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Jirgl, Reinhard

Reinhard Jirgl (geb. 16. Januar 1953 in Ost-Berlin) ist ein deutscher Schriftsteller. Seine Bücher gelten als die Werke eines genialen Einzelgängers und eines Virtuosen der Sprache. Jirgl ist Büchner-Preisträger 2010. Er lebt und arbeitet in Berlin.

Leben und Schreiben

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Reinhard Jirgl wurde am 16. Januar 1953 in Ost-Berlin geboren. Seine Kindheit verbrachte er bei den Großeltern in Salzwedel, einer kleinen Stadt in der Altmark nahe Magdeburg. Als er zehn Jahre alt war, kehrte er nach Berlin zu den Eltern zurück, die beide als Dolmetscher arbeiteten. Jirgl besuchte bis zur zehnten Klasse die Oberschule und wurde gleichzeitig zum Elektromechaniker ausgebildet. Ab 1969 war er berufstätig, daneben belegte er Kurse am Abendgymnasium und studierte ab 1971 Elektronik an der Berliner Humboldt-Universität. Im Jahr 1975 machte er das Ingenieurs-Examen.

In der Zeit von 1975 bis 1978 war Jirgl als Ingenieur an der Akademie der Wissenschaften in Berlin-Adlershof tätig. Im Anschluss arbeitete er als Beleuchtungstechniker an der Volksbühne in Ost-Berlin. Dort lernte er den Dramatiker? und Regisseur? Heiner Müller? kennen, der ihn in seiner literarischen Arbeit bestärkte. Seit 1996 lebt und arbeitet Reinhard Jirgl, der bereits seit 1975 kontinuierlich schreibt, als freier Schriftsteller in Berlin.

„Mutter Vater Roman“ (1990)

Bis zum Ende der DDR blieb es Reinhard Jirgl verwehrt, auch nur ein einziges seiner Bücher zu veröffentlichen. Bis 1989 hatte er insgesamt sechs unveröffentlichte Bücher geschrieben. Wegen „nichtmarxistischer Geschichtsauffassung“ wurde das Erscheinen seines ersten Romans von den DDR-Kulturbehörden immer wieder verzögert. So konnte Reinhard Jirgls literarisches Debüt? „Mutter Vater Roman“ (1990) erst im Frühjahr 1990 erscheinen. In der Zeit des politischen Umbruchs blieb der Roman jedoch nahezu unbeachtet. Jirgls Erstling enthält bereits viele der Themen, die für sein bisheriges Schaffen charakteristisch sind: Immer wieder konfrontiert er seine Figuren mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Im Zentrum seiner Werke stehen die unbewältigten Erfahrungen von Krieg und Diktatur, von erzwungenem Kollektivismus und in immer neuen Variationen das Leid und die Verletzlichkeit des Einzelnen.

Nach 1989 erschienen innerhalb weniger Jahre vier seiner fertigen Bücher. 1990 wurde neben „Mutter Vater Roman“ auch das Buch „Uberich. Protokollkomödie in den Tod“ (1990) veröffentlicht, für das Heiner Müller? das Vorwort? schrieb. Es folgten der Roman „Im offenen Meer. Schichtungsroman“ (1991), die Essaysammlung „Zeichenwende. Kultur im Schatten posttotalitärer Mentalität“ (1993) und die Szenen „Das obszöne Gebet. Totenbuch“ (1993). Die meisten von Jirgls frühen Werken zeichnen sich durch ihre experimentelle Form und expressiven Ton aus. Zudem setzen sie beim Leser ein großes literarisches, historisches und kulturgeschichtliches Wissen voraus. In der Fachkritik gelten Jirgls Bücher als die Werke eines genialen Einzelgängers und eines Virtuosen der Sprache. Da jedoch nur selten Erzählfluss aufkommt, die Erzählperspektive nie eindeutig ist und Jirgl meist in einer orthographisch? von ihm selbst geschaffenen Sprache schreibt, fanden seine Bücher bisher noch nicht den Weg zum breiten Publikum.

„Abschied von den Feinden“ (1995)

Ein großer Erfolg bei der Literaturkritik war auch Jirgls fünfter Roman „Abschied von den Feinden“ (1995), dessen Manuskript 1993 mit dem Alfred-Döblin-Preis? ausgezeichnet wurde. Der Roman, ein auf verschiedenen Erzählebenen angesiedeltes deutsch-deutsches Familiendrama, soll, wie Jirgl sagte, „das Deutsche in den Deutschen“ aufspüren, identifizieren und bloßlegen. Die Literaturkritik fand, der Roman sei ein Nekrolog auf das wundersame Niemandsland DDR. Die „Zeit“ erkannte in dem Buch das Schattenbild der deutschen Verhältnisse, eine Gegenstimme im Kur-Konzert des Zeitgeistes. Mit dem Roman „Hundsnächte“ (1997) knüpfte Jirgl an „Abschied von den Feinden“ an.

„Die Unvollendeten“ (2003)

In den folgenden Jahren erschienen unter anderem der Roman „Die atlantische Mauer“ (2000), die Trilogie? „Genealogie des Tötens“ (2002) und die Essaysammlung „Gewitterlicht“ (2002). In dem Roman „Die Unvollendeten“ (2003) wendet sich Reinhard Jirgl den Heimatvertriebenen zu, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat in den deutschen Ostgebieten verlassen mussten. Im Mittelpunkt des Romans stehen vier Frauen aus Komotau, die aus den Sudetengebieten in die Sowjetische Besatzungszone fliehen. „Die Unvollendeten“ ist eine Geschichte über Außenseiter, eine Familiensaga von Heimatlosen, die voll Hass vertrieben und voll Hass empfangen werden. Im zweiten, stark autobiographisch gefärbten Teil des Romans, der bis in das Berlin des Jahres 2002 führt, erzählt Jirgl, wie eine der Frauen im Januar 1953 einen Sohn zur Welt bringt, der bei seinen Großeltern nahe Magdeburg aufwächst. „Die Tageszeitung“ war begeistert und rühmte den Roman als präzises, dichtes Kunstwerk, das inhaltlich wie stilistisch bestechend sei.

