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Lyrik

Die Lyrik (von griech. lyríkon - zum Spiel mit der Lyra/Leier gehörend) gilt als Urform der Dichtung. Sie bringt mit Hilfe formaler sprachlicher Mittel insbesondere subjektive Gefühlslagen, Stimmungen, Gedanken und weltanschauliche Perspektiven zum Ausdruck. Das inhaltliche Spektrum umfasst alle Bereiche der menschlichen Existenz.

Definition

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Die Lyrik ist neben der Epik und dem Drama eine der drei literarischen Grundgattungen und zugleich ihre subjektivste. Sie entsteht durch die sprachliche Gestaltung seelischer Vorgänge, die aus erlebten Begegnungen mit der Welt hervorgehen. Durch die Verwandlung in Sprache wird das Erlebnis aus dem subjektiven und individuellen Bereich auf eine überindividuelle, allgemeingültige und symbolische Ebene gehoben.

Lyrische Werke nennt man Gedichte. Diese bezeichnen nach einem allgemeinen Verständnis poetische Texte in gebundener (Vers-) Sprache. Seit dem 19. Jahrhundert sind lyrische Texte auch in ungebundener, freier Form verbreitet (Prosagedicht?).

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In seiner „Poetik“ unterschied bereits Aristoteles? zwischen Lyrik, Epik und Dramatik?. Allerdings wurde die Lyrik erst im 18. Jahrhundert zum Gattungsbegriff für literarische Werke. Im Unterschied zum Begriff der Lyrik liegt beim Begriff der Poesie der Akzent stärker auf dem schöpferischen Prozess des Dichtens. Poesie kommt vom griechischen „poíesis - das kreative Machen, die Schöpfung“. Ende des 16. Jahrhunderts wurde es als Fremdwort? aus dem Französischen (poésie) als Synonym? für „Dichtkunst“ übernommen.

Fotos: www.pixelio.de

Aufbau

Es bietet sich an, den Aufbau von Lyrik anhand der Struktur von Gedichten in Abgrenzung zu Prosatexten zu beschreiben. Traditionell unterscheiden sich Werke dieser beiden Grundgattungen in ihrer äußeren Form: Typisch für die Lyrik sind Verse, Versmaß und Strophenbau?.

Häufig angewandte formale Mittel sind Rhythmus?, Metrum, Vers, Reim?, Takt?, Strophe?, Enjambement?, Alliteration?, Bild oder Metapher. Außerdem können neue Wortschöpfungen oder eine nicht-alltägliche Anordnung von Wörtern, Wortgruppen und Sätzen eine Rolle spielen. Auch die lautliche Qualität der Wörter ist in vielen Fällen von Bedeutung. Ein entscheidendes Merkmal kann zudem die graphische Gestalt sein (zum Beispiel in Figurengedichten).

Konstante Elemente von Lyrik, die ihre Wurzeln im griechisch-römisch-christlichen Kulturkreis hat, sind Rhythmus?, Vers, Metrum, Reim? und Strophe?. Aus der Art, wie diese Elemente kombiniert werden, ergeben sich die einzelnen lyrischen Gattungen. Einige davon wurden schon in der griechischen Antike ausgebildet (Elegie?, Ode?, Hymne?, Epigramm?) und seit der Renaissance? in Europa um neue Varianten ergänzt (Sonett?, Madrigal?, Kanzone? u.a.).

Durch eine zunehmende Formenvielfalt lyrischer Texte ab dem 19. Jahrhundert sind die Grenzen zwischen Lyrik und Prosa mittlerweile jedoch verwischt. Die moderne Lyrik verzichtet oft auf klassische poetische Mittel wie Reim? oder Versmaß und verwendet den freien Vers. Dieser wurde im 19. Jahrhundert in Frankreich als „vers libre“ entwickelt. Der Verzicht auf die Regeln der Metrik hat beim freien Vers eine Annäherung an die Prosa zur Folge.

Kennzeichnend für die Form von Gedichten sind jedoch früher wie heute – im Gegensatz zu Epik und Drama – ihre Kürze sowie ihre Dichte (sprachlich ökonomischer Stil mit knappen, prägnanten Formulierungen). Darüber hinaus gilt Subjektivität als typisches Merkmal. Sie drückt sich häufig in Form eines „lyrischen Ichs“ aus.

