfordert es dann, dass dieses Neue kritisch reflektiert wird.

Literatur

  • Beckett, Samuel: Warten auf Godot. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004, ISBN: 978-3518220405
  • Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werther. Reclam Verlag, Ditzingen 2001, ISBN: 978-3150000670
  • Trakl, Georg: Fünfzig Gedichte. Reclam Verlag, Ditzingen 2001, ISBN: 978-3150181324

Sekundärliteratur

  • Frank, Horst Joachim: Wie interpretiere ich ein Gedicht? Eine methodische Anleitung. UTB, Stuttgart 2003, ISBN: 978-3825216399
  • Scheller, Ingo: Szenische Interpretation von Dramentexten. Materialien für die Einfühlung in Rollen und Szenen. Schneider Verlag, Hohengehren 2008, ISBN: 978-3834004628
  • Schlingmann, Carsten: Methoden der Interpretation. Reclam Verlag, Ditzingen 1986, ISBN: 978-3150095867

Weitere Einträge zum Stichwort:

Hauptseite | Literatur | Rezeption | Interpretation




FacebookTwitThis
Pin ItMister Wong
RSS-Feed RDF-Feed ATOM-Feed

schliessen