„Abtrünnig“ (2005)

Im Jahr 2005 veröffentlichte Jirgl den Roman „Abtrünnig“ (2005), der im Untertitel? den Zusatz „Roman aus der nervösen Zeit“ trägt. Darin erzählt Jirgl die Geschichte zweier Männer, der eine ist erfolgloser Journalist aus Hamburg, der andere ein ehemaliger Grenzbeamte aus Frankfurt an der Oder. Die Liebe hat beide nach Berlin verschlagen, wo sie die Jahre 2000 bis 2004 verbringen. Ihre Geschichten sind eng miteinander verschränkt, verlaufen jedoch in gänzlich unterschiedlicher Richtung. Am Ende zerbrechen beide Protagonisten an der Gier nach Macht, Geld und Erfolg. In „Abtrünnig“ greift Jirgl zahlreiche Themen und Motive aus früheren Romanen auf und schreibt sie in unerwarteter Weise fort. Mit „Abtrünnig“ unterstrich der Autor seinen herausragenden Rang als sensibler Chronist deutscher Vergangenheit und Gegenwart. Die Literaturkritik lobte den Roman, beklagte aber gleichzeitig, dass ihm die erzählerische Dichte seiner Vorgänger fehle.

Im Jahr 2008 legte Jirgl den Sammelband „Land und Beute“ (2008) vor, in dem Kritiken, Beobachtungen und Polemiken aus den Jahren 1996 bis 2006 zusammengetragen sind. In den Texten legt der Autor Rechenschaft ab über sein Schreiben und seine eigene Gegenwart. Die Literaturkritik bemängelte vor allem die schwere Lesbarkeit der hochkomplizierten Denkbewegungen des Autors, die durch eine überkomplexe Syntax zusätzlich verkompliziert werde.

„Die Stille“ (2009)

Im Jahr 2009 erschien "Die Stille" - ein Epos vom langen 20. Jahrhundert in Deutschland. Es erzählt von zwei Familien, die über fünf politische Systeme hinweg überleben - von der Kaiserzeit bis heute, mit zwei Weltkriegen, Inflation, Flucht und Vertreibung. Am Beginn steht ein Fotoalbum, dessen ältesten Bilder über achtzig Jahre alt sind: Dessen einhundert Fotografien folgend, erzählt Jirgl seine Geschichten von Verletzungen, Liebe und Verrat.

Mit "Die Stille" wurde Reinhard Jirgl für den Preis der Leipziger Buchmesse 2009 nominiert.

Georg-Büchner-Preis 2010

Im Jahr 2010 erhielt er den Büchner-Preis. In seinen Romanen habe er ein „eindringliches, oft verstörend suggestives Panorama der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert entfaltet“, so er Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Klaus Reichert. In seiner Festrede kritisierte Jirgl den nach wie vor bestehenden relativierenden Umgang mit der DDR und erinnerte an die in der DDR gängige und die individuelle Urteilskraft untergrabende Sprachpraxis der Tautologie?, etwa in dem Satz "Der Marxismus-Leninismus ist wahr, weil er wissenschaftlich ist, und er ist wissenschaftlich, weil er wahr ist."

Reinhard Jirgl lebt und arbeitet in Berlin.

Übrigens ...

ist Reinhard Jirgl seit 2006 Mitglied in der Berliner Akademie der Künste?. Seit 2009 gehört er der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung? an.

Auszeichnungen

Werke (Auswahl)

  • Bücher von Reinhard Jirgl bei Jokers
  • Mutter Vater Roman. EA 1990. Carl Hanser Verlag, München 2012
  • Abschied von den Feinden. Roman. EA 1995. Hanser Verlag, München 1995, ISBN: 978-3446180109
  • Hundsnächte. Roman. EA 1997. Dtv, München 2001, ISBN: 978-3423129312
  • Die atlantische Mauer. Roman. EA 2000. Hanser Verlag, München 2000, ISBN: 978-3446198463
  • Genealogie des Tötens. Trilogie. EA 2002. Hanser Verlag, München 2002, ISBN: 978-3446201712
  • Die Unvollendeten. Roman. EA 2003. Dtv, München 2007, ISBN: 978-3423135313
  • Abtrünnig. Roman aus der nervösen Zeit. EA 2005. Dtv, München 2008, ISBN: 978-3423136396
  • Land und Beute. Aufsätze aus den Jahren 1996 bis 2006. EA 2008. Hanser Verlag, München 2008, ISBN: 978-3446230095
  • Die Stille. Roman. EA 2009. Hanser Verlag, München 2009, ISBN: 978-3446232662
  • Nichts von euch auf Erden. Roman. EA 2013. Carl Hanser Verlag, München 2013

Hörbücher

  • Gewitterlicht. CD. Revonnah Verlag, Hannover 2005, ISBN: 978-3934818200

Sekundärliteratur

  • Clarke, David/De Winde, Arne (Hg.): Reinhard Jirgl - Perspektiven, Lesarten, Kontexte (German Monitor). EA 2007. Editions Rodopi B.V., Amsterdam - New York 2007, ISBN: 978-9042021372

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