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Das Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt ist je nach Art der Lyrik sehr unterschiedlich. So steht in der Stimmungslyrik? das subjektive Empfinden im Mittelpunkt, in dem sich das Objektive auflöst, so dass lyrisches Ich und Wirklichkeit ineinander verschmelzen. Ähnlich geartet ist die Erlebnislyrik?, wo sich aber darüber hinaus eine bewusste Einstellung des lyrischen Ichs gegenüber der dargestellten Wirklichkeit ausdrückt. Unterschiedliche Arten von Lyrik lassen sich also, je nach Kriterien, ganz verschieden erfassen: etwa nach dem Gegenstand (z. B. Liebeslyrik?, Naturlyrik?, politische Lyrik?), nach dem Grad der Subjektivität (Stimmungslyrik?, Erlebnislyrik?) oder nach dem Maß der formalen Gestaltung (vom formal relativ anspruchslosen Lied bis hin zur extrem durchgeformten Kunstlyrik?).

Foto: S. Hofschlaeger / www.pixelio.de.

Verschiedene Formen

Entstehung

Der Begriff Lyrik stammt aus dem Alt-Griechischen und folgt dem Wort lyrikon, welches „die zum Spiel der lýra (Leier) gehörende Dichtung“ bezeichnete. Diese unterteilte sich in Einzelliedvorträge (monodische Lyrik) und Chorgesang (Chorlyrik). Als vorgetragener Gesang zur lýra wurde die Lyrik des Abendlandes im antiken Griechenland zum ersten Mal in literarischer Weise bezeichnet. Sie erklang als Festdichtung zu gesellschaftlichen Ereignissen. So gab es Lobes-, Sieges- und Trauergesänge ebenso wie Trink- oder Hochzeitslieder. Zu den bedeutendsten Dichtern der griechischen Antike zählen Terpandros? und Sappho?. Beide lebten im 7. Jahrhundert vor Christus.

Dort wie in anderen Kulturkreisen (im Orient, in China, Indien, Polynesien und anderswo) war die Lyrik vor allem Ausdruck eines mythischen Bewusstseins. Ihre Texte drehten sich häufig um magische Beschwörungsformeln, Totenklagen oder den Krieg. Im alten China galt sie als die am meisten geachtete Form der Dichtung. Ausgedrückt wurde Volksliedartiges mit oft lehrhaftem Charakter, zum Beispiel im Shihching (Buch der Lieder), das zwischen 1500-500 v.Chr. zusammengetragen wurde. Im alten Ägypten pflegte man die hymnische Dichtung in Form von Totenklagen („Totenbuch?“).

Entwicklung

Im Laufe der Zeit waren und sind die Ausformungen und Inhalte der Lyrik zeit- und kulturbedingten Wandlungen unterworfen.

Antike

Die Lyrik der alten Römer war in abnehmendem Maße geprägt von einer starken Auseinandersetzung mit der griechischen Kultur und Literatur. Bereits von den Zeitgenossen wurde sie daher als klassisch bezeichnet. Eine Blütezeit erreichte sie im 1. Jahrhundert vor Christus unter Kaiser Augustus. In dieser Epoche wirkten mit Horaz? und Ovid zwei der herausragendsten Vertreter.

Horaz veröffentlichte Satiren in Form von Einzelgedichten, die er in Hexametern? verfasste. Seine Oden? folgten den griechischen Vorbildern der Lieddichtung. Allerdings wurden sie nicht vertont. Er orientierte sich zum Beispiel an Alkaios von Lesbos? (etwa 630-580 v. Christus), dessen Strophenform? er zum Teil übernahm. Auch thematisch knüpfte Horaz? an die alten Griechen an, indem er Fragen von Liebe, Politik und Freundschaft zur Sprache brachte. Er bemühte sich um eine knappe Darstellung und folgte seinem Kunstprinzip einer „Vielfalt in der Beschränktheit“.

Mittelalter

Im europäischen Mittelalter entwickelte sich früh eine religiöse Lyrik in lateinischer Sprache. Geistliche Lyrik fand ihren Ausdruck zum Beispiel in Form von Sequenzen? (lyrisch-hymnischer Kirchengesang). Eine weltliche lateinische Lyrik bildete hingegen im Mittelalter die Vagantendichtung?. Sie umfasste vor allem Lieder und Sprüche? über Liebe, Spiel und Wein oder Spottgedichte? auf Kleriker. Sowohl geistliche Lyrik? wie die Vagantendichtung? sind häufig ohne Angaben ihrer Verfasser in größeren Sammlungen überliefert. Ein Beispiel hierfür ist die Vagantendichtung? der Carmina Burana („Lieder aus Benediktbeuern“), eine im 11. und 12. Jahrhundert entstandene Sammlung von oft moralisch-satirischen Lied- und Dramentexten.

