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Mythos

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Ein Mythos (griech. mýthos - Wort, Erzählung) ist eine sagenhafte Erzählung anonymen Ursprungs, die in vielfachen, oft erstaunlich ähnlichen Varianten überliefert? wird. Er handelt von Ereignissen, die vor aller Zeit spielen, und spiegelt auf diese Weise allgemein menschliche Erfahrungen wider.

Die Wissenschaft, die sich mit Mythen befasst, nennt man Mythologie. Derselbe Begriff meint auch die Gesamtheit aller Mythen.

Entstehung und Entwicklung

Mythen sind aus dem Bedürfnis heraus entstanden, mystische und existentielle Erfahrungen sowie moralische Überzeugungen in Gestalt einer sagenhaften Erzählung fassbar zu machen. Sie handeln zum Beispiel von der Entstehung der Welt (Kosmogonie) und den Ereignissen, bevor es Menschen gab. Oft kämpfen in ihnen Gut und Böse miteinander, verkörpert durch Mächte des Lichts und der Finsternis. Als überzeitliche, jenseits der Geschichte angesiedelte Erzählungen garantieren Mythen die erlebte Ordnung der Welt. Darin haben sie enge Verbindung zum Kult: Im kultischen Spiel lassen sie sich rituell wiederholen und aktualisieren. So versicherte man sich ihrer Gültigkeit.

Mythen wurden im Kern ursprünglich mündlich überliefert. Sie ähneln einander auch bei weit entfernt lebenden Völkern oftmals überraschend. Kamen Völker miteinander in Kontakt, so vermischten sich die Mythen, neue Motive und Erzählstränge reicherten sich an, und manches wurde umgewandelt. Schon früh wurden die Mythen außerdem auch ästhetisch gestaltet und literarisiert?. Die ältesten europäischen Mythendarstellungen finden sich bei Homer und Hesiod?.

Im Stadium der Literarisierung begannen die Mythen bereits, sich aufzulösen und ihre Unmittelbarkeit zu verlieren. Dies geschah auf mehrfache Weise: durch Verstofflichung (aus den quasi heiligen Texten wurden literarische Stoffe), durch Rationalisierung (z. B. legte man von den handelnden Götterfiguren Abstammungslisten an) oder durch Exegese? (man deutete den Inhalt der Mythen, sah z. B. in einzelnen Motiven ein Sinnbild für etwas anderes, wodurch Handlung und Sinn voneinander getrennt wurden).

Themen, Stoffe und Motive

Es lassen sich drei Arten von Mythen unterscheiden:

  • Die primären Mythen, in denen auf naive Weise Erfahrungen z. B. mit der Natur in Erzählungen gefasst werden. Sie sind häufig Schöpfungsmythen, handeln also von der Entstehung der Welt - meist aus einem ursprünglichen Chaos, das in einem Kampf zwischen Gut und Böse von einer Ordnung abgelöst wird. Sogenannte anthropogonische Mythen handeln von der Entstehung des Menschen. Eschatologische Mythen hingegen malen das Weltende aus. Ätiologische Mythen bieten Ursachen für scheinbar unerklärliche Naturereignisse wie etwa Gewitter. Naturgewalten, aber auch Pflanzen und Tiere bekommen hier personhaften Charakter. Auch für religiöse Bräuche bieten ätiologische Mythen eine in die Urzeit verlegte Begründung.
  • Halbgeschichtliche Mythen handeln meist von Kriegen und Kämpfen, die zwischen Göttern, Halbgöttern und Heroen? ausgetragen werden.
  • Fantasie-Mythen sind weder auf natürliche Vorkommnisse noch auf religiöse Überzeugungen bezogen.

Deutungsgeschichte

Antike

Wird der Mythos gedeutet, so hat er seine Kraft bereits eingebüßt. Auf Seiten der Rezipienten weicht die naive Haltung des Glaubens und Staunens der Interpretation und Erklärung, Handlung und Sinn treten auseinander. Diese Auflösung des Mythos setzte bereits früh ein. So deutete etwa die Stoa den Mythos von Ares und Aphrodite, die im Netz des Hephaistos gefangen werden, als Sinnbild für die Gefangenschaft des Menschen nach Leib (Ares) und Seele (Aphrodite) in der Materie (Netz des Hephaistos).

