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Neutrale Erzählperspektive

In der neutralen Erzählperspektive berichtet der Erzähler vom Standpunkt eines unsichtbaren Beobachters. Der neutrale Erzähler verzichtet auf Urteile, Wertungen, Kommentare und Interaktion mit dem Leser. Man spricht auch vom erzählerlosen Erzählen.

Definition

Die moderne Literaturwissenschaft unterscheidet zwischen vier verschiedenen Erzählperspektiven. Die neutrale Erzählperspektive ist eine davon und genießt bei berühmten Schriftstellern aller Zeiten und Länder hohes Ansehen. Im Unterschied zur auktorialen, personalen und Ich-Perspektive greift der neutrale Erzähler weder als erkennbare auktoriale Erzählerinstanz in die Ereignisse ein, noch wählt er den individuellen Blickwinkel einer der beteiligten Figuren. Das bedeutet, dass er in keine der Figuren hineinschauen und über deren Gedanken und Gefühle berichten kann.

Aus dem Inneren der Figuren erfährt der Leser somit nur etwas, wenn diese Figuren in wörtlicher Rede über sich selbst sprechen und von sich etwas preisgeben. Der Erzähler berichtet vom Standpunkt eines unsichtbaren Beobachters, er verzichtet auch auf Urteile, Wertungen, Kommentare und Interaktion mit dem Leser. Man spricht deshalb auch vom erzählerlosen Erzählen.

Das hört sich paradox an, jedoch nur in der Theorie. Klarheit schafft hier die Praxis. Jeder Leser, der z. B. Theodor Fontanes „Der Stechlin“ oder John Dos Passos’ „Neunzehnhundertneunzehn“ liest, versteht im Handumdrehen, was mit der paradoxen Bezeichnung erzählerloses Erzählen gemeint ist. Im „Stechlin“ gibt es umfangreiche szenische Darstellungen, in denen sich der Erzähler nur durch die wörtliche Rede begleitenden Einfügungen wie „sagte“, „fragte“ und „flüsterte“ zu erkennen gibt. Der amerikanische Schriftsteller John Dos Passos hat eine interessante Schreib-Technik entwickelt, die unter der Bezeichnung „Camera-Eye“? weltbekannt wurde. In seinem Bestseller „Neunzehnhundertneunzehn“ zoomt Dos Passos wie mit einer Kamera fiktive und natürliche Personen, aber auch historische Ereignisse an den Leser heran und beschreibt sie z. B. durch Zitate oder autobiographische? Aussagen.

Unter Literaturwissenschaftlern gibt es bis heute heftige Debatten darüber, ob die neutrale Erzählperspektive überhaupt als eigenständige und vollwertige Erzählperspektive bezeichnet werden kann. Einige Fachleute führen nämlich den Einwand ins Feld, dass gerade die Literatur der Moderne? mit unzähligen berühmten Romanen, Erzählungen und Novellen gesegnet sei, aus denen sich der Erzähler – wenigsten abschnittsweise – vollständig zurückgezogen habe. Wo kein Erzähler, da auch keine Erzählperspektive, so lautet die These. Andere Fachleute signalisieren ihr kollegiales Teil-Einverständnis, weisen aber darauf hin, dass dieser Einwand zwar seine Berechtigung habe, jedoch der Begriff „neutrale Erzählperspektive“ für die Analyse von literarischen Texten erfahrungsgemäß sehr praktisch sei. Eine alte Philologen-Regel besagt: Wenn zwei sich streiten, freut sich der Kompromiss. So auch in diesem Fall! Um die nicht unproblematische Stellung der neutralen Erzählperspektive deutlich hervorzuheben, wird sie mitunter auch als „Sonderform“ bezeichnet.

Checkliste

Wer nun vor der nicht zu unterschätzenden Aufgabe steht, z.B. die Erzählperspektive in Thomas Manns Roman „Die Buddenbrooks“ zu bestimmen, der kann sich dabei an der folgenden Checkliste orientieren. Einen neutralen Erzähler erkennt man unter anderem an den folgenden charakteristischen Merkmalen:

P.S. 1

  • Und immer dran denken: Der Autor ist nicht mit dem Erzähler identisch!

P.S. 2

  • Und nicht vergessen: Die Erzählperspektive kann jederzeit wechseln! Weil ein Buch in der neutralen Erzählperspektive beginnt, bedeutet das noch lange nicht, dass es auch bis zur letzten Seite aus dieser Perspektive geschrieben ist.

Literatur

  • Dos Passos, John: USA-Trilogie. 3 Bände. Der 42. Breitengrad. Neunzehnhundertneunzehn. Die Hochfinanz. Reinbek, Rowohlt Verlag 2002, ISBN: 978-3499137310
  • Fontane, Theodor: Der Stechlin. Ditzingen, Reclam Verlag 1978, ISBN: 978-3150099100
  • Mann, Thomas: Buddenbrooks. Verfall einer Familie. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1989, ISBN: 978-3596294312

Sekundärliteratur

  • Martinez, Matias / Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. München, C.H. Beck 2007, ISBN: 978-3406471308
  • Nünning, Vera / Nünning, Ansgar: Neue Ansätze in der Erzähltheorie. Trier, WVT Wissenschaftlicher Verlag 2002, ISBN: 978-3884765463
  • Stanzel, Franz K.: Theorie des Erzählens. Stuttgart, UTB 2002, ISBN: 978-3825209049

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