Die ersten Gedichte deutscher Sprache verwendeten den Stabreim? und die Alliteration?. Zu den ältesten Überlieferungen gehören die christlich geprägten Merseburger Zaubersprüche. Man fand sie 1841 in der Bibliothek des Domkapitels Merseburg in einer aus Fulda stammenden theologischen Handschrift aus dem 9./10. Jahrhundert von Georg Waitz?. 1842 gab Jakob Grimm? sie erstmalig heraus. Die beiden Zauberformeln sind die einzigen erhaltenen Zeugnisse germanisch-heidnischer Religiosität in althochdeutscher Sprache. Den inhaltlichen Kern bildet eine magische Beschwörung in Form eines Analogiezaubers (So wie damals … so soll auch jetzt …). Die Langzeilen? weisen einerseits Stabreime? auf. Andererseits sind bereits Endreime? enthalten, die in der christlichen Dichtung des 9. Jahrhunderts erfunden wurden.

Weit verbreitete Formen der Lyrik sind im Mittelalter der Minnesang? und (speziell im deutschsprachigen Bereich) die Spruchdichtung? (gnomische Dichtung). Letztere war eine mittelhochdeutsche Dichtungsform, die entweder als gesprochener lehrhafter Sprechspruch in Reimpaaren oder als gesungener Sangspruch in Strophen? auftrat. Oft waren die Inhalte persönlicher oder politischer Natur. Der Minnesang? ist seinerseits die schriftlich überlieferte, an westeuropäischen Adelshöfen im Hochmittelalter ritualisierte Form gesungener Liebeslyrik?.

Minnesänger

Die ersten bezeugten Minnesänger? findet man Ende des 11. Jahrhunderts in Südfrankreich: die Trobadors (u.a. Wilhelm IX. von Aquitanien). Ihre Lieder haben großen Einfluss auf die Entwicklung im deutschsprachigen Raum. Dort tritt ein höfisch-ritterlicher Minnesang? in mittelhochdeutscher Sprache erstmals Mitte des 12. Jahrhunderts auf. Die im Minnesang? verwendete Version des Hochdeutschen ist der erste Versuch einer gesamtdeutschen Literatursprache. Erst 400 Jahre unternimmt Martin Luther? mit seiner Bibel-Übersetzung den zweiten Versuch. Als wichtigster deutschsprachiger Lyriker und Minnesänger? des Mittelalters gilt Walther von der Vogelweide? (1170-1230). Auf mittelhochdeutsch sind 90 Lieder und 150 Sangsprüche von ihm überliefert.

Meistersänger

Der Minnesang? als vorherrschende Form der Lyrik wird im Spätmittelalter (etwa ab 1350) von anderen Gattungen abgelöst. So inszenierten zum Beispiel im deutschsprachigen Gebiet die Meistersänger? des städtisch geprägten Spätmittelalters (etwa der Nürnberger Hans Sachs? im 16. Jahrhundert) ihre Dichtung als Silben- und Töne-Handwerk. Ihre Dichtungen und Melodien? leiteten sich aus dem Minnesang? ab, folgten aber einem strengen, lern- und abprüfbaren Regelwerk. In Meistersinger-Schulen wurden der Gesang und die Struktur der Verse und Strophen? gelehrt. Zu den in Zünften organisierten Meistersängern? zählten vor allem Handwerksmeister, aber auch Priester, Lehrer und Juristen. Ihre Zentren waren Augsburg, Nürnberg, Straßburg und Frankfurt am Main.

Frühe Neuzeit

Andere Länder, andere Lyrik: In Italien haben in der Renaissance Dante? (1265-1321) und Francesco Petrarca? (1304-1374) maßgeblichen Einfluss. Dantes? lyrische Gedichte (ab 1283) beinhalten unter anderem Sonette?, Balladen und Sestinen?. Petrarca? ist berühmt für sein Canzoniere, einen Zyklus? von 366 Gedichten (davon 317 Sonette?). Darin besingt er seine reine, ausdauernde Liebe zu Laura (madonna angelicata). Im 15. Jahrhundert tut sich Michelangelo? in der Lyrik italienischer Sprache hervor, im 16. Jahrhundert Torquato Tasso?.