Zuvor schon hatten griechische Philosophen, darunter Platon, die Mythen wegen ihres fiktionalen Charakters sogar als moralisch schädliche Lügenmärchen? abgelehnt. Allerdings greift Platon gelegentlich selbst auf Bestandteile von Mythen zurück, um eigene philosophische Aussagen zu verdeutlichen.

Die frühen Christen bekämpften die Mythen ebenfalls - sie sahen in ihnen nicht nur Lügen, sondern auch Zeugnisse heidnischer Religionen. Sie versuchten, die Mythen ihrer Kraft zu berauben, indem sie sie als Allegorien deuteten: Was "im übertragenen Sinne" zu verstehen ist, kann keinen Anspruch auf Realitätsgehalt haben.

Mittelalter und Renaissance

Im Mittelalter verstand man die Mythen als Geschichten aus früheren Menschheitsepochen, die in die Sphäre der Götter verlagert worden seien. Mit der Wiederentdeckung der Antike in der Renaissance erwachte auch das Interesse an den Mythen neu. Man betrachtete sie als Bildungsgut und las sie jetzt wieder als individuelle Geschichten, in denen Ideal und Wirklichkeit einander gegenübergestellt würden. Außerdem fanden jetzt neue Mythenbildungen statt, welche die Literatur bereicherten (z. B. Faust und Don Juan?).

Neuzeit

In der Weimarer Klassik betrachtete man die Mythen als sprachgewordene ästhetische Zeugnisse der Phantasie. Zunehmend erweiterte sich jetzt der Kreis der Mythen: Neben die antiken griechischen traten diejenigen aus der Bibel und die nordischen Überlieferungen. Nicht mehr die Deutung der Mythen, sondern deren Entstehung erregte nun die Neugier der Forscher.

Die Romantiker rezipierten außerdem auch Überlieferungen? aus Indien. Stets auf der Suche nach dem Ursprünglichen, Unverfälschten, glaubten sie in den Mythen alte volkstümliche Denkweisen und Ausdrucksformen zu erkennen, in denen sie sie Verstand und Gefühl versöhnt sahen. Als vermeintliche Zeugnisse eines unentfremdeten Daseins bekamen die Mythen nun geradezu utopischen Charakter und gewannen somit etwas von ihrer unmittelbaren Wirkung zurück.

Systematisch wurden die Mythen erstmals im 20. Jahrhundert untersucht - der Strukturalismus stellte dazu das Instrumentarium bereit. Hier ist vor allem Claude Lévy-Strauss? zu nennen, der durch seine Feldforschungen bei schriftlosen Völkern deren Überlieferungen aufwerten half. Auch die Psychoanalyse befasste sich intensiv mit den Mythen. Sigmund Freud interpretierte sie als Ausdruck verdrängter Wünsche. C. G. Jung sah sie als Zeugnisse grundlegender, überindividueller seelischer Erfahrungen. Er wurde hierzu angeregt durch den Philologen und Religionswissenschaftler Karl Kerényi?, der die Gestalten der griechischen Mythologie als Urbilder der menschlichen Seele interpretierte.

Als Instrumente zur Manipulation werden Mythen seit Beginn der Neuzeit gebraucht. Im 20. Jahrhundert entstanden zu diesem Zweck politische Pseudo-Mythen. Gegen diese Vereinnahmung versuchte Karl Kerényi? den Mythos in Schutz zu nehmen. Der Philosoph Ernst Cassirer?, der die Mythen in den 1920er-Jahren noch als symbolische Formen begriff, mit deren Hilfe Menschen Erlebnisse deuten, kam angesichts des Nationalsozialismus zu einer pessimistischeren Auffassung: Er sah das mythische Denken nun nicht mehr als ordnungsstiftende Fähigkeit an, sondern als Einfallstor für Chaos und kulturellen Niedergang.

