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Personale Erzählperspektive

Der personale Erzähler schlüpft in eine oder mehrere Personen und erzählt die Geschichte aus deren Perspektive, aber nicht in der grammatischen Ich-Form, sondern in der 3. Person ("er", "sie"). Das Spannende an dieser Erzählperspektive ist, dass der Erzähler nur mit den Augen der gewählten Figur in die Welt blickt.

Definition

In der modernen Literaturwissenschaft unterscheidet man zwischen vier verschiedenen Erzählperspektiven. Die personale Erzählperspektive ist eine davon, außerdem gibt es noch auktoriale, neutrale und Ich-Perspektive.

Die personale Erzählperspektive weist eine Reihe von charakteristischen Merkmalen auf, die sie von den anderen Erzählperspektiven unterscheidet. Beim personalen Erzählen schlüpft der Erzähler sozusagen in die Haut von einer oder verschiedener Figuren (personale Multiperspektive). Ob er sich in der Haut der gewählten Figur wohl fühlt oder nicht – darauf kommt es nicht an. Gerade die Literatur der Moderne ist reich an Figuren, in deren Haut der Erzähler im „wirklichen Leben“ wohl unter keinen Umständen stecken möchte. Aber das nur nebenbei.

Der Erzähler schlüpft also in eine oder verschiedene Figuren und erzählt die Geschichte aus deren Perspektive - aber eben nicht in der grammatischen Ich-Form wie bei der Ich-Erzählperspektive, sondern in der 3. Person ("er", "sie"). Er blickt mit den Augen dieser Figur in die mal mehr und mal weniger erfreuliche Romanwelt, sieht nicht mehr, hört nicht mehr, schmeckt nicht mehr und weiß nicht mehr als diese jeweilige Figur. Wer als Erzähler anfallsweise an Klaustrophobie leidet, sollte diese Erzählperspektive also meiden.

Aber im Ernst, die personale Erzählperspektive ist im Vergleich zu ihren drei Schwestern noch sehr jung. Sie ist ein Kind des frühen 20. Jahrhunderts. Und zum Großteil handelt es sich tatsächlich um Problemfiguren, deren trauriges Schicksal aus der personalen Erzählperspektive geschildert wird. Wer einen Eindruck von der namenlosen Verzweiflung bekommen möchte, unter der diese Figuren mitunter leiden, sollte bei Gelegenheit mal einen Blick in Franz Kafkas Roman „Der Prozess“ werfen …

Bei der personalen Erzählperspektive handelt es sich scheinbar um ein erzählerloses Erzählen, da sich die fiktive Wirklichkeit nur im Bewusstsein einer Figur spiegelt. Da der Erzähler auf den Blickwinkel einer Figur festgelegt ist, sind Erzählerkommentare, wie sie z.B. beim auktorialen Erzählen häufig vorkommen, nicht möglich. Die personale Erzählperspektive übt eine starke suggestive Wirkung auf den Leser aus. Das hängt vor allem damit zusammen, dass die erzählte Wirklichkeit nur durch die Gefühle und Gedanken einer fiktiven Figur vermittelt wird – und kein Mensch weiß, ob die Wahrnehmung der gewählten Figur nicht z.B. durch Krankheiten oder Neurosen getrübt ist.

Bei allen Vorzügen und Reizen, die die personale Erzählperspektive auszeichnet – sie bürgt auch eine große Gefahr: die Monotonie! Das ist der Grund, weshalb viele Schriftsteller die Klippe der einzigen Figurenperspektive elegant umschiffen und sich der personalen Multiperspektive bedienen. Die Multiperspektive - ist ein Kann, kein Muss - bringt Abwechslung in die Geschichte und eignet sich auch, um etwa ein moralisches Problem aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Gerade aus den konkurrierenden Sichtweisen ergeben sich für den aufgeschlossenen Leser spannende Deutungsangebote, die das eigene Nachdenken beflügeln und mitunter sogar zu überraschenden Einsichten führen. Häufige Mittel der Darstellung sind erlebte Rede? und innerer Monolog.

Checkliste

Wer nun als Schüler, Student oder Literaturliebhaber vor der vergnüglichen Aufgabe steht, z.B. die Erzählperspektive in Franz Kafkas Roman „Der Prozess“ zu bestimmen, der kann sich dabei an der folgenden Checkliste orientieren. Einen personalen Erzähler erkennt man unter anderem an den folgenden charakteristischen Merkmalen:

  • Der Erzähler schlüpft in einer oder mehrere Personen und erzählt die Geschichte aus deren Perspektive (aber in der grammatischen 3. Person). Er sieht nicht mehr und hört nicht mehr als diese Perspektivfigur.
  • Die Perspektivfiguren können wechseln (personale Multiperspektive), sie müssen es aber nicht.
  • Es gibt keine Erzählerkommentare, wie man sie vom auktorialen Erzählen kennt.

P.S. 1

  • Und immer dran denken: Der Autor ist nicht mit dem Erzähler identisch!

P.S. 2

  • Und nicht vergessen: Die Erzählperspektive kann jederzeit wechseln! Weil ein Buch in der auktorialen Erzählperspektive beginnt, bedeutet das noch lange nicht, dass es auch bis zur letzten Seite? aus dieser Perspektive geschrieben ist.

Literatur

  • Döblin, Alfred: Berlin Alexanderplatz. München, dtv 2002, ISBN-13: 978-3423002950
  • Joyce, James: Ulysses. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag 2006, ISBN: 978-3518458167
  • Kafka, Franz: Der Prozess. Ditzingen, Reclam Verlag 1995, ISBN: 978-3150096765

Sekundärliteratur

  • Bauer, Matthias: Romantheorie und Erzählforschung. Eine Einführung. Stuttgart, Metzler Verlag 2005, ISBN: 978-3476020796
  • Stanzel, Franz K.: Theorie des Erzählens. Stuttgart, UTB 2002, ISBN: 978-3825209049
  • Wirschal, Jan: Der Außenseiter als Beobachter. Franz Hessels Roman Der Kramladen des Glücks. Erzählformen und ihre Wirkung auf die Rezeption. München, Grin Verlag 2004, ISBN-10: 3638500985

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