Unter italienischem Einfluss entwickelt sich auch in England eine Lyrik. William Shakespeare (16. Jahrhundert), John Milton? (17. Jahrhundert) und Alexander Pope? (18. Jahrhundert) werden in der Folgezeit zu namhaften Vertretern. In Frankreich ist François Villon? die entscheidende Figur. Er prägt im 15. Jahrhundert die Lyrik des Spätmittelalters. In seinen beiden parodistischen Testamenten sowie in zahlreichen Balladen gibt er seinen Abenteuern als Scholar, Vagant und Krimineller eine literarische Form.

Anders Martin Luther? (1483-1546) und Friedrich Spee? (1591-1635): Sie fühlten sich christlichen Inhalten verpflichtet und taten sich auch als Dichter von Kirchenliedern? hervor. Beeinflusst von Luther?, der lateinischen Lyrik von Horaz? sowie von der italienischen und französischen Dichtkunst, entfaltete sich im deutschen Barock? eine neue Art von Gesellschaftslyrik?. Sie zeichnete sich durch Vielfalt und Formstrenge aus. Herausragend auf diesem Gebiet war Andreas Gryphius? (1616-1664), der bedeutendste deutsche Sonettdichter des 17. Jahrhunderts.

18. und 19. Jahrhundert

Zu den wichtigsten deutschsprachigen Lyrikern des 18. und 19. Jahrhunderts zählen bis heute Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) und Friedrich Schiller (1759-1805). Beide schrieben zahlreiche Gedichte und Balladen. In Schillers „Wallenstein“ (1798) und Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ (1779) findet auch das dramatische Gedicht für Bühnendichtungen in Versen? Verbreitung.

Mit der Aufwertung des individuellen Geistes durch die Aufklärung? wuchs in der deutschen Lyrik des Sturm und Drang der Anteil an dichterischer Subjektivität. Eine solche Form von Erlebnisdichtung prägte später in der Romantik auch andere europäische Literaturen, so in Frankreich, England, Spanien, Russland oder Polen.

Eine Sonderrolle neben Klassik und Romantik nimmt Friedrich Hölderlin (1770-1843) um 1800 ein. Seine langen Hymnen?, Oden? und Elegien? verfasste er zum Teil in freien Rhythmen. Die Verklärung der Natur und klassizistische Bezüge kennzeichnen sein Werk?.

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Als Vertreter der deutschen Romantik sind Novalis?, Joseph von Eichendorff, Clemens Brentano? und Achim von Arnim zu nennen. Brentano? und von Arnim legten zudem von 1806 bis 1808 mit „Des Knaben Wunderhorn“ eine bedeutende dreibändige Sammlung deutscher Volkslieder vor. Als „letzter Dichter der Romantik“, zugleich als deren Überwinder, gilt Heinrich Heine (1797-1856). Seine Gedichte nehmen eine politische und sozialkritische Entwicklung. Das Gedicht „Die schlesischen Weber“ (Weberlied) von 1844 greift einen konkreten sozialen Konflikt auf und ist exemplarisch für die politische Lyrik des Vormärz. Thematisiert wird die Not schlesischer Weber, die 1844 einen Aufstand gegen Ausbeutung und Lohnverfall wagten und damit die im Zuge der Industrialisierung entstandenen Missstände anprangerten.

Zwischen Romantik und Realismus bewegt sich die Lyrik Eduard Mörikes (1804-1875). Sie umfasst volkstümliche Lieder, Balladen, Sonette? und Gedichte. Er verfasste Dinggedichte?, in denen die Realität distanziert oder objektiviert erfasst wird. Dadurch sollen die Dinge so ausgedrückt werden, als sprächen sie über sich selbst, um so ihr Inneres und ihr Wesen zu erfassen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kommt der poetische Realismus? zur Entfaltung. Auf der poetologischen Basis, die erkennbare Welt abzubilden, wird das Negative aufgehoben und zugunsten einer höheren, idealen Idee negiert. Bedeutende Vertreter des poetischen Realismus? sind Annette von Droste-Hülshoff, Theodor Storm und Franz Grillparzer?.