Mythos und Literatur

Die Begegnung des Mythos mit der Literatur entfremdete ihn zwar dem Kult. Andererseits wurden bestehende Mythen durch die Literarisierung ausgeformt, erweitert und - als einzelne Motive oder aber im Ganzen - immer neu auf die Welt angewandt. Die Mythen ermöglichen der Literatur, die Welt nicht nur rational zu sehen, sondern sich den Blick für das Unfassbare, Verzaubernde zu bewahren. Frühe Beispiele für die Literarisierung sind etwa die griechischen Tragödien? oder aber die Edda?.

In der Renaissance kam es, wie schon erwähnt, zur Bildung neuer Mythen (Faust, Don Juan?).

Getreu dem Ansatz der Romantiker, das Unverfälschte, Natürliche aufzufinden und in künstlerischer Gestalt dem zeitgenössischen Menschen zugänglich zu machen, proklamierte Friedrich Schlegel? in seiner Schrift "Gespräch über die Poesie" von 1800 eine neue Mythologie, die aus der Begegnung zwischen Mythos und Poesie erwachsen und Gefühl und Vernunft, Natur und Kunst miteinander versöhnen sollte. Dichter wie Hölderlin und Novalis? sahen es als Aufgabe der Literatur, neue Mythen zu schaffen.

Bis in die Literatur der Moderne? hinein dienen die Mythen der Weltdeutung. Zahlreiche Dichter ließen sich von der Mytheninterpretation etwa C. G. Jungs und Karl Kerényis sowie des älteren Johann Jakob Bachofen? inspirieren. Zu ihnen gehören Rainer M. Rilke, Thomas Mann und Alfred Döblin. Im angelsächsischen Raum beeinflusste die Mythendeutung von James George Frazer? Dichter wie James Joyce, T. S. Eliot? und Ezra Pound?.

Literatur

  • Bücher zu Mythen und Mythologie bei Jokers
  • Comte, Fernand: Mythen der Welt. Theiss Verlag, Stuttgart 2008, ISBN: 9783806221688
  • Dommermuth-Gudrich, Gerold: 50 Klassiker - Mythen. Die bekanntesten Mythen der griechischen Antike. Gerstenberg Verlag, Hildesheim, 13. Aufl. 2011, ISBN: 978-3836925129
  • Jacoby, Edmund: 50 Klassiker - Mythen und Sagen des Nordens. Die keltische und germanische Überlieferung. Gerstenberg Verlag, Hildesheim, 4. Aufl. 2011, ISBN: 978-3836925716
Sekundärliteratur
  • Armstrong, Karen: Eine kurze Geschichte des Mythos. dtv, München 2007, ISBN: 978-3423136105
  • Barner, Wilfried: Texte zur modernen Mythentheorie. Reclam Verlag, Ditzingen 2003, ISBN: 978-3150176429
  • Bellinger, Gerhard J.: Lexikon der Mythologie. Nikol Verlag, Hamburg 2012, ISBN: 9783868201383
  • Blumenberg, Hans: Arbeit am Mythos. OA 1979. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 3. Aufl. 2006, ISBN: 978-3518294055
  • Bohrer, Karl Heinz (Hg.): Mythos und Moderne. Begriff und Bild einer Rekonstruktion. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1983, ISBN: 978-3518111444
  • Cassirer, Ernst: Philosophie der symbolischen Formen. OA 1923-1929.
  • ders.: Vom Mythus des Staates. OA 1946.
  • Fink, Gerhard: Who's who in der antiken Mythologie. dtv, München, 12. Aufl. 1998, ISBN: 978-3423325349
  • Gottschalk, Herbert: Lexikon der Mythologie der europäischen Völker. OA 1973
  • Jung, Carl Gustav/Kerényi, Karl: Einführung in das Wesen der Mythologie. OA 1942
  • Kerényi, Karl: Die Eröffnung des Zugangs zum Mythos. OA 1967
  • Koopmann, Helmut: Mythos und Mythologie in der Literatur des 19. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 1979, ISBN: 978-3465013181
  • Schmidt-Henkel, Gerhard: Mythos und Dichtung. Zur Begriffs- und Stilgeschichte der deutschen Literatur im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert. OA 1967

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