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Lyrisches Ich

Das lyrische Ich bezeichnet den fiktiven Sprecher oder die Stimme des Gedichts. In den meisten Gedichten sind lyrisches Ich und Autor nicht identisch, daher sollten die Aussagen eines Gedichtes nicht als persönliche Bekenntnisse des Autors verstanden werden.

Definition

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Lyrisches Ich ist ein Begriff aus der Literaturwissenschaft und bezeichnet den fiktiven Sprecher oder die Stimme des Gedichts. Das lyrische Ich kann Gedanken, Gefühle, Erlebnisse, Stimmungen, Beobachtungen und Erkenntnisse ausdrücken. In den meisten Gedichten sind lyrisches Ich und Autor nicht identisch, daher sollten die Aussagen eines Gedichtes nicht als persönliche Bekenntnisse des Autors verstanden werden. Häufig spricht das lyrische Ich den Leser oder eine unbekannte Person direkt mit „du“ an, es kann aber auch als ein „wir“ auftreten. Das lyrische Ich kommt nur in der Lyrik vor, im Drama und in der Epik spricht man stattdessen vom Erzähler.

Der Begriff des lyrischen Ich wurde 1910 von der deutschen Dichterin und Philosophin Margarete Susman? („Das Wesen der modernen deutschen Lyrik“, 1910) geprägt und 1916 von dem österreichischen Literaturwissenschaftler? Oskar Walzel? („Schicksale des lyrischen Ich“, 1916) aufgegriffen. Seitdem dient es der Literaturwissenschaft vor allem zur Unterscheidung zwischen dem realen Autor und der von ihm im Gedicht verwendeten Instanz eines Sprechers. Damit wird das Ich im Gedicht sozusagen als Inszenierung oder im Extremfall als reine Erfindung des Autors entlarvt und ist nicht mehr mit dem biographischen Autor-Ich identisch bzw. zu verwechseln.

Foto: Bernd Boscolo / pixelio.de

Abwendung von der biographischen Lesart

Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war in der Lyrik das Erlebnis?- und Rollengedicht? vorherrschend, in dem „echte“ Erlebnisse und Begebenheiten gestaltet wurden. Die zeitgenössischen Leser sind in den meisten Fällen davon ausgegangen, dass der Autor das Geschilderte wirklich erlebt hat. In diesem Zusammenhang spricht man von der biographischen Lesart von Literatur. Mit der von Frankreich ausgehenden literarischen Strömung des Symbolismus kam es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem tiefgreifenden Wandel in der Lyrik. Das „echte“ Erlebnis trat in den Hintergrund und wurde abgelöst und von einem kunstvollen und rhythmischen? Arrangement von Bildern, Lauten, Tönen und Stimmungen.

So wurde das späte 19. Jahrhundert zur Geburtsstunde der modernen Lyrik, die vor allem durch die sprachlich-gedankliche Konstruiertheit des Ich gekennzeichnet ist. Dieser gattungsgeschichtliche Wandel, als dessen Hauptmerkmal die Abwendung von der rein biographischen Lesart von Literatur gilt, machte die Einführung des Begriffs des lyrischen Ich notwendig. Der Reiz moderner Gedichte liegt genau in der enormen Vielfalt der verschiedenen Bedeutungsebenen des lyrischen Ich.

Literatur

  • Benn, Gottfried: Gedichte. Ditzingen, Reclam Verlag 1988, ISBN: 978-3150084809
  • Gryphius, Andreas: Gedichte. Ditzingen, Reclam Verlag 1986, ISBN: 978-3150087992
  • Lichtenstein, Alfred: Gesammelte Gedichte. Zürich, Arche Verlag 1988, ISBN: 978-3716035139

Sekundärliteratur

  • Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse. Stuttgart, Metzler Verlag 1997, ISBN: 978-3476122841
  • Frank, Horst Joachim: Wie interpretiere ich ein Gedicht? Eine methodische Anleitung. Stuttgart, UTB 1998, ISBN: 978-3825216399
  • Sorg, Bernhard: Das lyrische Ich. Untersuchungen zu deutschen Gedichten von Gryphius bis Benn. Tübingen, Max Niemeyer Verlag 1984, ISBN: 978-3484180802

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