Moderne Lyrik

Der Begriff „moderne Lyrik“ gilt literaturwissenschaftlich als Bezeichnung für die Dichtung der Moderne?, die bis in die Gegenwart hineinreicht. Ihr Beginn lässt sich auf die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückdatieren. Der Gedichtband „Die Blumen des Bösen“ (1857) des Franzosen Charles Baudelaire? ist als Initialzündung zu sehen. In seine Fußstapfen trat die nachfolgende Lyrik-Generation der Symbolisten (Verlaine?, Mallarmé?, Rimbaud? in Frankreich; Stefan George? aus dem deutschsprachigen Raum).

Die moderne Lyrik weist keine einheitliche Erscheinungsform auf. Schon in ihren Anfängen bricht sie mit zeitbedingt vorherrschenden Traditionen der Gattung. So wich sie im 19. Jahrhundert radikal von der Dichtung vorangegangener Epochen (Klassik, Romantik) ab. Wegen ihrer vielfältigen Ausdrucksformen ist es nicht möglich, die Lyrik der Moderne über einen bestimmten literarischen Stil zu definieren.

Im englischsprachigen Raum finden im 19. Jahrhundert die Amerikaner Edgar Allan Poe, Walt Whitman? und Emily Dickinson? eigenständige neue Formen. Im 20. Jahrhundert üben unter anderem ihre Landsleute T.S. Eliot? und William Carlos Williams? sowie die Briten Ezra Pound? und Dylan Thomas? internationalen Einfluss aus, während aus Russland Ossip Emiljewitsch Mandelstam? über die Landesgrenzen hinaus einen Ruf erwirbt.

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In Deutschland beginnt die moderne Lyrik um 1900. Neben Stefan George? ist Rainer Maria Rilke ein entscheidender Dichter der Klassischen Moderne?. In den ersten zwanzig Jahres des 20. Jahrhunderts spielt der Expressionismus eine zentrale Rolle. Georg Heym?, Georg Trakl? und Gottfried Benn? haben diese Richtung mitbestimmt. In Trakls? Werk dominieren Herbststimmungen sowie dunkle Bilder des Abends und der Nacht, des Todes und des Vergehens.

Der Dichter und Arzt Gottfried Benn? (1886-1956) tritt 1912 mit „Morgue und andere Gedichte“ erstmals literarisch ins öffentliche Bewusstsein. Nach dem Vorbild der französischen Lyriker in der Tradition Baudelaires? prägt er eine „Ästhetik des Hässlichen“. Er verfasst Lyrik, die von großen Teilen der zeitgenössischen, meist bürgerlich orientierten Kritik als pervers, Ekel erregend und brutal gebrandmarkt wird. Thematisch verarbeitet er Erlebnisse aus einem Sektionskurs an einem Berliner Krankenhaus und hat auch keine Scheu davor, junge Ratten im Zwerchfell der Wasserleiche eines jungen Mädchens („Schöne Jugend“) in eine lyrische Form zu bringen.

Als Verfasser humoristischer Verse machten sich im deutschprachigen Raum vor allem Joachim Ringelnatz (1883-1934), später Ernst Jandl? (1925-2000) und Robert Gernhardt (1937-2006) einen Namen.

Bertolt Brecht (1898-1956) ging es in seiner Lyrik (ausgenommen das jugendliche Frühwerk) um die Reflexion gesellschaftspolitischer Verhältnisse. Schon sein erster Gedichtband „Hauspostille“ (1927) hatte einen didaktischen Anspruch. Er spielt darin mit christlichen Traditionen, die er kritisch hinterfragt, um seine Leser über Missbräuche des Christentums aufzuklären. Ihm schwebt auch in seinem weiteren Schaffen eine Gebrauchslyrik? vor, die theoretisch angereichert auch für spätere Zeiten gilt. Das bedeutet auch eine Ablehnung von Erlebnislyrik? und jeder Art von Schöpfertum.

