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Kultur

Als Kultur bezeichnet man das ebenso fruchtbare wie spannungsreiche Zusammenspiel von so unterschiedlichen Phänomenen wie Kunst und Technik, Literatur und Moral, Wissenschaft und Religion. Die Grundlagen des modernen Kulturbegriffs wurden im 16. Jahrhundert in Frankreich gelegt. Heute befassen sich wissenschaftliche Disziplinen wie Kultursemiotik oder Kulturökologie mit dem Thema.

Definition

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Als Kultur (lat. cultura: Pflege, Landbau) bezeichnet man in der Wissenschaft und in der Alltagssprache eine ganze Reihe von höchst unterschiedlichen Phänomenen. Dazu gehören u. a. Kunst und Technik, Literatur und Moral, Wissenschaft und Religion, Recht und Wirtschaft. Eine umfassende Definition, die allen Kulturleistungen gleichermaßen gerecht wird, gibt es nicht.

Als wichtigstes gemeinsames Merkmal aller Kulturleistungen gilt jedoch der Gegensatz zur Natur: Kultur ist reines Menschenwerk, vom Menschen gemacht und allein durch ihn in der Welt; Natur hingegen gibt es auch ohne Zutun des menschlichen Geistes und seiner schöpferisch-gestaltenden Kräfte. Ein gemeinsamer Kulturhintergrund kann ein elementarer Bestandteil von regionaler, nationaler und globaler Identität sein.

Foto: Kunstzirkus/pixelio.de

Entstehung

In der antiken Welt war der Kulturbegriff, so wie wir ihn heute verstehen, noch unbekannt. Griechische und römische Gelehrte unterschieden allerdings schon zwischen Dingen, die zum Erdreich gehören (terrenus), und Dingen, die künstlich hergestellt werden (facticius). Ebenfalls aus der Antike stammt die Vorstellung, dass der Mensch in der Lage sei, seine individuelle Persönlichkeit zu kultivieren und zu heben, z. B. durch die Beschäftigung mit Philosophie oder Literatur.

Entwicklung

Die Grundlagen des modernen Kulturbegriffs wurden im Frankreich des 16. Jahrhunderts gelegt. Hier hatte Kultur zunächst noch die Bedeutung von Pflege, z. B. Pflege und Anbau von Nutzpflanzen. Später dehnte die Wortbedeutung sich aus und umfasste dann auch die Verbesserung der Sitten, die Vervollkommnung der geistigen Fähigkeiten oder die Entwicklung zu Frieden, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit. In Frankreich wurden die Begriffe Kultur und Zivilisation lange Zeit synonym? verwendet.

Kultur oder Zivilisation?

In Deutschland kam es im 18. Jahrhundert zu einer scharfen begrifflichen Trennung von Kultur und Zivilisation. Am Ende des lange andauernden und problematischen geistesgeschichtlichen Prozesses stand ein folgenreicher Gegensatz: Auf der einen Seite Kultur, mit Wertbegriffen wie Tiefe, Seele, Moral, Bildung, Literatur und Kunst verbunden; auf der anderen Seite Zivilisation, verknüpft mit Oberflächlichkeit, Technik, Ökonomie, Politik und Mangel an echter Menschlichkeit. Wobei Deutschland vielfach als Heimat echter Kultur wahrgenommen wurde; Frankreich dagegen als Brutstätte einer lasterhaften und übersättigten Zivilisation.

Großen Einfluss auf die Entgegensetzung von Kultur und Zivilisation hatten Denker wie Immanuel Kant, Wilhelm von Humboldt? und Oswald Spengler?. Für Kant war Kultur unauflösbar mit Moral und der zweckfreien guten Tat verbunden; um hingegen als zivilisiert zu gelten, genügten schon gefällige Tischmanieren. Spengler? beschreibt in seinem pessimistischen geschichtsphilosophischen Hauptwerk? „Der Untergang des Abendlandes“ (1918) die Zivilisation als letztes Stadium einer kulturellen Blütezeit, als gruseligen und schmerzhaften Todeskampf einer absterbenden Kultur.

Deutschland: Industrie- oder Kulturnation?

Im 19. Jahrhundert wurde der Begriff der Kulturnation geprägt. Er gelangte in Deutschland rasch zu großer Popularität, nicht selten im handlichen Format einer propagandistischen Kampfparole. Der Historiker Friedrich Meinecke? sah in den kulturellen Gemeinsamkeiten die zentrale Grundlage für die Entstehung und den Zusammenhalt einer Nation. Dabei ging es Meinecke, in einer Traditionslinie mit Kant und Humboldt? stehend, nicht um politische, konstitutionelle oder industrielle Errungenschaften, sondern vor allem um gemeinsamen Kulturbesitz, wie z. B. Kunst, Musik, Literatur oder Religion.

Das späte 19. Jahrhundert führte in Deutschland noch einmal zu einer Verschärfung der Antithese Kultur-Zivilisation, nun auch häufig im Zusammenspiel mit primitiven rassistischen Pseudotheorien. Als wichtiger Grund für diese Entwicklung gilt die ebenso rasant wie krisenhaft verlaufende Industrialisierung Deutschlands, die viele Menschen existentieller Not aussetzte. Im Bereich von Kunst und Philosophie fanden die Schriften Richard Wagners? und Friedrich Nietzsches außergewöhnlich starken Anklang. Vor allem die vital-polemische Philosophie Nietzsches hat die Auseinandersetzung mit dem Thema bis ins 20. Jahrhundert geprägt.

Kulturindustrie und Mediensprache

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte der von Theodor W. Adorno geprägte Begriff der Kulturindustrie enorme Sprengkraft. Adorno war zu der Auffassung gelangt, dass die im Zeitalter der Massenmedien mit standardisierten Produktionstechniken erzeugte Kunst aufs bloße Amüsement reduziert sei. Typische Resultate dieser Entwicklung seien Bestseller, Seifenopern und Schlager. Gemeinsames Merkmal dieser Produkte sei die unaufhörliche Variation des Immergleichen. Von Kultur im eigentlichen Sinne könne daher nicht mehr die Rede sein.

Insgesamt ist in der Wissenschaft der Gegensatz von Kultur und Zivilisation seit Mitte des 20. Jahrhunderts aber deutlich in den Hintergrund getreten. Verschiedene wissenschaftliche Disziplinen wie z. B. Kulturwissenschaft, Kultursemiotik oder Kulturökologie untersuchen das Phänomen mit neuen hochtheoretischen Methoden. In der Alltags- und Mediensprache ist das Wort Kultur nach wie vor sehr präsent, zwar wird es hier äußerst vage und teilweise sogar völlig beliebig verwendet, dabei ist es aber fast ausschließlich mit einer positiven Bedeutung verbunden.

Literatur

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