In scharfsinniger und satirischer Weise gesellschaftskritisch zeigt sich die Lyrik Erich Kästners, der sich im Berlin der Zwanziger Jahre auch als Lyriker einen Namen macht.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nehmen die Gedichte von Paul Celan (1920-1970) eine herausragende Stellung in der deutschsprachigen Lyrik ein. Sie machen die Bedingungen des Verschwindens von Sprache zum Thema, verbunden mit der Frage nach der Notwendigkeit oder Irrelevanz von Rede angesichts des Verlöschens von Individualität, Leben und gesellschaftlichen Sicherheiten. Den biografischen Hintergrund für diese Auseinandersetzung bilden Celans jüdischen Wurzeln und seine Zeit im Ghetto seiner Geburtsstadt Czernowitz und in rumänischen Arbeitslagern unter nationalsozialistischer Herrschaft. Auch sein wohl berühmtestes Gedicht, die „Todesfuge“ (1948), befasst sich mit dem Holocaust und zählt zur Weltliteratur?.

Neue Subjektivität

In den Siebziger Jahren prägte der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki den Begriff der Neuen Subjektivität?. Damit wird eine Lyrik beschrieben, die private Konflikte, persönliche Befindlichkeiten, Träume und Phantasien thematisiert. Dieser Richtung werden Autoren wie Rolf Dieter Brinkmann?, Nicolas Born?, Sarah Kirsch oder Thomas Bernhard zugeordnet. Darüber hinaus sind deutschsprachige Lyriker wie Ingeborg Bachmann, Hans Magnus Enzensberger, Peter Rühmkorf?, Jürgen Becker? und Friederike Mayröcker relevant. Seit den Achtziger und Neunziger Jahren haben Thomas Kling?, Marcel Beyer?, Durs Grünbein? und Lutz Seiler die Gegenwartslyrik? geprägt.

Heute fristet die Lyrik hierzulande ein Nischendasein. Nur wenige Menschen finden Zugang und beschäftigen sich mit Gegenwartslyrik?. Hans Magnus Enzensberger hat einmal die Zahl von 1354 Lyriklesern im deutschsprachigen Raum genannt und damit pointiert auf die geringe Breitenwirkung gegenwärtiger Lyrik hingewiesen.Außer wenigen großen Verlagen (Suhrkamp Verlag, S. Fischer?, Luchterhand? u. a.) sorgen vor allem Kleinverlage (wie Kookbooks oder die Lyrikedition 2000) für rund 3000 Neuerscheinungen? pro Jahr. Erstauflagen? bewegen sich selten über 1000 Exemplaren. Einen Überblick über aktuelle Tendenzen bieten die Anthologie „Lyrik von Jetzt“ (2003) und die 17. Sonderausgabe der Hildesheimer Literaturzeitschrift?Bella triste?“ (2007).

Literatur

Anthologien
  • Brode, Hanspeter (Hg.): Deutsche Lyrik. Eine Anthologie, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006, 424 S., ISBN: 978-3518381076
  • Detering, Heinrich (Hg.): Reclams großes Buch der deutschen Gedichte, Reclam Verlag, Ditzingen, 2. Aufl. 2007, 1002 S., ISBN: 978-3150106501
  • Hartung, Harald (Hg.): Jahrhundertgedächtnis. Deutsche Lyrik im 20. Jahrhundert, 469 S., Reclam Verlag, Ditzingen 1999, ISBN: 978-3150097427
Sekundärliteratur
  • Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse, Metzler, Stuttgart, 2. Aufl. 1997, ISBN: 978-3476122841
  • Enzensperger, Manfred (Hg.): Die Hölderlin Ameisen. Vom Finden und Erfinden der Poesie - Gedichte und Materialien, Dumont Buchverlag, Köln 2005, ISBN: 978-3832179212
  • Kaiser, Gerhard: Geschichte der deutschen Lyrik von Goethe bis zur Gegenwart. Ein Grundriß in Interpretationen: 3 Bde., Insel Verlag, Frankfurt am Main 1999, ISBN: 978-3458168232
  • Schrott, Raoul: Die Erfindung der Poesie. Dtv, München 1999, ISBN: 978-3423127035
  • Schrott, Raoul / Jacobs, Arthur: Gehirn und Gedicht. Wie wir unsere Wirklichkeiten konstruieren. Carl Hanser Verlag, München 2011, ISBN: 978-3446236561
  • Wieke, Thomas: Gedichte schreiben - Gebundene und freie Lyrik schreiben lernen & veröffentlichen, Autorenhaus Verlag, Berlin, 2. Aufl. 2004, ISBN: 978-3932909375

Weitere Einträge zum Stichwort:


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